interview Auf den Boden spucken verboten
Christa Adler, 51, bietet Deutschland-Rundreisen für chinesische Touristen an. Sie kennt die Schwierigkeiten des richtigen Benehmens in einer fremden Kultur
Die chinesische Regierung hat unlängst eine Kampagne gegen »ungehobeltes Verhalten« chinesischer Touristen im Ausland begonnen. Jetzt bieten Reisebüros Benimm-Kurse zur Urlaubsvorbereitung an. Ist das wirklich nötig?
Chinesen versuchen, sich den Sitten des Landes anzupassen – nur müssen sie die erst einmal kennen. Darum weisen unsere chinesischen Reiseleiter die Gäste gleich zu Beginn der Tour auf hiesige Gebräuche hin. Wenn sie etwa erklären: Deutsche spucken nicht auf die Straße, halten sich die Besucher sofort daran. Sie möchten als zivilisiert gelten und befolgen die Ratschläge, selbst wenn sie den hiesigen Brauch seltsam finden. In ein Taschentuch zu schnäuzen und es dann wieder einzustecken ist aus chinesischer Sicht unappetitlich.
Stimmt die manchmal geäußerte Kritik, dass chinesische Hotelgäste zu laut seien?
Abends im Hotel stehen alle Zimmertüren offen: Die Chinesen rauchen, scherzen, lachen und rufen sich über den Gang einen Gruß zu. Das fällt natürlich auf, schon wegen des fremden Klangs. Der Lärm stört andere Gäste, aber auch der Geruch, der aus den Zimmern kommt. Denn Chinesen haben gern einen Wasserkocher, nicht nur für Tee, auch für Fertignudeln, die sie manchmal direkt in den Kocher werfen. Die Hoteliers sind davon nicht so begeistert.
Gibt es noch andere Gewohnheiten, die für Deutsche etwas befremdlich sind, für chinesische Touristen aber ganz selbstverständlich?
Beim Frühstückbuffet häufen sie Süßes und Herzhaftes zugleich auf den Teller. Sie essen dann Fisch und Obst durcheinander. Im Restaurant bitten sie um heißes Wasser und trinken ihren mitgebrachten Tee. Oder sie stellen die eigene Schnapsflasche auf den Tisch. Mir war das erst schrecklich peinlich. Die Kellner in China-Restaurants aber finden es ganz normal und bringen Gläser. Ungewohnt für Deutsche ist auch, dass Chinesen bei den Mahlzeiten zwischendurch rauchen.
Manche Reiseveranstalter klagen, Gäste aus China seien sehr anspruchsvolle Kunden.
Sie haben sehr hohe Erwartungen, wenn sie Europa besuchen. Zum Beispiel wohnen sie am liebsten in riesigen Hotels mit einer repräsentativen Lobby. Wenn ich eine stilvolle alte Villa buchen würde, gäbe es Reklamationen. Auch sind Klimaanlagen im Hotel für sie ganz wichtig, selbst im Herbst. Es geht ihnen nicht um Kühle, sondern um Luxus. Ein Bus ohne Aircondition ist indiskutabel. Oft schauen sie als Erstes auf den Kilometerstand: Busse mit 80000 auf dem Tacho gelten bei ihnen schon als alt. Chinesen denken, in Deutschland sei alles modern und schick. Dann sehen sie unsere Handys und grinsen. Ihre sind viel besser, kleiner, futuristischer.
Das angeblich »ungehobelte« Verhalten – ist es nur ein kulturelles Missverständnis?
Ja, irgendwie schon. Chinesen sind sehr höflich. Deshalb reagieren sie empfindlich, wenn Deutsche unhöflich sind. Wenn an einer Sehenswürdigkeit gedrängelt wird, wenn ein Busfahrer abfällig guckt oder ihnen den Koffer nicht abnimmt, verletzt sie das. Aber sie lassen sich ihren Ärger nicht ansehen. Sie lächeln lediglich verlegen, wenn wir Deutschen ins Fettnäpfchen getreten sind, und entschuldigen sich ihrerseits. Benimm-Kurse – die brauchen wir Deutschen mindestens ebenso wie die Chinesen.
Interview: Cosima Schmitt
- Datum 23.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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