Film Das Leben, ein BrettspielSeite 2/2

Nicole Kidmans eisernes Halsband

Erniedrigung, Vergewaltigung, Versklavung – Kidman spielt die Ausgebeutete mit der unerschütterlichen Gutgläubigkeit und Opferbereitschaft, die auch die anderen Heldinnen in von Triers Universum auszeichnen. Selbst als die Dorfbewohner sie an ein eisernes Wagenrad schmieden, weigert sie sich noch, der Vergebung und Nächstenliebe abzuschwören. In den Film hinein geht Kidman als blasser, verfolgter Unschuldsengel mit elegantem Abendkleid und Pelzkragen. Sie verlässt ihn als mehrfach vergewaltigte Frau, die dem Grauen trotzt, indem sie innerlich zu Stahl wird. Anders als gewohnt, mündet die Passion der Grace nicht in himmlisches Glockenläuten oder in das jenseitige Glaubenslied eines erhängten Engels. Am Ende von Dogville steht eine Vergeltung von alttestamentarischer Wucht.

Kidman, die sich hier völlig einem bis in die kleinste Nebenrolle ebenbürtigem Ensemble unterordnet, legt in der Rolle der Grace die wohl beeindruckendste Leistung ihrer Karriere hin. In ihrem Gesicht wird die permanente Angst vor dem Ausgestoßenwerden zu verzweifelter Verletzlichkeit. Über fast drei Stunden hinweg gelingt ihr die atemberaubende Balance zwischen anrührendem Leiden und der Müdigkeit einer griechischen Schicksalsgöttin, die ein allerletztes Mal herabgestiegen ist, um den Menschen eine Chance zu geben. Dennoch hat die Schauspielerin alle weiteren, bereits geplanten Projekte mit Lars von Trier abgesagt. Für einen Star ihres Kalibers mag es eine merkwürdige Erfahrung gewesen sein, über Wochen hinweg mit einem schweren eisernen Halsband zu spielen, das zynische Menschenbild eines obsessiven Regie-Apokalyptikers gewissermaßen in den eigenen Körper eingeschrieben zu bekommen.

Dogville, die bisher düsterste aller Lars-von-Trier-Visionen, ist der Beginn einer Amerika-Trilogie. Der Film endet mit einem bitteren Blick auf die Epoche, in der er spielt. Zu David Bowies Young Americans rollt im Abspann eine Galerie der amerikanischen Depressionszeit ab: Walker Evans’ Porträts der verelendeten Südstaaten-Bauern, Ausgestoßene, Obdachlose, zahnlos Grinsende – legendäre Fotografien des um seine Würde gebrachten Lumpenproletariats einer Weltmacht. Mit einer Mischung aus Respekt und lustvollem Chauvinismus bedient sich von Trier zudem bei den Mythen der amerikanischen Populärkultur, um dem Publikum eine wahre Ausgeburt europäischen Ideenkinos vor den Kopf zu knallen. Sein Dogville ist ein zutiefst verkommener Ableger von Thornton Wilders amerikanischem Jedermann-Dorf in Our Town. Dogvilles Hauptstraße heißt Elm Street und rückt den Ort damit in die Nähe von Wes Cravens Horrorklassiker Nightmare on Elm Street, der die verdrängten Albträume und Lynchmorde einer spießigen Vorstadtwelt in Gestalt eines irren Teeniekillers wiederkehren lässt. Auch bei der Wahl der Schauspieler bewegt sich von Trier auf dem schmalen Grat zwischen Hommage und symbolischem Unterwerfungsakt. Mit seinen Darstellern ziehen ganze Epochen des amerikanischen Kinos in die Kreidestrichhäuser am Fuße der Rocky Mountains: Lauren Bacall, die Ladenbesitzerin, holt im Schlepptau den Film noir nach Dogville, und Ben Gazzara, der blinde Eigenbrötler, das amerikanische Autorenkino der siebziger Jahre. James Caan schließt als Gangsterboss an seine Rolle in Der Pate an, und die Undergroundqueen Chloé Sevigny bringt als Dorfschönheit einen Hauch der hippen New Yorker Filmszene in die Kleinbürgerödnis. Über ihnen thront grinsend Lars von Trier, der europäische Zampano und Marionettenmeister.

Auch wenn von Trier sein hundsgemeines Dorf in den Vereinigten Staaten verortet, entspringt sein Antiamerikanismus eher der streitlustigen Attitüde des ewigen Provokateurs. Dogville ist universeller als sein krakeelender Schöpfer zugeben mag, eine mit Bachs Musik über allen Zeitläuften schwebende Allegorie in neun Kapiteln. Ihr Thema ist die Unmöglichkeit des Guten in einer verderbten Welt, ist der Mensch an sich, seine Ordnungssucht und Niedertracht, seine Angst vor dem Fremden. Dogville, dieses winzige Dorf irgendwo zwischen dem Kaukasus, den Alpen und den Rocky Mountains, ist ein ganz realer Unort. Und natürlich weiß auch der Herrgott im Regiestuhl, dass er nicht nur von Amerikanern bewohnt wird.

 
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