Don Simms kämpft um das Leben seines Sohnes Jonathan. Der Brite leidet seit September 2001 an vCJD, der menschlichen Variante des Rinderwahns

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Jonathan Simms vor dem Ausbruch der Krankheit mit seiner Freundin Natalie

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Don Simms marschiert durch das Krankenhaus, als sei er der Klinikchef. Er stößt die Tür zur neurochirurgischen Abteilung auf. „Hi, Don!“, rufen einige Angestellte. Andere können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Simms ist hier nur Besucher, der gelernte Elektriker ist der Vater eines schwer kranken Patienten. Doch Fachausdrücke wie „Pathogenese“ oder „Hirnstammaktivität“ kommen ihm wie einem altgedienten Mediziner über die Lippen. Ohne mit der Wimper zu zucken, spricht er von den „mit unserem Team assoziierten Ärzten“. In den vergangenen zwei Jahren ist Simms zum Vorkämpfer für die experimentelle Therapie einer erschreckenden Krankheit geworden: vCJD (variant Creutzfeldt-Jacob Disease), die menschliche Form des Rinderwahns. Der untersetzte Mann aus dem Belfaster Arbeiterviertel Springmartin probt den Aufstand gegen den unabwendbaren Tod seines 19-jährigen Sohnes Jonathan.

Don Simms setzte im vergangenen Februar die Behandlung mit einem umstrittenen Wirkstoff gegen die Widerstände des staatlichen Instituts für CJD-Forschung und des britischen Komitees für Medikamentensicherheit durch. Vor wenigen Wochen organisierte er einen Kongress in seiner Heimatstadt Belfast, auf dem Neurologen aus der ganzen Welt mit, wie das British Medical Journal berichtete, „vorsichtigem Optimismus“ erste Anzeichen einer Genesung des Jungen feststellten. Ob das Mittel bei dem zuvor praktisch komatösen Jungen gewirkt habe, sei noch ungewiss, erklärte der Neurologe Nikolai Rainov, doch die Hirnfunktionen hätten sich im Verlauf des verzweifelten Behandlungsversuchs eindeutig verbessert. „Er kann sogar Anweisungen befolgen. Das war vor sechs Monaten nicht der Fall.“

Der Befund hat alle Widerstände im Königreich zu Fall gebracht: Schon in dieser Woche womöglich wird auch einer 18-jährigen Engländerin als zweitem vCJD-Patienten nach demselben Verfahren eine Pumpe eingesetzt, die das in Großbritannien nicht lizenzierte Arzneimittel Pentosan-Polysulfat (PPS) direkt ins Hirn injiziert. Die junge Frau, nur mit dem Kürzel M. identifiziert, ist noch in weit besserer Verfassung als Jonathan Simms. Sie kann schwimmen, kurze Distanzen gehen, braucht aber Hilfe beim Essen, Anziehen und Waschen. Intellektuell sei sie inzwischen auf dem Stand eines Kindes, urteilte die höchste Familienrichterin des Landes, Dame Elizabeth Butler-Sloss. Daher stehe der Familie die Entscheidung über die Behandlung mit Pentosan-Polysulfat zu.

Das Mittel wurde 1949 von der Münchner Bene Arzneimittel GmbH entwickelt. Es wird vor allem in der Veterinärmedizin verwendet. In den USA ist das Präparat bei Blasenreizungen und einigen anderen Indikationen auch für Menschen zugelassen. Trotz seines veritablen Alters weiß niemand genau, wie es wirkt.

Davon lässt sich Don Simms überhaupt nicht beirren. Wie die meisten der wegen ihrer politischen Eigenbrötelei oft geschmähten Ulster-Protestanten ist er von tiefem Misstrauen gegen die Institutionen des Staates beseelt. Er hat Vorstellungen von Recht und Ordnung, die einem zivilisationsverwöhnten Mitteleuropäer kalte Schauer über den Rücken jagen. Die Selbstjustiz der Paramilitärs, die Kleinkriminelle mit Prügeln und Schüssen ins Knie bestrafen, geht ihm oft nicht weit genug. Bei Pädophilen plädiert er für einen Kopfschuss.

Jonathan, das älteste seiner sieben Kinder, erkrankte im September 2001. Doch sein Schicksal war weit früher besiegelt: Verseuchte meat pies, Würste, oder Burger – was immer die tödlichen Erreger in den Darm trug – starteten die schleichende Invasion seines Körpers. Die Route der Erreger ist bekannt, vor allem das Forscherteam des Zürcher BSE-Experten Adriano Aguzzi hat sie in mühevoller Arbeit enttarnt. Zuerst drangen die infektiösen Eiweißpartikel in Jonathans Lymphorgane vor, eroberten dann langsam das periphere Nervensystem. Im Frühstadium ist vCJD daher meist schwer zu erkennen. Erst später setzen die Erreger zum Angriff auf das Hirn an.

Die Krankheit beginnt mit Depressionen, Angstzuständen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Nach einem halben Jahr machen sich die typischen neurologischen Ausfälle bemerkbar. Die Patienten verlieren die Kontrolle über ihre Bewegungen. Die Krankheit, die in erster Linie Teenager und junge Menschen befällt, schreitet dann rapide voran. Das Hirn verwandelt sich in eine schwammartige Masse.