doping „Dahinter steckt kriminelle Potenz“
US-Sportler unter Verdacht: Ein Gespräch mit dem Dopingexperten Fritz Sörgel
die zeit: Die Entdeckung des Designer-Steroids Tetrahydrogestrinon (THG) bei vielen US-Sportlern gilt als bislang größter Dopingskandal. Sie sagen, THG kann eine chemische Bombe sein.
Fritz Sörgel: Ohne weiteres. Sie müssen sich das mal vorstellen: Man synthetisiert ein neues Steroid. Dazu wird ein gängiges – das Gestrinon – chemisch optimiert, nur um dem Nachweis zu entgehen. Und nun führt man Sportlern eine Substanz zu, die völlig neu ist, deren Gefährlichkeit wir nicht kennen. Wirkungen hat THG aber garantiert, und die könnten hochbrisant sein.
zeit: Ist das chemische Design schwierig?
Sörgel: Nicht einmal das. THG entsteht durch eine relativ einfache chemische Reaktion, mit der vier Wasserstoffatome eingeführt werden. Ein guter Chemiker und ein guter Pharmakologe zusammen können ein Steroid in ein paar Monaten bauen. Immerhin ist THG jetzt leicht nachweisbar, die Tests bei deutschen Athleten laufen bereits.
zeit: Steroide sind körpereigene Substanzen. Wie greifen sie in den Organismus ein?
Sörgel: Sie steigern die Eiweißsynthese über das normale Maß. Mehr Eiweiß, mehr Muskel. Aber ich bin sicher, dass anabole Steroide auch einen erheblichen Effekt auf die Psyche haben, und zwar im Sinne einer Steigerung der Leistungsbereitschaft.
zeit: Wie gut fördert das neue Konstrukt THG denn das Muskelwachstum?
Sörgel: Unbekannt. Das ist die neue Qualität dieses Falles: Nur die Hintermänner und die Sportler wissen, wie gut es wirkt. Womöglich haben die Entwickler ein nachweissicheres Molekül entdeckt, das auch noch besonders gute anabole Eigenschaften hat.
zeit: Doch wer testet das? Dass die Sportler den Kontrollen entgehen, nützt ihnen nur, wenn das Mittel auch gut wirkt.
Sörgel: Eben. In meinen Augen sind das Menschenversuche. Mein Institut braucht bei Arzneimitteltests vier, fünf Jahre, bis alle Sicherheitsfragen geklärt sind. Und selbst dann kann man nie ganz sicher sein. Was passiert hier? Die nehmen – im wahren Sinn des Wortes – eine Substanz aus der Retorte. Ich will mindestens hoffen, dass ein paar Tierversuche gemacht wurden, aber dann geht man sofort an Menschen! Dahinter steht kriminelle Potenz.
zeit: Und eine Infrastruktur: Chemiker, Auftraggeber. Was sind das für Leute?
Sörgel: Ich kann nur spekulieren. Es gibt natürlich Garagenlabors, die schmutzige Dinge machen. Und sicherlich kleine chemische Unternehmen oder einzelne Mitarbeiter dort, die Know-how haben und unter der Hand etwas kochen. Wenn ich das als Laborleiter geschickt anstelle, merkt niemand, dass da ein paar Kolben rühren. Diese Leute können sich nicht herausreden, jeder Chemiker muss sofort wissen, was er da tut. Es gibt nur eines, wofür ich meine Hand ins Feuer legen würde: Die Stoffe kommen nicht aus den seriösen Unternehmen der Pharmaindustrie.
zeit: Wie kommen die Sportler an die Steroide?
Sörgel: Im Fall von THG hat die Firma Balco allerhand Nahrungsergänzungsmittel vertrieben. Auch die legalen, Kreatin oder Eiweißkonzentrate, die von den Dopingregeln erlaubt sind. Solche Firmen…
zeit: …zählen nicht immer zu den grundsoliden.
Sörgel: Nein. Man muss aber sagen, dass die USA anabole Steroide für den allgemeinen Handel erlauben. Hier unterliegen sie dem Arzneimittelrecht, dort kann man Steroide legal im Web bestellen. Niemand verbietet Bodybuildern solche Sachen.
zeit: Mit welchen Risiken?
Sörgel: Schäden des Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechsels, der Sexualfunktion bei Männern. Und Aggressivität. Eine Studie hat da Erschreckendes nachgewiesen: Jeder fünfte US-Collegestudent nimmt Steroide. Von denen wird fast ein Drittel später opiatabhängig, weil sie ihre Aggressionen dämpfen müssen. Also das ist keine Substanzgruppe, mit der man spaßen darf.
Fritz Sörgel leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmakologische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg.
Die Fragen stellte Ulrich Bahnsen
- Datum 23.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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