zeit: Das Erstaunliche an Ihren Büchern ist, dass der Erzähler auf eine gewisse Weise darin verschwindet.

Kluge: Ichlose Vielfalt! Eines meiner Kapitel heißt: Der Mann ohne Kopf. Ich habe großen Respekt vor den Gefühlen und ihrem Antirealismus. Wenn der Mensch auf etwas stößt, was er nicht erträgt, bekommt er einen Hautausschlag. Er ist allergisch gegen Unglück. Diesen Antirealismus im Menschen muss man anerkennen. Dazu verhält sich das Ich als Popanz.

zeit: Ihre Geschichten wollen mehr als einfache Erzählung, mehr als Chronik sein. Sie sollen doch etwas beweisen.

Kluge: Es gibt zwei Arten von Geschichten. Die einen weisen auf überhaupt nichts hin. Sie sind Monaden. Die anderen sind Kartografien. Da werden Geschichten wie Karten übereinander gelegt, es gibt ein cross mapping. Eine Dada-Anweisung lautet: Mit der Straßenkarte von London den Harz durchwandern. Das ist ergiebig insofern, als Sie sehr gut merken, wann Sie in den Abgrund fallen. Sie können mit einer falschen Karte viel erfahren. Wir können nie genau sagen, welche Karten richtig sind.

zeit: Die Ergebnisse dieser Kartenlegerei sind verblüffend. Plötzlich sieht es so aus, als gebe es durch alle Jahrhunderte hindurch immer wieder verwandte Geschichten.

Kluge: Sie könnten sich solche Geschichten von Brecht erzählt vorstellen. Dann würde irgendeine Moral herausschauen. Bei mir schaut ein Raum heraus, ein Erzählraum. Es gibt Erfahrungsbeben, so wie es Erdbeben gibt. Die Erfahrungsbeben verändern die Linearität von Erzählungen. Das messe ich wie ein Teufel.

zeit: Die gleichnishaften Geschichten sind zusammengebunden durch den Titel, durch die Lücke. Ist diese Lücke das Glück?