Kundus Schnauze voll vom KriegSeite 4/4
Es gibt echte Zeichen des Fortschritts: die Rückkehr von Flüchtlingen und Exilanten, die immer vitalere Hauptstadt Kabul, die bevorstehende Verfassungsversammlung; vielleicht sogar pünktliche Wahlen im Sommer. Neu aber ist vor allem die Dringlichkeit, mit der die Stabilisierung Afghanistans im Westen betrieben wird, aus welchen Gründen auch immer: vom Werben Berlins um Washington über den Kampf der Nato gegen den Bedeutungsverlust bis zur Angst aller vor einer Wiederholung des Debakels im Irak. Und schließlich sind 2004 auch in Amerika Wahlen.
Doch wachsen auch neue Gefahren heran. Gerüchte von einer islamistischen Terroroffensive im Norden haben sich zwar nicht bewahrheitet. Doch wirklich unberechenbar und von größter Sprengkraft ist eine neue Machtökonomie, die sich in Windeseile ausbreitet und droht, jahrzehntealte Treue- und Herrschaftsverhältnisse zu untergraben: der Schlafmohnanbau, der Afghanistan wieder zum weltgrößten Opium- und Heroinproduktionsstandort gemacht hat. Badachschan ist das zweitgrößte Anbaugebiet des Landes; und die Transportroute Richtung Westen führt ausgerechnet durch Kundus. Wo jeder weiß, was für Fracht die neuen Geländewagen mit den dunkel getönten Scheiben mit sich führen und warum die Polizisten es nicht wagen, sie zu kontrollieren: weil höchste Machthaber oder zumindest deren Familie und Vertraute die Fäden des Geschäfts ziehen. PRTs als Drogenpolizei? Wohl kaum. Gegen diese Gefahr werden alle, die Afghanistan helfen wollen, gemeinsam Front machen müssen.
Wie viel in den nächsten Monaten für sie und ihre fremden Helfer auf dem Spiel steht, ist den Dorfbewohnern von Katechel wohl kaum klar. Aber was sie in der nächsten Zeit erwarten, bringt Dadgul unnachahmlich auf den Punkt: „Weißt du, wir haben die Schnauze voll vom Krieg. Jetzt ist es Zeit, dass die Kinder etwas lernen!“
- Datum 23.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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