Interview Der FriedensstifterSeite 9/12

Kluge: Meine Kinder lesen keine Romane, und die schreiben auch keine Romane. Proust hat das 20. Jahrhundert in Sachen menschlicher Beziehungen abschließend bearbeitet. Das muss man nicht mehr wiederholen. Das Prinzip der Moderne ist der Neubau. Und dabei muss man Zusammenhang stiften. Wie eine Fledermaus, die verschiedene Wände anfliegt, probiere ich das aus. Eine Geschichte, eine Tonalität beeinflusst die andere wie in einer Partitur.

zeit: Es gibt viele Tonlagen und Klangfarben in Ihren Geschichten. Und doch meint man einen Grundton der Distanz heraushören zu können.

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Kluge: Ich schulde meinen Figuren Genauigkeit. Und zur Genauigkeit gehört…

zeit: Antisentimentalität?

Kluge: Ja. Wenn ich zum Beispiel in der Geschichte vom Selbstmörder Maxwell einen Trauergesang anstimmen würde, wäre das Phrase. Auch die großen Opern, Zimmermanns Soldaten oder Bergs Wozzek, sind im Grunde Kürzel. Was bei Wagner eine Viertelstunde dauert, dauert dort sieben Sekunden. Die Wirklichkeit hat sich verdickt, hat sich materiell aufgeladen. Meine Frage ist immer: Wo gibt es den Ausgang? Ich suche nicht die intensive Beschreibung.

zeit: Zieht es Sie nie zur großen Erzählung?

Kluge: Die Geschichten, die mich am meisten angehen, sind die kürzesten.

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