Creutzfeldt-Jakob-Krankheit Diagnose RinderwahnSeite 4/4
Im Februar 2003 begann die Prozedur mit einer Infusion. Die befürchteten Nebenwirkungen blieben aus. Im März wurde die Infusionspumpe unter der Bauchdecke eingenäht. Wenige Wochen später kam Jonathan nach Hause. Laura Woolfson, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Anästhesie der Universität Manchester, fliegt seither einmal monatlich nach Belfast und misst mit einem in ihrem Institut entwickelten Gerät feinste Abweichungen seines Herzschlages. Prionen zerstören Hirnstammzellen, die den Herzrhythmus kontrollieren. Deshalb, so die Theorie, geben Messungen des Herzschlages Auskunft über den Stand der Krankheit. Woolfson findet jedes Mal ermutigendere Werte. Hat das unkonventionelle Arzneimittel die Zersetzung des Hirns nicht nur gestoppt, sondern tasächlich einen Heilungsprozess eingeleitet?
Simms hat seinen Elektrikerkittel an den Nagel gehängt. Die „Kampagne“, wie er sie nennt, habe 150000 Euro verschlungen. Die finanzierte er aus Spenden und Erspartem. Die Familie lebt von Zuwendungen des Staates. Entweder er oder seine Frau sind fast ständig am Bett des Sohns.
Der liegt gegenwärtig wieder im Krankenhaus. Eine Komplikation mit dem Katheter, der vermutlich unter der Schädeldecke leckt, eine Wasseransammlung, erhöhte Temperatur. Am Telefon berichtet Don Simms besorgten Anrufern mit unerschütterlichem Optimismus: „Der Junge hat den Rückschlag überwunden. Er ist der tapferste Mensch, dem ich je begegnet bin.“
Jonathans Einzelzimmer liegt am Ende der Station. Die Mutter sitzt neben dem Bett. Ein Monitor piept. Die Infusionspumpe zeichnet sich brieftaschenförmig unter der Bauchdecke ab. Der linke Arm ist angewinkelt und zuckt unkontrolliert. Die Augen in dem blassen Gesicht sind geschlossen. Die Lider scheinen übernatürlich groß. Weißer Schaum steht auf den Lippen. Der junge Mann nimmt nichts wahr, auch nicht die Krankenschwester, die ihm den Schaum von den Lippen wischt. Vater Simms, jetzt ganz Selfmade-Arzt am Krankenbett, inspiziert die Fieberkurve, sie ist auf 38,0 gefallen, die Flüssigkeitswerte, eine Beule und zwei frische Narben auf dem Schädel. Die eine ist verheilt, die andere nicht. Er redet von der Notwendigkeit, die Beule zu punktieren, um den Schädeldruck zu verringern. Der mache den Jungen so schläfrig.
Auf die Frage, ob er nie die Möglichkeit erwäge, dass Jonathan trotz allem stürbe, erwidert Simms erstaunt: „Jonathan?“
- Datum 23.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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