Kundus Schnauze voll vom Krieg

Die Bundeswehr zieht nach Kundus. Was soll sie dort? Gebraucht werden Techniker, Bauarbeiter und Klempner

Katechel/Kundus/Kabul

Die Leute von Katechel sind es gewohnt, mit bloßen Händen ihre Lehmhäuser zu bauen und ihre Felder zu bestellen. Aus ihrer Sicht ist Kundus eine Großstadt und Kabul schon eine Welt weit weg. Ganz zu schweigen von Berlin, Brüssel oder Washington – Städte, von denen vermutlich keiner in Katechel je gehört hat. Außer Dadgul, natürlich: Dadgul Delawar, der Mudschaheddin-Kämpfer, den eine russische Tankgranate statt in den Tod in ein anderes Leben schleuderte und der seitdem als Projektleiter einer winzigen Hilfsorganisation so etwas wie eine lebende Brücke zwischen dem 900-Seelen-Flecken und Deutschland ist.

Am Donnerstag hat der Bundestag beschlossen, ein so genanntes Provincial Reconstruction Team (PRT), eine regionale Aufbautruppe der Bundeswehr nach Kundus zu schicken, in die zehn Kilometer von Katechel entfernte Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die ersten 40 bis 70 Mann starten binnen Tagen, bis zum Frühjahr sollen es 230 bis 450 sein. Zuständig sind sie dann auch noch für drei weitere Provinzen im Nordosten des Landes – Baghlan, Takhar und Badachschan –, für ein Gebiet von der Größe von Bayern und Hessen zusammen, mit Grenzen zu Pakistan, Tadschikistan und China.

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Was sie genau dort tun werden, dürfte selbst den Beteiligten nicht restlos klar sein. Im Prinzip geht es darum, die Autorität von Präsident Hamid Karsai über die Hauptstadt hinaus auszuweiten. Und weil die Nato für eine Erweiterung ihrer Mission übers ganze Land weder Geld noch Soldaten hat, wurde nun die zweitbeste Lösung beschlossen (nach einem Modell, das Amerikaner und Briten zuerst praktizierten): Regionale Aufbaumannschaften aus zivilen Helfern, Polizeiexperten und Soldaten sollen in ausgewählten Provinzen „Inseln“ der Ordnung und des Wohlstands schaffen.

Was das konkret heißt – Dächer decken? Dachdecker bewachen? Gar Drogenschmuggler verhaften oder Opiumfelder unterpflügen? –, darüber herrscht im Nato-Botschafterrat noch keineswegs Einigkeit. Und die Militärplaner im Bündnis bremsen: Wozu soll man Soldaten in unsichere, weit entfernte Provinzen schicken, wenn den Truppen in Kabul noch Aufklärer, medizinisches Personal und Transporthubschrauber fehlen?

Auch die Deutschen haben jenseits der forschen Losung „So viel Zivile wie möglich, so wenig Soldaten wie nötig“ nicht viele Ideen, dafür aber jede Menge Dampf. So viel, dass sie erst die Skeptiker im Bündnis vor sich hertrieben – und nun vorpreschen, statt den endgültigen Nato-Beschluss abzuwarten. Offiziell heißt der Berliner Vorsturm also „Pilotprojekt“. In der Brüsseler Nato-Zentrale gibt es dafür reichlich Spott: Haben die Deutschen so viel Angst davor, doch noch um des Friedens mit Amerika willen in den Irak ziehen zu müssen? Und warum, um Himmels willen, Kundus, eine der ruhigsten Provinzen Afghanistans? Was gibt es da schon zu tun?

Die Menschen in Katechel ahnen von all dem nichts. Doch auf die Frage, was es in Kundus zu tun geben könnte, geben sie eine klare Antwort: Schulen bauen!

Eine Bitte um ein Schulgebäude, unterzeichnet mit Fingerabdrücken

Dadgul (hier ruft man einander beim Vornamen) kramt einen der Bittbriefe hervor, wie er sie regelmäßig bekommt, von Dörflern einem Stadtschreiber diktiert und von diesem in blumig-freihändiges Englisch übersetzt: Wir haben 1250 Kinder und brauchen dringend ein Schulgebäude, we know it won’t be improbable for your kindness and humanism. Unter diesem hoffnungsvollen Appell an die Güte und Menschlichkeit der fernen deutschen Geldgeber stehen die Namen der Antragsteller, jeder mit einem sorgfältigen Fingerabdruck vom Stempelkissen daneben. Vierundzwanzig Jahre Krieg gegen die Sowjets und die Taliban haben in Afghanistan eine Generation von Analphabeten heranwachsen lassen, die sich sehnlich wünscht, dass es ihren Kindern besser gehen möge.

Dadgul, dem deutsche Ärzte in zweieinhalb Jahren und 29 Operationen sein von der Panzergranate zerfetztes Gesicht – oder ein ähnliches – zurückgegeben haben, hat dazu schon viel beigetragen. Dass er das kann, verdankt er einer Frau aus Bergfeld bei Wolfsburg, Sybille Schnehage, die als humanitäre Helferin 1992 den Schwerstverletzten nach Deutschland verfrachtete, Spenden für seine Behandlung sammelte und ihn zwischen Operationen bei sich beherbergte. Während Frau und Familie des 29-jährigen Kriegers in Pakistan auf der Flucht waren, lernte Dadgul beim Spielen mit Sybille Schnehages kleinen Kindern die deutsche Sprache – „Mensch ärgere Dich nicht!“, sagt er und lächelt. Das war der Beginn von Katechel e. V.

Mehr als ein halbes Dutzend Dorfschulen in der Region haben Schnehage und Dadgul schon gebaut, für mehr als 4000 Kinder; dazu Brunnen, Brücken, Lehmhäuser für Flüchtlinge, Obdachlose und Witwen, eine kleine Schuhfabrik für Behinderte und mehr – alles lokal organisiert, zu geringsten Kosten und mit Spenden oder Regierungszuschüssen aus Deutschland finanziert.

Und die Hilfe wirkt. Die neue Jungenschule von Katechel muss in zwei Schichten unterrichten; zur Abschlussvorführung des Taekwondo-Kurses kommt sogar der Militärgouverneur der vier Provinzen, Daud Khan, mit Geländewagen und großem Gefolge angerauscht. Die Männer, von Daud bis zu den Vätern aus dem Dorf, sind gerührt. Keiner unter ihnen, der nicht selbst lange Jahre Mudschaheddin gewesen ist; keiner, der nicht Brüder, Vettern oder Söhne im Krieg verloren hat. Zu ihren Zeiten wären die 11- bis 15-Jährigen, die dem Besuch mit rotem Kopf ihre Übungen vorführen, schon unter den Kämpfern gewesen.

Überall bimmeln die pomponverzierten Droschken

Auch für die Mädchen ist gesorgt, was für eine Frage! „Wir sind nicht alle Taliban“, sagt würdevoll ein anderer Ehrengast, Polizeigeneral Ghulam Farhad. Anfangs, sagt Dadgul später, war es schwierig, die Eltern zu überzeugen. Da gab es an der neuen Mädchenschule in Katechel nur zehn Schülerinnen, während 200 Jungen die Dorfschule besuchten; nun ist das Verhältnis immerhin 250 zu 800. An Selbstbewusstsein fehlt es den Kleinen jedenfalls nicht: Nasiya und Wasira, zwölf und elf, beide in der zweiten Klasse, wollen Lehrerin oder Ärztin werden, jawohl! Die Direktorin Mina Ismailchel, selbst eine Witwe mit acht Kindern, nickt zufrieden; als die Provinz noch eine nördliche Hochburg der Fundamentalisten war, hat sie heimlich in Dadguls Haus Mädchen unterrichtet. Bei allen Sorgen und auch wenn sie vor dem Schritt aus der Haustür noch immer die weiße Burka überstreifen muss: Das Leben ist viel besser geworden, sagt Mina. Trotzdem beklagt sie sich bei Dadgul streng, sie habe für die Mädchen nicht mehr genug Platz, es müsse dringend ein Anbau her. Dadgul, dessen Frau Kandgul auch eine in jeder Hinsicht gewichtige Persönlichkeit ist, seufzt. Ist ja schon geplant!

Die Amerikaner, deren PRT die Bundeswehr demnächst ablösen will, haben die Bedürfnisse der Menschen schnell begriffen. Sie haben in der Provinz 34 Projekte hochgezogen: Brunnen, Kliniken und Schulen. Dadgul kichert: „Einmal haben sie einfach, ohne zu fragen, eine meiner Baustellen zu Ende gebaut. Als ich ihnen gesagt habe, dass das meine war, haben sie sich entschuldigt.“ Tatsache bleibt, dass die US-Bauten, so gut gemeint und ordentlich ausgeführt sie sind, von zivilen Helfern mit lokaler Beteiligung billiger und dauerhafter hätten errichtet werden können. Für solche Kleinstprojekte, die sich allgemeinen Wohlwollens erfreuen, braucht es keine Soldaten – weder zum Bau noch zur Bewachung.

Aber wofür dann? In der 120000-Einwohner-Stadt Kundus herrscht wieder geschäftiges Treiben. Der Basar mit seinen tausendundeinen Geräuschen und Gerüchen zieht die Bauern und Händler von weither an – und das Geschäft der Pferdekutscher mit ihren glocken- und pomponverzierten Droschken läuft und läuft, dass das helle Bimmeln von überallher zu hören ist. Doch die Baumwollmanufaktur Spinzar („Weißes Gold“), einzige Fabrik und einst größter Arbeitgeber, steht seit Jahren still. Die Maschinen sind veraltet, und die kurzfaserige Baumwolle, die in der fruchtbaren Flussebene angebaut wird, will auf dem Weltmarkt keiner mehr haben. Industrie und Landwirtschaft, da könnte die Provinz schon Hilfe gebrauchen – freilich von der Weltbank oder der GTZ, nicht von der Bundeswehr. Vielleicht, so hoffen die Leute von Kundus – und sie formulieren solche Wünsche stets mit exquisiter Höflichkeit –, vielleicht könnten mit den Soldaten ja auch die großen Hilfsorganisationen nach Kundus kommen.

Einstweilen gäbe es für das kleine deutsche PRT in dieser großen Region aber durchaus Möglichkeiten, das bescheiden Sinnvolle mit dem Symbolischen zu verbinden. Kundus hat seit vier Monaten Strom – nur wird er teuer aus Tadschikistan bezogen. Das Wasserkraftwerk von Kuna Chalar, ein indisches Entwicklungshilfeprojekt, wurde im September 2001 von der U.S. Air Force bombardiert; das Turbinenhaus liegt in Trümmern. Hier könnten Pioniere mit schwerem Räumgerät viel tun – vor allem, wenn sie Bauingenieure mitbrächten.

An einer Betonwand warnt zudem eine leuchtend blaue Inschrift: „BLU cluster bombs, 2 km“. Streubomben. Jaja, sagt der alte Arbeiter Amir Jan, der damals Augenzeuge war: Von den vier Geschossen sind nur zwei ins Kraftwerk eingeschlagen. Die tödliche Saat aus Bomben und Minen liegt überall, denn hier ist erbittert gekämpft worden, lange bevor amerikanische Flugzeuge am Himmel auftauchten. Rostige Sowjetpanzer und Dorfruinen zeugen überall davon. An den Berghängen und in den Feldern erinnern immer wieder lange dünne Äste mit zerrissenen Wimpeln an den Tod eines Mudschaheddin. Während der Rückfahrt zeigt Dadgul beiläufig auf ein Panzerskelett am Straßenrand: „Das war der, der mich umbringen wollte.“ – Munitionsfachleute jedenfalls hätte die Bundeswehr genug.

Nicht, dass es in Kundus und Umgebung sonst keine Probleme gäbe. Wie heikel sie werden, hängt auch davon ab, was in den nächsten Monaten geschieht – und wie sehr sich die Bundeswehr einmischt. Am 24. Oktober (einen Tag nach dem Bundestagsbeschluss) soll noch ein anderes Pilotprojekt beginnen, das erste von sechs. Es könnte weit folgenreicher für Afghanistan werden als alle PRTs der Nato zusammen. Weil bisher jeder Versuch gescheitert ist, die Privatarmeen der Warlords in eine Afghanische Nationalarmee überzuführen, planen die Regierung Karsai und die UN nun etwas, was unter dem schönen Kürzel „D.D.R.“ (Disarmament, Demobilization and Reintegration) gehandelt wird – und bedeutet, dass man den Warlords Schritt für Schritt die Leute abwirbt. Waffen her! Dafür gibt es Ausbildung, Jobs oder Geld. Erste Station: Kundus.

Ein Opiumkrieg würde die Bundeswehr überfordern

Es ist ein sehr kleiner Anfang, gewiss: 1000 Handgewehre, nicht mehr, und die Bundeswehrsoldaten werden den feierlichen Anlass womöglich just verpassen. Kundus jedenfalls ist der perfekte Ort für solch ein Vorhaben. Hier leben Tadschiken, Usbeken, Paschtunen und Turkmenen einigermaßen einträchtig miteinander (in die Schulen des paschtunischen Dorfs Katechel kommen Kinder aller Volksgruppen). Auch die Ökonomie der Macht befindet sich in einer seltenen Balance: Die Chefs sind alle gleich schwach, vom 33-jährigen Tadschiken Daud, der eine wichtige Schlacht gegen die Taliban verlor, aber trotzdem Gouverneur wurde, weil er ein Zögling des legendären Mudschaheddin-Führers Schah Massud war – bis zum liebenswürdigen und ineffektiven Polizeigeneral Ghulam, einem Paschtunen. Hinter ihnen allen steht der stärkste Mann Afghanistans, Verteidigungsminister Fahim, der zwar in dieser Gegend seine Hausmacht und eine Privatarmee von 20000 Mann hat, aber gerade mit einem diskreten Versuch gescheitert ist, die Regierung Karsai zu stürzen. Das alles sollte, hoffen die Planer, für einen recht reibungslosen Ablauf sorgen.

Wichtig wäre es. „Afghanistan“, sagt Außenminister Abdullah Abdullah, „befindet sich nun in einer ebenso kritischen wie historischen Phase.“ Das Schicksal des Landes hängt in den kommenden Monaten in der Schwebe, und die steigende Spannung ist deutlich zu spüren.

Es gibt echte Zeichen des Fortschritts: die Rückkehr von Flüchtlingen und Exilanten, die immer vitalere Hauptstadt Kabul, die bevorstehende Verfassungsversammlung; vielleicht sogar pünktliche Wahlen im Sommer. Neu aber ist vor allem die Dringlichkeit, mit der die Stabilisierung Afghanistans im Westen betrieben wird, aus welchen Gründen auch immer: vom Werben Berlins um Washington über den Kampf der Nato gegen den Bedeutungsverlust bis zur Angst aller vor einer Wiederholung des Debakels im Irak. Und schließlich sind 2004 auch in Amerika Wahlen.

Doch wachsen auch neue Gefahren heran. Gerüchte von einer islamistischen Terroroffensive im Norden haben sich zwar nicht bewahrheitet. Doch wirklich unberechenbar und von größter Sprengkraft ist eine neue Machtökonomie, die sich in Windeseile ausbreitet und droht, jahrzehntealte Treue- und Herrschaftsverhältnisse zu untergraben: der Schlafmohnanbau, der Afghanistan wieder zum weltgrößten Opium- und Heroinproduktionsstandort gemacht hat. Badachschan ist das zweitgrößte Anbaugebiet des Landes; und die Transportroute Richtung Westen führt ausgerechnet durch Kundus. Wo jeder weiß, was für Fracht die neuen Geländewagen mit den dunkel getönten Scheiben mit sich führen und warum die Polizisten es nicht wagen, sie zu kontrollieren: weil höchste Machthaber oder zumindest deren Familie und Vertraute die Fäden des Geschäfts ziehen. PRTs als Drogenpolizei? Wohl kaum. Gegen diese Gefahr werden alle, die Afghanistan helfen wollen, gemeinsam Front machen müssen.

Wie viel in den nächsten Monaten für sie und ihre fremden Helfer auf dem Spiel steht, ist den Dorfbewohnern von Katechel wohl kaum klar. Aber was sie in der nächsten Zeit erwarten, bringt Dadgul unnachahmlich auf den Punkt: „Weißt du, wir haben die Schnauze voll vom Krieg. Jetzt ist es Zeit, dass die Kinder etwas lernen!“

 
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