Marokko König WagemutSeite 2/2
So scheint alles nur noch eine Frage von Monaten zu sein: Künftig wird in Marokko keine Frau mehr gegen ihren Willen verheiratet werden dürfen. Frauen brauchen keinen Beschützer mehr, der der Eheschließung zustimmt. Das Heiratsalter der jungen Frauen wird von 15 auf 18 Jahre angehoben. Der Ehemann kann nicht mehr mit der dreifachen Verschmähung seiner Frau eigenmächtig die Scheidung verfügen, sondern muss sie juristisch durchsetzen. Auch Frauen dürfen künftig auf Scheidung klagen – und sie können sogar das Sorgerecht für ihre Kinder beantragen. Die Polygamie wird erschwert, weil die Frau die Monogamie im Heiratsvertrag festschreiben kann und der Mann ohne ihr Einverständnis keine zweite Frau nehmen darf. Kurzum: Die traditionelle Unterwerfung der Frau unter den Mann, der ihr gegenüber eine Unterhaltspflicht hat, wird durch eine gemeinsame Verantwortung für die Familie abgelöst.
Der Monarch hat entschieden. Die Parteien werden sich fügen. Selbst die PJD wird kuschen. „Gerechtigkeit ist wichtiger als Gleichheit“, hatte ihr Chefideologe Abdelilah Benkirane noch vor wenigen Monaten gesagt, „die Frauen durchleben Perioden, während derer sie besonderen Schutz brauchen – durch den Mann.“ Nun attestiert die Partei dem König eine „intelligente Interpretation“ der heiligen Texte.
Für Marokko bedeutet dies eine Revolution. Von Latefa, der Mutter des resoluten Königs, gibt es bis heute kein Bild. Sie geriet als Geschenk des Führers eines Berberstamms in den Harem von Mohammed V., dem Großvater Mohammeds VI. Ihre Heirat mit dessen Sohn Hassan II., dem Vater des heutigen Königs, wurde der Öffentlichkeit erst mit zweijähriger Verspätung bekannt gegeben – als der Thronfolger geboren wurde. Von dessen Braut, der schönen rothaarigen Salma, zirkulierten schon kurz nach der Verlobung Fotos im Internet, noch bevor das Standesamt die Ehe besiegelt hatte. Der Umbau des Königshauses ging rasant vonstatten. Die marokkanische Gesellschaft umzukrempeln wird weit schwieriger.
- Datum 16.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.10.2003 Nr.43
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