Peter F. und Sabine K. lernen sich auf einer Party kennen, wo sie heftig miteinander flirten. Er bietet an, sie mit dem Auto nach Hause zu bringen, fährt aber stattdessen in den Wald. Dort bedrängt er sie und hat trotz ihres heftigen Widerstands Sex mit ihr. Dafür verurteilt ihn der Richter später zu sieben Monaten mit Bewährung. Oder zu knapp drei Jahren ohne Bewährung. Oder zu irgendetwas dazwischen. Derart unterschiedliche Urteile erhielt die Psychologin Birte Englich von der Universität Würzburg, als sie 19 Richtern eines Landgerichts den erfundenen, aber realistischen Fall schriftlich vorlegte.

Auch bei realen Prozessen verhängen Richter für ähnliche Taten sehr unterschiedliche Strafen, wie Analysen von Gerichtsakten gezeigt haben. Dafür gibt es viele Gründe, die alle nichts mit Recht und Gerechtigkeit zu tun haben. So fällt die Strafe höher aus, wenn der Angeklagte arm, alt oder ungebildet ist, sein Anwalt bei Gericht wenig Ansehen genießt oder der Richter an die abschreckende Wirkung drastischer Urteile glaubt.

Doch Birte Englich entdeckte zusammen mit ihren Würzburger Kollegen Thomas Mussweiler und Fritz Strack im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen viel subtileren Einfluss auf die richterliche Entscheidungsfindung. Ihre Entdeckung könnte letztlich dazu führen, dass ein ehrwürdiger abendländischer Rechtsgrundsatz erschüttert wird, nämlich der, nach dem die Verteidigung das letzte Wort vor Gericht haben muss. Damit soll sichergestellt werden, dass der Anwalt des Angeklagten die Chance erhält, alle Argumente des Staatsanwalts zu kontern: in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Die Praxis aber – so zeigten jetzt die Würzburger Wissenschaftler – sieht anders aus. Hier folgen die Urteile der Richter, anders als beabsichtigt, stark den Forderungen der Staatsanwälte.

Die Würzburger Forscher konnten dies mit einer kleinen Manipulation zeigen: Stand in dem Fragebogen zu dem Vergewaltigungsfall, der Staatsanwalt habe 34 Monate gefordert, verhängten die Richter im Schnitt 29 Monate. Hatte der Ankläger dagegen angeblich 2 Monate verlangt, begnügten sich die Richter mit 19 Monaten. Der schärfere Staatsanwalt trug dem Angeklagten also eine um gut die Hälfte höhere Strafe ein. Der Grund dafür ist nicht, wie man vermuten könnte, dass Staatsanwälte als kluge, unabhängige Juristen einfach die Urteile der Richter vorwegnähmen, sondern der Tatsache geschuldet, dass sie zuerst plädieren, wie die Experimente von Birte Englich beweisen. Der vermeintliche Nachteil des ersten Plädoyers ist für den Ankläger also in Wirklichkeit ein Vorteil.

Die Staatsanwälte haben nämlich die Chance, mit ihrer Strafvorstellung nicht nur die Richter, sondern auch die nach ihnen plädierenden Verteidiger zu beeinflussen. 42 Juristen (mal auf dem Campus einer Verwaltungshochschule rekrutierte Rechtsreferendare, mal erfahrene Anwälte auf einem Fortbildungsseminar) bekamen den auf mehreren Seiten beschriebenen Vergewaltigungsfall vorgelegt, komplett mit zusammengefassten Zeugenaussagen und Sachverständigen-Gutachten. Nach gründlicher Lektüre sollten sie angeben, welches Strafmaß sie für richtig hielten, und ließen sich prompt von den manipulierten Strafforderungen beeinflussen. Verlangte der Ankläger 12 Monate Gefängnis, plädierten die Verteidiger auf 10. Preschte der Kontrahent dagegen mit 34 Monaten vor, erhöhten sie die eigene Forderung auf 17 Monate. Dass sie sich so leicht in ihrem Urteil beeinflussen ließen, konnten die aufgewühlten Juristen bei der anschließenden Nachbesprechung oft immer noch nicht recht glauben.

Der Einfluss des Anwalts

Das tatsächliche Zusammenspiel der nominellen Gegenspieler hat auf die Richter die zu erwartende Wirkung: Sie schließen sich der herrschenden Meinung im Gerichtssaal an. Im Experiment wanderte der fiktive Angeklagte durchschnittlich 28 Monate in den Knast, wenn der papierene Staatsanwalt mit dem Strafmaß hoch eingestiegen war und der Rechtsanwalt im Rollenspiel sein Scherflein dazugegeben hatte. Hielt sich der Ankläger dagegen zurück, führte dies zusammen mit dem Beitrag des Verteidigers am Ende zu milden 19 Monaten.

Der Staatsanwalt manipuliert also, indem er das Plädoyer des Rechtsanwalts beeinflusst, indirekt auch den Richter. Der Rechtsanwalt beeinflusst mit seinem Auftritt dann seinerseits den Richter. Eine Probe aufs Exempel ergab: Wird das spätere Wirken des Verteidigers herausgerechnet, verliert der Auftritt des Staatsanwalts an Einfluss. In einem ihrer Experimente zeigte Birte Englich, dass der Angeklagte in der Tat billiger davonkommt, wenn sein Rechtsvertreter als Erster plädiert.