die zeit: Ihr neues großes Werk heißt Die Lücke, die der Teufel läßt. Wer ist der Teufel?

Alexander Kluge: Das weiß ich so wenig wie Sie.

zeit: Könnte das Buch auch heißen: Die Lücke, die Gott läßt?

Kluge: Wenn der Teufel der Beobachter Gottes ist, kann man das sagen. Die Betonung liegt auf Lücke. In der Lücke wohnen die Menschen. Das Buch handelt nicht vom Teufel, sondern vom Prozess der Aufklärung. Wenn wir unsere heutige Erfahrung zugrunde legen, dann genügt die historische Aufklärung des 18. Jahrhunderts nicht mehr. Die ist zu planwirtschaftlich, zu rhetorisch, emotional zu gleichgültig. Es gibt hundert Jahre vorher eine ganz andere Vorstellung von Eigentum, von Emanzipation. Um 1600 würde der selbstbewusste Mensch sagen: Mein Eigentum richtet sich auf meinen Lebenslauf, auf meine Gefühle und Bindungen. Erst dann kommt mein Geschäftsbetrieb und das gesammelte Geld. Das ist der "neue Mensch".

zeit: Ihre großen Geschichtenbücher wissen etwas von der Lücke, die die Moderne gerissen hat. Sind Ihre Geschichten dazu da, diese Lücke wieder zu füllen, den verlorenen Zusammenhang wiederherzustellen?

Kluge: Das könnte ich nicht. Aber davon zu erzählen ist etwas anderes. Erzählen ist so etwas Ähnliches wie Fragen. Die Fledermaus wirft ihre Töne gegen eine Wand. Aus dem Echo hört sie einen Raum. Das ist es, was Erzähler können.