medien „Letzte Ölung“
Vor dem Fernseher mit Premiere-Chef Georg Kofler. Fast war der Bezahlkanal pleite. Jetzt macht er Gewinn. Ein Gespräch über den Erfolg und die öffentlich-rechtliche Konkurrenz
DIE ZEIT: Herr Kofler, Sie zoffen sich seit Monaten mit ARD und ZDF. Langsam sieht es so aus, als würde Ihnen das Spaß machen.
GEORG KOFLER: Ich bin eigentlich ein harmoniebedürftiger Mensch. Was Sie als Zoff bezeichnen, ist reine Notwehr gegen eine ständig wachsende Übermacht – vor allem der ARD. Die Intendanten nutzen die wirtschaftliche Krise des Privatfernsehens gnadenlos aus, um wichtige Programme, vor allem Sport, vom Markt wegzukaufen.
ZEIT: So schlimm kann es um Sie aber noch nicht stehen. Vor kurzem ist die Premiere-Sendung Alle Spiele, alle Tore mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden.
KOFLER: Ja, es gibt wirklich nichts Besseres.
Auf dem Bildschirm ist die Konferenzschaltung vom letzten Spieltag der vergangenen Fußballsaison zu sehen.
KOFLER: Machen wir mal lauter. Das könnte ich mir immer wieder ansehen.
„Toooooooooooooooooooooooooor. Alexander Schur macht das 6:3. Ausgerechnet Schur. Unvorstellbar. UNVORSTELLBAR. Und was macht der Schiedsrichter. Wird er noch mal anpfeifen?“ Die Spieler traben zur Mittellinie. „NEIN, es ist Schluss!! Frankfurt ist aufgestiegen!“ Premiere schaltet sofort nach Braunschweig, wo die Spieler des FSV Mainz 05 auf dem Boden liegen und der Vereinspräsident sein tränennasses Gesicht in den Händen vergräbt. Sie waren dem Aufstieg so nah.
KOFLER: Diese Dramen muss man live sehen. Am kommenden Samstag bin ich wieder in meiner Berghütte. Sie hat Satellitenempfang, und ich freue mich jetzt schon darauf, um halb vier die Premiere-Bundesliga-Konferenz zu gucken. Das ist wunderbares Entertainment.
ZEIT: Allerdings könnte Ihnen bald der Stoff ausgehen. Sie verhandeln gerade mit der Deutschen Fußball Liga über die kommenden Jahre. Bekommen Sie einen Preisnachlass von 40 Prozent wie im Sommer die ARD?
KOFLER: Sehen Sie, Premiere und die Liga, das ist ein richtig symbiotisches Verhältnis.
ZEIT: Das klingt so milde. Stehen Sie etwa kurz vor einem Abschluss?
KOFLER: Wir erwarten natürlich ein Entgegenkommen, aber wir sind auch bereit, uns zu bewegen. Wir wollen eine langfristige Partnerschaft, da muss man zwischendurch auch einmal ein Auge zudrücken. Wir hoffen, dass wir in der Zukunft mehr exklusive Rechte an der Liga haben.
ZEIT: Ihre Verhandlungsposition ist durch Ihr gutes Quartalsergebnis eher schlechter geworden?
KOFLER: Im Gegenteil, wir sind als Partner attraktiver geworden. Premiere meldet für das dritte Quartal zum ersten Mal in seiner Geschichte schwarze Zahlen im operativen Geschäft.
ZEIT: Glückwunsch.
KOFLER: Man muss allerdings hinzufügen, dass wir im Sommer weniger Sport zeigen und damit die Programmkosten unter dem Durchschnitt liegen. Dauerhaft werden wir nur erfolgreich sein, wenn die Abonnentenzahl deutlich über drei Millionen liegt und wir pro Abonnent und Monat 25 bis 30 Euro einnehmen. Diesen Werten werden wir uns im kommenden Jahr annähern.
ZEIT: Vor nicht allzu langer Zeit hätte zu Ihren wirtschaftlichen Aussichten am besten noch die Serie Six Feet Under gepasst.
KOFLER: (lacht) Ja, Premiere hatte die Letzte Ölung schon hinter sich. Das war schon eine harte Zeit. Vor zwei Jahren hatten wir im dritten Quartal ein negatives Ergebnis, das war höher als der Umsatz. Danach sind wir nur knapp einer Insolvenz entgangen und mussten rund 1000 Mitarbeiter entlassen.
Im Hintergrund läuft gerade der Vorspann von „Six Feet Under“. Ein bisschen böse und mit viel schwarzem Humor erzählt die Serie die Geschichte einer Familie, die ein Bestattungsunternehmen besitzt. „Gestorben wird immer“ lautet der Untertitel, und passenderweise müssen die Söhne des Bestattungsunternehmers, die eigentlich ganz andere Neigungen hatten, das Geschäft übernehmen, weil ihr Vater selbst das Zeitliche segnete. Die mit einem Emmy ausgezeichnete Serie des amerikanischen Bezahlsenders HBO war im deutschen Fernsehen zuerst auf Premiere zu sehen.
ZEIT: Erklärt sich Ihr Erfolg vor allem damit, dass Premiere jetzt neue Verträge mit den Hollywood-Studios besitzt und erheblich weniger für Filme und Serien bezahlt?
KOFLER: Wir können Hollywood komplett zeigen – und das zu marktgerechten Preisen. Gleichzeitig haben wir inzwischen fast 2,8 Millionen Abonnenten, 400 000 mehr als vor zwei Jahren.
ZEIT: Ihre Kunden suchen vor allem gute Unterhaltung. Seit Jahren laufen neue, manchmal geschmacklose, oft aber innovative Sendungen meistens im Privatfernsehen. Und die öffentlich-rechtliche Konkurrenz versucht dann zu kontern. Wie etwa mit der Boulevard-Sendung Brisant.
„ Seit vier Jahren schon treibt der Killer in Norddeutschland sein Unwesen. In dieser Zeit hat er vierzig Leben ausgelöscht. Und die Polizei hat offenbar keine Ahnung, wer dieser Schlächter sein könnte. Am Wochenende hat der so genannte Pferderipper neue Opfer gefunden. Mehrere Tiere, darunter auch trächtige Stuten, hat er in die Enge getrieben und aufgeschlitzt.“ Mit diesen Worten leitete ARD-Moderator Axel Bulthaupt die Sendung am Montag, den 13. Oktober ein.
KOFLER: Das ist Bild- Zeitung im Fernsehen. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn die Leute es sehen wollen. Aber mit dem Grundversorgungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen hat das nichts zu tun. Vermutlich wird Brisant in der ARD-Statistik sogar als Informationssendung geführt. In jedem Fall sieht man, dass die Öffentlich-Rechtlichen von den Privaten alles übernehmen, was ihnen Quote bringt, und dann sagen sie, das sei Wettbewerb.
ZEIT: Das stört Sie aber erst, seit die Einnahmen der privaten Sender nicht mehr jährlich wachsen und sich der Zuschaueranteil von ARD und ZDF wieder verbessert.
KOFLER: Kritisiert haben wir das immer. Aber lange hat uns niemand zugehört. ARD und ZDF besitzen eine politische Protektion, die im europäischen Vergleich einzigartig ist.
ZEIT: Bei all Ihrer Kritik müssen Sie bedenken, dass mit den Gebühren eine Aufgabe verbunden ist, die Sie nicht erfüllen müssen. Der Rundfunkstaatsvertrag, der sich auf den Artikel 5 der Verfassung bezieht, verlangt von ARD und ZDF, dass sie zur unabhängigen Information und zur freien Meinungsbildung beitragen. Sie sollen eine audiovisuelle Grundversorgung leisten, zu der auch Kultur, Unterhaltung und Sport gehören.
KOFLER: In den Bereichen Sport und Unterhaltung können die privaten Sender den Auftrag ohne weiteres übernehmen. Das haben sie nun seit Jahren bewiesen. ARD und ZDF sollten sich viel stärker auf die Bereiche Information und Kultur konzentrieren.
ZEIT: Meinen Sie das ernst?
18:59:57, 18:59:58, 18:59:59… die Musik schwillt an, und eine Weltkugel wächst über den Bildschirmrand hinaus. „Eisiger Empfang. Bundeskanzler Schröder erntet bei den Gewerkschaften wenig Beifall für seine Reformpläne.“ Dedededet. „Anschlag auf US-Konvoi. Im Gaza-Streifen werden bei einem Attentat drei Amerikaner getötet.“ Dedededet. „Das Wetter: im Nordosten Wolken, sonst Sonne, sieben bis vierzehn Grad.“ Die Nachrichten des Tages mit Petra Gerster…
KOFLER: Mit den heute- Nachrichten bringen die Öffentlich-Rechtlichen eine Topqualität.
ZEIT: Darauf würden Sie die Sender ja offensichtlich auch gerne reduzieren?
KOFLER: Hören Sie, ARD und ZDF haben einen Grundversorgungs-, keinen Voll- und schon gar keinen Überflussversorgungsauftrag. Wie in jedem marktwirtschaftlichen System sollte sich der Staat zurückziehen, sobald private Dienstleister die Aufgaben übernehmen können. Bei dem heutigen Angebot würde das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums sicher nicht unerfüllt bleiben, wenn sich ARD und ZDF zurückziehen würden. Anfangs könnte vielleicht eine Lücke bei Volksmusiksendungen entstehen. Aber seien Sie sicher, die würden private Anbieter bald füllen.
ZEIT: Das heißt, Sie als privater Unternehmer würden sich vom Staat verpflichten lassen, ein vielfältiges Unterhaltungsprogramm zu machen – und zwar nicht nur, wenn es wirtschaftlich passt?
KOFLER: Das macht die Presse doch auch nicht.
ZEIT: Nun gibt es aber fürs Fernsehen den Staatsvertrag, der mit dem Verweis auf Artikel 5 des Grundgesetzes ein Unterhaltungsangebot verlangt.
KOFLER: Nehmen Sie einmal nicht Premiere, sondern kostenlos empfangbare, werbefinanzierte Fernsehsender wie RTL und Sat.1. Die müssen gute Unterhaltung machen, um Werbung anzuziehen, egal ob sie Spielfilme, Serien oder Shows zeigen. Da wird es auch auch ohne ARD oder ZDF immer eine breite Versorgung geben.
ZEIT: Worauf wollen Sie hinaus?
KOFLER: Wir haben inzwischen im Fernsehen, vor allem im digitalen, eine ähnliche Vielfalt wie in der Presse. Der elektronische Kiosk und der am Bahnhof unterscheiden sich nicht mehr signifikant. Aus Sorge um zu geringe Vielfalt brauchen sich die öffentlich-rechtlichen Sender also nicht mehr in allen Sparten gleichermaßen zu engagieren. Und wenn ARD und ZDF weniger Aufgaben übernähmen, müssten sie nicht so stereotyp fragen: „Wann dürfen wir wieder mehr Gebühren kassieren?“ Dann könnten sie ein hervorragendes Programm auch mit neun statt mit 16 Euro monatlicher Gebühr machen.
ZEIT: Andererseits würde es teuer, ein Spitzenprogramm, wie es ARD und ZDF teilweise liefern, privatwirtschaftlich zu organisieren. Nehmen wir mal die Preistabelle von Premiere. Ein üppiges und erstklassiges Unterhaltungsfernsehen ohne Werbeunterbrechung kostet bei Ihnen 28 Euro im Monat. Das ist alleine schon mehr als die heutigen Gebühren.
KOFLER: Premiere ist nicht Teil der Grundversorgung. Wir müssen uns in Deutschland einfach daran gewöhnen, dass nicht jeder für wenig Geld die Rundum-Versorgung bekommt. Wer mehr haben will, muss auch mehr bezahlen. Das gilt für das Fernsehen ebenso wie für alle Bereiche des Lebens. Premiere ist der kleine Luxus.
ZEIT: Letztlich sagen Sie, es sei besser, Abonnent als Gebührenzahler zu sein.
KOFLER: Sicher, Sie können sich freiwillig entscheiden und bekommen ein Programm, das Sie als preiswert empfinden.
ZEIT: Viele Ihrer Abonnenten haben sich in den vergangenen Monaten beschwert. Sie hätten erst nach dem Ablauf von Sonderkündigungsfristen davon erfahren, dass Premiere die Preise erhöhen wollte. Ist das die Freiheit, die Sie meinen?
KOFLER: Wir haben im vergangenen Jahr die Programmpakete von Premiere neu geordnet. Für manche ist Premiere günstiger, für andere teurer geworden. Wir haben bis zu fünfmal versucht, betroffene Abonnenten zu erreichen, um mit ihnen ein faires Beratungsgespräch zu führen. Denn wir wollen zufriedene Abonnenten. Jeder Versuch, sie irgendwie zu täuschen, wäre verrückt. Ich kann aber nicht ausschließen, dass wir bei 2,8 Millionen Kunden durch individuelle Fehler immer einige tausend haben werden, die sich beschweren. Deswegen überlegen wir auch, einen Ombudsmann zu etablieren.
ZEIT: Die Kunden, die bei Ihnen bleiben, finden unter den 25 Premiere-Programmen einen Kanal für klassische Musik. So etwas bieten ARD und ZDF nicht. Aber gibt es auch eine privatwirtschaftliche Nische für echte TV- und Filmkunst?
Ein Dokumentar-Team macht sich derweil auf dem Bildschirm auf den Weg in die Slowakei, um dort die Verwandten von Andy Warhol zu besuchen. Das Ergebnis nennen sie „Absolut Warhola“.
KOFLER:Absolut Warhola habe ich gesehen. Recht ironisch, zuweilen sarkastisch. Aber viele Zuschauer werden das nicht verstehen.
Der Popart-Künstler stammt aus einem kleinen Dorf in der Provinz. In Medzilaborce sitzt Michal Warhola in seiner Küche – ein Vetter des Künstlers mit einem vom Leben gezeichneten Gesicht. Offensichtlich hat er an diesem Tag schon ziemlich viel getrunken und stößt nun mit dem Filmteam auf Andy, „Andrejku“, wie er sagt, an. Die Gläser mit Sliwowitz hat er auf Postern abgestellt, die Warhols Werke zeigen. „Nastrowje. Und ihr trinkt auch. Auf Andy!“ Ein Nachbar erzählt später, dass sie im Dorf zwar schon gewusst haben, dass Andy Warhol ein Maler gewesen sei, aber ob er nun Häuser angestrichen oder Bilder gemalt habe, das sei ihm nicht bekannt gewesen. Die Dokumentation hat für diese Mischung aus Provinz und Popart einen Grimme-Preis bekommen. Finanziert wurde sie von NDR, MDR und WDR.
KOFLER: Das ist brillantes Fernsehen, aber auch ein absolutes Minderheitenprogramm.
ZEIT: Fensehen an einer ganz anderen Grenze zwischen Information und Unterhaltung eben.
KOFLER: Davon sollten ARD und ZDF auch mehr machen, und dafür sollte sie ausstatten. Für ein erstklassiges Nachrichtenprogramm, engagierte Unterhaltung und innovative Film- und TV-Produktion. Mit neun Euro monatlich sollte das zu machen sein.
Mit Georg Kofler vor dem Fernseher saß Götz Hamann
- Datum 23.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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