Geburtstag

Der Kriminalphilosoph

„Kommissar Computer“ Horst Herold galt als gefährlich. Heute haben sich die meisten seiner Ideen durchgesetzt

Ich begreife nicht, was Sie damit wollen, ich begreife es einfach nicht!“ Horst Herold klang der Aufschrei von Innenminister Baum noch in den Ohren, und darum war der Präsident des Bundeskriminalamts 1978 für den zweiten Anlauf bes-tens vorbereitet. Er hatte Folien, Schautafeln und selbst den eigenen Diaprojektor aus Wiesbaden mitgebracht, um nicht auf die Technik im Bonner Innenministerium angewiesen zu sein. Zwei Stunden Zeit hatte er sich auserbeten, um nochmals zu erklären, was sein neues Informations- und Kommunikationssystem der Polizei sein sollte.

Herold schien alles klar: Er wollte eine digitale Datenautobahn einrichten, auf der man in Sekundenschnelle Daten, Texte, Bilder und Sprache übertragen konnte. Das System würde erstmals jedem Polizisten Zugriff und direkte Kommunikation ermöglichen. „Enthierarchisierten Wissenstransfer“ nannte Herold das, und die Formulierung war so wenig glücklich wie der Name für sein Projekt umständlich: Digitalisiertes Integriertes Breitband-Sondernetz der Polizei für Sprache, Bild, Daten, kurz Dispol. So nannte Herold seine Idee für das, was heute Internet heißt.

Ende der siebziger Jahre freilich, als sich Computer und Mikrochips noch nicht in Kinderhänden befanden, sondern meist als Riesenmaschinen in abgeschotteten Rechenzentren standen, wurde Herolds Projekt eines Polizei-Intranets nicht verstanden. Der „Kommissar Computer“, so Herolds Spitzname, weckte Aggressionen. Bundesinnenminister Baum verließ bereits nach fünf Minuten den Konferenzraum, und Herolds Vorschlag, Dispol gar einen Satellitenkanal zu Verfügung zu stellen, erntete hilfloses Gelächter. Dispol wurde zwar 1978 von der Innenministerkonferenz zunächst beschlossen, aber nie eingerichtet, und nach Herolds vorzeitigem Abschied als BKA-Chef 1981 ganz eingestellt.

Es sei technisch nicht machbar, hieß es, während tatsächlich nur Herolds Idee der Indizierung von Daten für Suchanfragen damals noch keine Lösung gefunden hatte. In Wahrheit vermied der neue BKA-Präsident alles, was mit dem Namen seines Vorgängers in Verbindung stand. Herold war zur persona non grata geworden.

Ein Sozialromantiker auf dem Thron des BKA

Seiner Entlassung war eine brutale Pressekampagne vorausgegangen. Herold wurde wegen seiner computerisierten Fahndungsmethoden zum Schreckgespenst des Überwachungsstaates: „Big Brother Herold“ (stern), „Dr. Mabuse“ (Spiegel), „Der Sonnenstaat des Doktor Herold“ (Hans-Magnus Enzensberger). Herold stieg zum Buhmann einer Nation auf, die nach den Schrecken des Deutschen Herbstes ein Ventil suchte, um das Unbehagen der bleiernen Jahre abzuschütteln. Und Innenminister Baum ergriff bedenkenlos die Chance, sich gegen seinen Untergebenen zu profilieren. Als weisungsgebundener Beamter, dem man untersagen konnte, sich zu wehren, war Herold ein perfektes Ziel.

Bis zur Schleyer-Entführung 1977 war dies noch ganz anders gewesen. Unter Herolds Führung war das Bundeskriminalamt von 1971 an von einer Briefkastenbehörde zur weltweit modernsten Polizeizentrale ausgebaut worden. Herolds polizeiliches Informationssystem Inpol lief über 30 Jahre lang störungsfrei, die kriminologische Forschung im BKA hat bis heute einen erstklassigen Ruf. Herold galt als kreativ, innovativ, als technisches Genie. Die Medien und seine liberalen Dienstherren, erst Genscher, dann Maihofer, bewunderten ihn.

Herolds Technikverliebtheit und Objektivitätssucht passte genau in die Zeit der sozialdemokratischen Reformeuphorie, des Glaubens an die Planbarkeit der Welt. Social engineering, Globalsteuerung – das waren die Zauberworte des technokratischen Politikverständnisses. Das Geld, mit dem Herold den Umbau des BKA bewerkstelligte, floss reichlich, vor allem, als im Kampf gegen den Terrorismus der RAF die „Innere Sicherheit“ zur politischen Obsession wurde.

Und weil er mit seinen Methoden erfolgreicher als jeder andere Polizist war, nahm man sein Reden vom „herrschaftsfreien Selbstlauf“, sein Gedankengut zwischen Utopismus und unorthodoxem Marxismus, lange hin. Herold konnte sogar sagen, dass der Terrorismus gesellschaftliche Ursachen habe und Baader und Meinhof „ursprünglich hoch moralische Menschen“ gewesen seien. An den Kragen wollte man dem Sozialromantiker auf dem Thron des BKA erst, als sich der Wind drehte und im Vorgriff auf das Orwell-Jahr 1984 die Technikverachtung um sich griff. Die Rechnerzentrale des BKA erschien wie die Schaltanlage eines Atomkraftwerks, wo ein mächtiger Mann mit eckiger Riesenbrille das Land unter seine Kontrolle bringen wollte. Herold wurde zum Bauernopfer einer Regierung, die in diesem Klima eine Volkszählung beschloss.

Herolds größte Verstiegenheit war seine Vorstellung von der gesellschaftssanitären Aufgabe der Polizei. Das ist kein Begriff aus dem NS-Vokabular, wie viele argwöhnten, sondern stammt von dem italienischen Reformjuristen Beccaria aus dem 18. Jahrhundert. Furchtbar hört er sich trotzdem an. „Ich habe Fehler gemacht mit meinen Formulierungen“, glaubt Herold heute. Seine Ansichten aber haben sich nicht geändert: dass man die bei der Polizeiarbeit unweigerlich entstehende Informationsfülle, ihr „Erkenntnisprivileg“, umfassend als kriminalpolitisches und gesellschaftliches Diagnose- und Korrekturinstrument nutzen solle. Dazu freilich bedarf es einer Polizei, die Einfluss auf Legislative und Judikative nehmen kann, und das bleibt unheimlich, was Herold aber bloß dem Umstand zuschob, dass man die Polizei als „Büttel der Herrschenden“ sehe.

Als einer der Ersten in Deutschland, der die Möglichkeiten des Computers und der Datenverarbeitung begriffen hatte, waren seine immer an der untersten Nutzerebene orientierten polizeilichen Netzwelten zwar total, aber nicht totalitär. In Zeiten der Furcht vor technischen Großsystemen wollte man diesen entscheidenden Unterschied nicht sehen. Herold aber hat die Polizei immer nur als Erprobungsfeld verstanden und sich nach seiner Frühpensionierung mit polizeilichen Dingen kaum mehr befasst. Stattdessen beschäftigte er sich mit Wirtschaftsstatistik, dem Krebsregister, dem sozialen Wohnungsbau. Soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Informationstechnologie ist das Ziel seines Computer-Sozialismus geblieben. Und die Kybernetik, die er als „Fortschreibung des dialektischen Materialismus, seine Konkretisierung und Mathematisierung“ versteht, ist seine Religion. „Ich habe manchmal die Stunde verflucht, in der ich zur Polizei gegangen bin, zumal mir auch noch die RAF dazwischengekommen ist“, sagt Herold heute. Polizeidienstuntauglich war er aufgrund seiner Kriegsverletzungen von Anfang an. Doch bei seinem Quereinstieg 1964 als Kripochef und dann Polizeipräsident von Nürnberg wurde die amtsärztliche Untersuchung vergessen.

Eigentlich wollte Herold Ingenieur werden, doch nach seiner Flucht aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft studierte er Jura und wurde Richter und Staatsanwalt in Nürnberg. Nebenbei gab er Einführungskurse in den Marxismus-Leninismus bei den Jusos und interessierte sich für Sys-temtechnik und das damals neue Feld der EDV. Denn dass er bei Gericht nicht glücklich werden würde, zeigte schon sein erster großer Fall: der Prozess gegen den einst mächtigsten NS-Funktionär Nürnbergs, der Tausende Juden deportiert hatte. Dank zahlreicher herbeigeschaffter Entlastungszeugen sprach ein Schwurgericht ihn trotz der von Herold zusammengetragenen Beweise frei. In dieser Erfahrung liegt die Wurzel von Herolds Ablehnung der Zeugenschaft und seinem Streben nach Perfektionierung des Sachbeweises durch kriminologische Forschung.

Nach gut zehn Jahren der Gerichtsbarkeit hielt Herold das Gefühl nicht mehr aus, Teil eines Sys-tems zu sein, das allzu häufig Unrecht produziert: je ungeschickter und auffälliger der Angeklagte, desto sicherer die Strafe; je gewandter oder je teurer der Anwalt, desto größer die Chance, davonzukommen. Unerträglich für ihn auch die Verzweiflung der Frauen bei Abtreibungsverfahren – „während die Bourgeoisie nach Holland fuhr“. Ebenso störte es ihn, dass der Rechtsstaat das Eigentum fast fugenlos schützt, aber Kinder, saubere Luft, bezahlbare Mieten weniger. Herold bleibt bis heute dabei: „Die Leute tun ja ihr Bestes, aber es ist doch gar nicht zu verleugnen, dass das System des Strafprozesses die Unterschichten ausfiltert – es ist Klassenjustiz.“ Weil er nicht erst aktiv werden wollte, wenn die Leute kriminell geworden waren, ging er zur Polizei, um Straftaten möglichst zu verhindern.

Späte Genugtuung für den frühen Anwalt des Datenschutzes

Als Polizist machte Herold rasch Furore: zuerst mit der Kriminalgeografie, die durch die täglich neue Ausrichtung der Polizeieinsätze an beständig kartografierten Tatorten die Kriminalitätsrate in Nürnberg drastisch senkte. Danach kamen der fälschungssichere Personalausweis und das Data Mining. Schließlich erfand er die negative Rasterfahndung, die in Umkehrung gängiger Fahndungsmethoden nicht die Suche nach Verdächtigen, sondern den Ausschluss sämtlicher Unverdächtiger betreibt. Der Computer wirkt dabei wie ein riesiger Radiergummi, der alle uneinsehbar gegeneinander gespielten Daten löscht, die nicht ins Raster passen. Ein einziges Mal ist sie unter Herolds Ägide durchgeführt worden: Im Februar 1979 wurde der gesamte Großraum Frankfurt durchgerastert, übrig blieben zwei Leute. Einer war ein gesuchter Drogenhändler, der andere das RAF-Mitglied Heißler.

Mit seiner präventiven Verbrechensbekämpfung hat Herold sich den Ruf eingehandelt, ein Gegner des Datenschutzes zu sein. In Wahrheit hatte er bereits 1971 nach gesetzlichen Grundlagen gerufen, aber die Politik wurde nicht tätig. Das BKA betrieb daher zunächst auf eigene Faust Datenschutz, indem etwa das Inpol-System dezentral organisiert wurde und jeder Zugriff dem programmierten Vergessen anheimfiel. „Die Gefahren des „Großen Bruders“, warnte Herold Anfang 1980 in einem Vortrag über Polizei und Menschenrechte vor den Vereinten Nationen, „sind nicht mehr bloß Literatur. Sie sind real.“ Niemals hat Herold den gläsernen Menschen gefordert. Stattdessen wollte er die gläserne Verwaltung mit einem Auskunftsrecht für jeden. Doch als er nach der Festschreibung des „informationellen Selbstbestimmungsrechts“ im Volkszählungsurteil 1983 weit reichende Vorschläge zum Datenschutz machte, reagierten viele ungläubig.

Die Umstände seines Absturzes haben Herold verletzt. Der Mann, dessen Liebenswürdigkeit oft gerühmt wurde, hat jahrelang gegen echte und eingebildete Gegner prozessiert – sogar gegen sein Idol Willy Brandt. Immer hat er gewonnen. In einem anderen Land wären Herold wohl neue Aufgaben anvertraut worden. Deutschland hat ihn vergessen. Herold zog sich zurück – in ein Fertighaus auf einem bayerischen Kasernengelände, das ihm der Staat wegen anhaltender Gefährdung durch die RAF zuwies. Viel Geld hat Herold dafür bezahlen müssen, und das Haus ist unverkäuflich. Doch die Bitterkeit, die ihn lange Jahre quälte, und auch das Gefühl, „der letzte Gefangene der RAF“ zu sein, sind längst verflogen.

Nur über die Fahndungspanne von Erftstadt während der Schleyer-Entführung kommt Herold nicht hinweg. Das Fernschreiben, das, in die wartenden BKA-Computer gefüttert, unweigerlich zu Schleyers Versteck geführt hätte, ging auf einer Polizeiwache verloren. Menschliches Versagen stand am Anfang von Herolds Ende. Aber es gibt auch Genugtuung: Mit den Suchmaschinen im Internet ist der Paradigmenwechsel in der Informationstechnik da, den er sich vor fast 30 Jahren vorgestellt hatte. Mit der DNA-Analyse feiert der Sachbeweis Triumphe. Die New Yorker Polizei ist mit der Kriminalgeografie erfolgreich, und einige sehen inzwischen sogar, dass das Prinzip der negativen Rasterfahndung Persönlichkeitsrechte nicht verletzt, sondern schont. Dass er richtig lag, ist für einen Erkenntnisbesessenen wie Herold wichtiger als persönliche Eitelkeit. Und so wehrt er auch heute, wo selbst ehemalige Gegner ihm Reverenz erweisen, fast alle Anfragen ab: „Wenn meine Altersgenossen im Fernsehen erscheinen, empfinde ich oft Mitleid mit ihren senilen Peinlichkeiten und verpflichte mich selbst mit großer Strenge, niemals mehr den Versuchungen öffentlicher Auftritte zu erliegen“, flachst der 80-Jährige.

Weder das Buch über Terrorismus noch das über Information als Rohstoff wird er mehr schreiben, verweist vielmehr auf eine Aufsatzliste mit fast 200 Titeln. Das Nachdenken über Information, Computerisierung und Gesellschaft ist ihm geblieben, doch die Welt verändern will und kann er nicht mehr. Da kommt höchstens ein Kopfschütteln: „Unverständlich eigentlich, dass man jetzt aus Interpol nicht endlich einen polizeilichen Arm der UN macht. Aber dafür hatte ich schon vor über 20 Jahren keine Plattform.“

Man muss sich Horst Herold als glücklichen Menschen vorstellen.

Von Dorothea Hauser erschien 1997 das Buch „Baader und Herold. Beschreibung eines Kampfes“

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  • Von Dorothea Hauser
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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