Nordstemmen, westlich von Hildesheim, ist kein Zentrum des Messewesens. Um hinzufinden, braucht man Entschlossenheit und eine Landkarte. Draußen vor der kleinen Stadt wartet der "Speicher", ein alter, grober Gewerbebau, der etwas von einem Spukschloss hat. Nachts möchte man hier nicht allein sein. Aber es ist ein freundlicher Sonnabendnachmittag im September des Jahres 2003, die Sonne scheint über Niedersachsen, und aus allen Himmelsrichtungen kommen Autos angefahren zur "Swing-In".

Wer den Ausstellungsraum im Obergeschoss betritt, erkennt auf den ersten Blick gar nicht, um was es hier geht. Ein knappes Dutzend Stände, Stehtische, Kaffee und Kekse, Prospekte, Visitenkarten, Stellwände mit aufgeklebten Fotos, auf denen einsam liegende Einfamilienhäuser zu sehen sind. Ein paar hundert Besucher in Freizeitkleidung, Männer wie Frauen, laufen umher, stellen Fragen, tüten Faltblätter ein. Eine Leistungsschau der Kleingärtner sähe nicht viel anders aus. Aber hier geht es um hemmungslose Lust.

Es stellen sich vor: der "Club Swing" aus Hohengandern bei Göttingen, das "Flirt" aus Hildesheim, das "Ehsasati" aus dem oldenburgischen Brettorf, das "Why not?" aus Bielefeld, das Schweriner "Opsymax"… Hunderte solcher Häuser gibt es in der Bundesrepublik. Dort treffen sich Einzelne oder Paare, die mit Partnertausch und Gruppensex Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen.

Satzungsgemäße Ausschweifung

In Nordstemmen kommt es zur Sache selbst nicht; hier soll nur für sie geworben werden. Es ist schon die achte Messe, ausgerichtet vom "Zusammenschluss der Paare- und Swingerclubs", einem eingetragenen Verein. Mit erstem Vorsitzenden, Kassenwart, Webmaster und Pressesprecher ist er für jede satzungsgemäße Ausschweifung gerüstet. Die Orgie – in Deutschland eine Frage der Organisation.

Aber sind die Swinger, und seien es ein paar hunderttausend, nicht eine ziemliche Randgruppe im Land? Was haben sie gemein mit der großen Mehrheit? Nun, das Aussehen. Es irrt, wer glaubt, gesteigerte Lüsternheit setze größere Schönheit voraus. Swingerclub-Besucher sehen so aus, wie man eben aussieht, wenn es für Titelseiten und Goldmedaillen nicht reicht, wenn Krähenfüße und Krampfadern wachsen, wenn die Busen hängen und die Bäuche sich wölben. Das stört sie aber nicht. In ihrem Clubmagazin Josy zeigen sie sich samt aller Wülste. Erotik ist für sie keine Frage der Attraktivität, sondern der Ausübung. Swinger sind Menschen, die sich nach Feierabend in geselliger Runde treffen, um ihrem Hobby nachzugehen. Und auch darin gleichen sie den meisten Deutschen.

Was sich im öffentlichen Umgang mit der Sexualität seit dem Krieg geändert hat, lässt sich besser fassen, wenn man versucht, die Swingermesse in Gedanken zurückzuverlegen. Wäre sie so zum Beispiel 1966 möglich gewesen? In jenem Jahr mussten in den Buchhandlungen – wie Fritz J. Raddatz in seinen Erinnerungen schreibt – die Käufer des erzählerischen Gesamtwerkes von Denis Diderot noch schriftlich versichern, volljährig zu sein und die Bände nicht an Jugendliche weiterzugeben. Genau: Denis Diderot, 1713 bis 1784! Ach, wenn den die Jugend heute läse statt Bravo…

Frühestens zur Studentenbewegung 1968 wäre ein "Swing-In" vorstellbar gewesen und auch dann gewiss nicht auf dem platten Land. Große Transparente hätten vor dem Eingang gehangen: "Make Love, Not War" und "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!" Denn zu jener guten, bösen alten Zeit war die freie Liebe noch kein Ziel an sich, sondern Mittel zum Zweck der politischen Veränderung.

Kommunistischer Orgasmustheoretiker

Hatten Konservative jahrhundertelang die Sexualität gefürchtet und bekämpft, da moralisch verwerflich und sozial schädlich, wollten die Linken sie nun, inspiriert vom kommunistischen Orgasmustheoretiker Wilhelm Reich (1897 bis 1957), als gesellschaftliche Sprengkraft einsetzen: Sinnenfrohe Bürger würden sich erquickt aus ihren Betten erheben und kaputtmachen, was sie kaputtmacht!

Eine schöne Vision; sie blieb unerfüllt. Zwar konnte die Sexualität ihren Fluch abstreifen, nicht einmal Aids hat daran etwas ändern können. Aber als Triebkraft des Politischen versagte sie.

Gunter Schmidt, ein führender Sexualforscher, findet das gut: Endlich dürfe Sexualität mal nur sie selbst sein, das gab’s ja noch nie! Der kürzlich emeritierte Professor sitzt in seinem Büro hoch über der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf und blickt auf jahrzehntelange Studien zurück; er macht einen durchaus vergnügten Eindruck. "Sexualität ist heute für viele Menschen etwas Alltägliches, etwas Gewohntes", sagt er, "etwas, das mal eine größere Rolle spielt, das man aber auch mal weglassen kann." An die Stelle gesellschaftlich bindender und beengender Vorschriften sei die "Verhandlungsmoral" des einzelnen Paares getreten: der Konsens der Liebenden. "Man kann alles machen, es muss nur vereinbart sein."

Noch in den fünfziger Jahren habe die Wissenschaft die Sexualität als Dampfkessel verstanden: Druck baut sich auf beim Mann, bis die Frau ihrer ehelichen Pflicht genügt und für Entspannung sorgt. "Zwei- bis dreimal in der Woche", erinnert sich Schmidt, "regelmäßig, aber lieblos." Später, in den Siebzigern, kam dann die Pflicht zum Höhepunkt der Frau. "Der beiderseitige Orgasmus zur gleichen Zeit war das Ziel. Wurde es erreicht, war der Sex geglückt." Wenn nicht, sei das wie ein Auto gewesen, dem die Räder fehlten.

Und heute? "Wird Sexualität eher als Ressource der Persönlichkeit betrachtet. Man kann sich ihrer zu vielerlei Zwecken bedienen." Zwar deuteten Untersuchungen darauf hin, dass Paare heute weniger oft miteinander schlafen als in den vierziger oder frühen sechziger Jahren, "aber", gibt Schmidt zu bedenken, "ist der Geschlechtsverkehr von heute noch derselbe wie der vor 40 Jahren? Dauert der Akt vielleicht länger als früher? Sind die Menschen vielleicht zufriedener?" Er vermutet: ja.

Den Heutigen gehe es mehr "um die Sexyness der Lust, das Genießen der Erregung". Da könne das Liebespiel auch mal enden, ohne dass es zum Äußersten gekommen sei. Selbstbefriedigung, einst als Notlösung verpönt, ist heute als eigenständige Form der Lust akzeptiert. Oralverkehr finden viele nicht mehr pervers, sondern schön. Das Körperbewusstsein der Bundesbürger hat sich nach 1968 doch sehr verändert.

Also liebestechnisch alles im Lot dank einer von höheren Ansprüchen entlasteten, angstfrei ausgelebten Intimität? Ja – und nein. Schmidt verweist auf das für die Sexualität zentrale Feld der Paarbeziehungen. Studien zufolge finden 95 Prozent aller Geschlechtsverkehre zwischen festen Partnern statt, und selbst bei den männlichen Homosexuellen, die als Gruppe eher zur Promiskuität neigen, sind es noch über 80 Prozent. Die Art und Weise, wie die Deutschen diese Beziehungen leben, hat sich seit dem Krieg enorm verändert. Die "serielle Monogamie" gewinnt Jahr um Jahr an Bedeutung: eine Partnerschaft nach der anderen. Da es für ein Beieinanderbleiben keinen ökonomischen oder moralischen Grund mehr gibt, bleibt als Grund allein die Emotion – und die schwankt. Der Wunsch nach Dauer besteht fort, doch hält er den wachsenden Ansprüchen nicht stand. Man will von seinem Gegenüber immer mehr – und ist immer weniger damit zufrieden. Scheitern deshalb so viele Ehen? "Scheitern ist ein großes Wort", sagt Schmidt. Er habe schon Leute auseinander gehen sehen, die sich einigermaßen verstanden – aber das sei ihnen zu wenig gewesen.