raumfahrt Partner im All
Der erste Taikonaut ist wohlbehalten zur Erde zurückgekehrt. Jetzt schmieden Europäer und Chinesen gemeinsame Weltraumpläne – zum Ärger der Amerikaner
Wenn ein Mensch heil aus dem Weltall zurückkehrt, gibt es auch vom Klassenfeind Lob. „Der Start von Shenzhou V war eine bedeutende Leistung in der Geschichte menschlicher Entdeckungen“, pries Sean O’Keefe, Chef der US-Weltraumbehörde Nasa, Chinas ersten bemannten Raumflug. In 21 Stunden und 23 Minuten absolvierte der Taikonaut Yang Liwei vergangene Woche 14 Erdumrundungen, bevor er sicher in der Inneren Mongolei landete. Seither ist China die dritte Nation, die Menschen ins All schickt. Doch wer, außer den Chinesen, ist eigentlich glücklich darüber?
Nahezu sämtliche Weltraummächte – die USA, Russland, Europa, Japan und Indien – stehen dem chinesischen Erfolg skeptisch gegenüber. Die USA sehen China schon lange als zukünftigen militärischen Rivalen im Weltraum. Folglich schließen Nasa-Insider auch nach Yang Liweis Erfolg aus, dass China künftig ein Platz neben den 16 Nationen eingeräumt wird, die an der Internationalen Weltraumstation (ISS) unter amerikanischer Führung beteiligt sind. Russland befürwortet zwar offiziell Chinas Teilnahme an der Weltraumstation, legt jedoch auf eine enge Kooperation mit Peking im Prinzip ebenso wenig wert wie Washington. Denn auch Moskau sieht militärische Interessen im Spiel. Aus anderen Gründen pikiert sind Japan und Indien – dort werfen die Medien ihren Regierungen vor, sich von Peking beim Wettlauf in den Weltraum abhängen zu lassen.
200 Millionen Handys locken
Nur in Europa löst der Chinese im All in erster Linie nicht Neid und Sorge aus, sondern schürt vielmehr die Hoffnungen auf eine noch vor Jahren undenkbare Weltraumkooperation. Das erste gemeinsame Projekt zeichnet sich bereits ab: Die Chinesen wollen sich dem europäischen Satelliten-Navigationssystem Galileo anschließen.
Schon beschwört man in Paris, am Hauptsitz der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, eine „neue Ära weit verbreiteter Zusammenarbeit in der Weltraumfahrt“. Dabei denken die europäischen Experten zwar auch noch an Gemeinschaftsprojekte mit den USA und Russland, etwa die Weiterentwicklung der ISS. Doch in Wirklichkeit sind sie nicht mehr so recht begeistert von der Kooperation mit den Amerikanern, die stets peinlichst ihren technologischen Vorsprung hüten. Auch tun sich die mit militärischen Zielen überladenen Weltraumprogramme der USA und Russlands schwer, bürgernahe Anwendungen in den Mittelpunkt zu stellen – gerade das aber wollen die Europäer.
Deshalb sind sie regelrecht elektrisiert von der Vorstellung einer Weltraumachse Brüssel–Peking: „Shenzhou V hat in Brüssel Begeisterung für China ausgelöst“, verrät ein ranghoher europäischer Forschungsbeamter. Mit der dritten Nation im All ist auch der Traum erwacht, Europa und China könnten gemeinsam bei der zivilen Nutzung der Weltraumtechnik sowohl Russland als auch die USA überholen. Nicht nur europäische Satellitentechnik und chinesische Trägerraketensysteme passen prima zusammen. China ist mit über 200 Millionen Nutzern der größte Mobilfunkmarkt der Welt. Die Europäer wittern die Chance, diesen Markt für das geplante europäische Satelliten-Navigationssystem Galileo zu erschließen. Mit einem Satellitenchip wird sich das Handy bald als Landkarte und Reiseführer nutzen lassen, und dafür gibt es wohl nirgendwo mehr Bedarf als in der Volksrepublik, wo es bisher nicht einmal für Peking und Shanghai brauchbare Stadtpläne gibt. Warum sollen die Chinesen, von denen die allermeisten bis heute nie eine Landkarte, geschweige denn einen Reiseführer in die Hand genommen haben, nicht in Zukunft gleich zum Navigationshandy greifen?
Aus Brüsseler Sicht kommt der Erfolg von Shenzhou V also gerade rechtzeitig. Er macht aus dem Raketenböllerland China eine anerkannte Weltraumnation und damit just den Partner, den Europa für die eigenen Vorhaben sucht. Immerhin will man mit dem Galileo-Projekt bis zum Jahr 2008 das erste globale zivile Satelliten-Navigationsprogramm der Welt errichten. Wiederholt haben die USA in der Vergangenheit interveniert, um Galileo zu verhinden und Europa auf das amerikanische Global Positioning System (GPS) einzuschwören. Doch der Alte Kontinent setzt auf Autarkie. „GPS wird fast ausschließlich militärisch genutzt, nur ein paar Frequenzbänder stehen zivilen Zwecken zur Verfügung. Wir bauen genau das Gegenteil“, sagt Rainer Grohe, Geschäftsführender Direktor von Galileo Joint Undertaking, dem von der EU-Kommission ins Leben gerufenen Gemeinschaftsunternehmen.
Grohe zählt zu den einflussreichsten neuen Peking-Fans in Brüssel. „Galileo ist ein globales System, und das fordert Partner. China bietet dafür ein hervorragendes Potenzial“, schwärmt der Galileo-Chef. Als Manager eines Schweizer Energiekonzerns ließ der Deutsche bereits vor 20 Jahren Kraftwerke in die Volksrepublik liefern. Seine China-Expertise half den Unterhändlern von EU und Esa in den vergangenen Monaten, einen großen Coup zu landen: Wenn nicht noch in letzter Minute neue bürokratische Hürden auftauchen, wollen EU-Kommissionschef Romano Prodi und der chinesische Premierminister Wen Jiabao auf ihrem Gipfeltreffen am 30. Oktober in Peking ein Galileo-Kooperationsabkommen unterzeichnen. Es wäre der technologisch umfangreichste Vertrag, den beide Seiten je geschlossen haben, und die Volksrepublik wäre nach Kanada erst das zweite Land, das dem Galileo-Projekt beitritt. Auch würden sich Europa und China erstmals gemeinsam „von den USA abkoppeln“, wie ein Esa-Mitarbeiter die neue Qualität des Pekinger Galileo-Abkommens beschreibt.
Konkret ist geplant, dass China in den ersten drei Jahren des Galileo-Projekts 200 Millionen von den veranschlagten drei Milliarden Euro übernimmt. „Bedenkt man, dass 15 europäische Staaten hinter dem Projekt stehen, entspricht dieser Anteil einer vollen Mitgliedschaft für China“, freut sich Yin Jung, der im Pekinger Forschungsministerium die Abteilung für die Zusammenarbeit mit Europa leitet. Für Yin, der zu den maßgeblichenen Autoren des Abkommens zählt, sind Chinas Interessen an Galileo keine Geheimnisse. „Offen gesagt, wird der Satellitenbau europäische Sache bleiben“, sagt Yin. „Wir aber schaffen uns mit Galileo stabile Rahmenbedingungen für die Entwicklung neuer Anwendungsindustrien, etwa beim Mobilfunk, wo unsere Unternehmen bereits führend sind. Und natürlich hoffen wir, den Start einiger Satelliten übernehmen zu können.“
Damit weist der chinesische Unterhändler auf einen umstrittenen Punkt des Abkommens hin. Offiziell heißt es in Brüssel, dass den Chinesen keinerlei Versprechen hinsichtlich des Starts von Satelliten gemacht wurden. Zugleich aber weiß jeder, dass das europäische Trägerraketensystem Ariane 5 in Schwierigkeiten steckt. Eine billige Alternative, wie sie China mit seinen seit 29 Starts unfallfreien Raketen vom Typ Langer Marsch bietet, kommt da einigen in Brüssel nicht ungelegen. Zumal die Chinesen auch kleinere Trägersysteme im Angebot haben, über die Europa nicht mehr verfügt, seit die Ariane 4 aufgegeben wurde. Diese aber sind für die leichten Galileo-Satelliten, von denen bis 2008 immerhin 30 Stück in den Orbit gebracht werden müssen, besonders geeignet.
Schon in diesem Dezember bietet sich die Gelegenheit für einen idealen Test: Dann sollen zwei mit europäischer Technik ausgestattete Forschungssatelliten auf chinesischen Raketen starten. Sie werden die Wechselwirkung zwischen Sonne und Erde erkunden – und sorgen schon jetzt für eine neue, reibungsfreie Beziehung zwischen europäischen und chinesischen Weltraumforschern.
„China bringt den DVD-Effekt“
So warnen manche Europäer bereits vor übertriebener Nähe im All zu China. „Wir wollen zu jeder Zeit total unabhängig bleiben“, mahnt René Oosterlingk, Abteilungsleiter für Navigationssysteme bei der Esa in Paris. Oosterlingk begleitete einen Teil der Verhandlungen in Peking und legt heute Wert auf die Feststellung, dass „alle heiklen Themen ausgeschlossen“ blieben. So waren etwa die Atomuhren, das schlagende Herz der Satelliten, tabu. China hätten auch nicht dieselben Mitgliedsrechte wie den EU-Staaten eingeräumt werden können. „Alle sicherheitssensiblen Fragen sind ausgeklammert worden“, bestätigt ein europäischer Diplomat in Peking.
Dennoch ist auch Oosterlingk von der China-Perspektive für die europäische Raumfahrt begeistert: „Die Chinesen bringen uns den DVD-Effekt: Auf einem großen Markt wird alles billig, und deshalb setzen sich neue Technologien, wie etwa die DVD, hier schneller durch.“ Auch erkennt er das „enorme intellektuelle Potenzial“ Chinas. „Die setzen auf ein Problem zehn Ingenieure an, wo wir nur einen bezahlen können“, weiß Oosterlingk. So gilt am Ende auch für ihn die These des britischen Fachjournalisten David Baker von der Zeitschrift Jane’s Space Digest: „Wir Europäer hegen selbst keine militärischen Supermacht-Ambitionen und haben deshalb bezüglich einer Zusammenarbeit im Weltraum nicht die gleichen Vorurteile gegenüber China wie die USA und Russland.“
Als wollte Peking die Europäer in ihrer Haltung bestärken, schwenkte Chinas Taikonaut Yang Liwei in seiner Raumkapsel nicht nur die chinesische, sondern auch die UN-Flagge. Niemand wird deshalb glauben, Peking verfolge im Weltraum keine militärischen Interessen. Aber es könnte das richtige Signal gewesen sein: für eine globale, friedliche Nutzung des Alls, für die Chinesen und Europäer heute gemeinsam bessere Startchancen haben als die alten Weltraummächte.
- Datum 23.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44
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