Das Leben ist ungerecht. Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben bei gleicher Leistung schlechtere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen und das Abitur zu machen. Auch nach einem Studium steigen die Abkömmlinge des gehobenen Bürgertums schneller und erfolgreicher ins Berufsleben ein und die Karriereleiter weiter hinauf. Die Spitzen von Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Dienst rekrutieren sich zum größten Teil aus einer kleinen gesellschaftlichen Oberschicht. Wer zur Elite zählen will, muss offenbar vor allem eines mitbringen: die richtigen Eltern.

Doch auch in Deutschland wird der Ruf nach mehr Elite lauter. Angesichts der aktuellen Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftsmisere wächst die Sehnsucht nach neuen Humboldts, Röntgens und Daimlers. Sozialforscher und Bildungsexperten diskutierten in der vergangenen Woche auf dem 10. ZEIT-Forum der Wissenschaft in Berlin die Elitenförderung in Deutschland - und taten sich schon mit dem Begriff schwer. Definiert sich Elite allein über Position und gesellschaftlichen Einfluss, wie Michael Hartmann, Sozialforscher von der Universität Darmstadt, annimmt? Oder gehört ein elitäres Ethos dazu, wie Herfried Münkler, Politikwissenschaftler von der Humboldt-Universität in Berlin, fordert: "Bundesminister, die im Swimmingpool plätschern, sind nicht Elite, sondern im Gegenteil ein Inbegriff von Elitenversagen."

Und wie wird man Elite? "In die Spitze wird man hineingeboren", sagt Michael Hartmann, daran habe auch die Bildungsreform in den siebziger Jahren nichts geändert. "Man glaubte, gesellschaftliche Machtverhältnisse in großem Stile ändern zu können. Das war ein großer Irrtum." Chancengleichheit im Bildungswesen, nur ein jahrzehntealtes Märchen?

In keinem anderen Industriestaat, das belegen aktuelle Studien, werden die Bildungschancen so stark von der sozialen Herkunft bestimmt wie in Deutschland. Dagmar Schipanski, thüringische Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur und Vizepräsidentin der Kultusministerkonferenz, kämpft gegen diesen Missstand: Bildungsstandards für alle Schuljahre und Abschlüsse sollen regionale Unterschiede etwa zwischen Bayern und Bremen ausgleichen, eine allgemeine Vorschulpflicht mit Bildungsangeboten im Kindergarten sowie eine frühere Einschulung die Sozialdifferenzen der Elternhäuser kompensieren.

Als wichtigsten Einschnitt in der Bildungsbiografie beurteilten die Experten die frühe Selektion im dreigliedrigen deutschen Schulsystem. Studien belegen, dass nicht nur die Leistung, sondern auch die soziale Herkunft die Weichenstellung zwischen Gymnasium, Real- und Hauptschule bestimmt - eine Weichenstellung, die später kaum noch zu korrigieren ist. "Das Schulsystem", klagte Michael Hartmann, "ist nur in einer Richtung offen: nach unten. Es ist ungeheuer schwer, von der Realschule aufs Gymnasium zu wechseln. Den Wechsel von der Hauptschule aufs Gymnasium können Sie gleich ganz vergessen."

"Die Schule beurteilt nicht nur die intellektuelle Leistungsfähigkeit", sagt Herfried Münkler. "Es geht auch um die Fähigkeit, diszipliniert seine Hausaufgaben zu machen oder ein bestimmtes Sozialverhalten zu beherrschen." Hier sei das Elternhaus prägend. Münkler schlägt vor, soziale Unterschiede durch eine Ganztagsbetreuung in Kindergarten und Schule auszugleichen.

Wie wichtig der so genannte "soziale Habitus" für die Karriere ist, zeigt ein Blick auf Privathochschulen, die ihre Studenten selbst auswählen. Eine soziale Selektion gebe es - wenn auch nicht gezielt - auch bei Aufnahmegesprächen mit künftigen Studenten, gestand Hein Kötz, Präsident der Bucerius Law School. Bei der Auswahl der Kandidaten für das Jurastudium an der Hamburger Privathochschule zähle die Abiturnote kaum noch. Nach einem Aufnahmetest folge ein mündliches Aufnahmeverfahren, bei dem neben der intellektuellen Leistung das Auftreten durchaus eine Rolle spiele.