Überall Schweine. Im Atomforschungszentrum Cadarache bei Aix-en-Provence stehen sie fast an jeder Straßenkreuzung. Hier wurde von 1961 an ein halbes Dutzend Versuchsreaktoren in die provenzalische Wildnis gebaut. Und auf jeden der 4000Mitarbeiter von Cadarache kommt heute schätzungsweise ein Wildschwein: Denn in dem 16 Quadratkilometer großen Hochsicherheitstrakt hat sich das Schwarzwild dank des Jagdverbots prächtig vermehrt.

Auf die Idee, die fruchtbare Schweinepopulation als Beweis für die gepriesene Harmlosigkeit der Atomenergie zu nutzen, ist Forschungsmanager Daniel Rippert allerdings noch nicht gekommen. Er leitet die beiden Versuchsreaktoren Eole und Minerva, mit denen Frankreich den Sprung zu den Kernreaktoren der „dritten Generation“ vorbereitet. Die Versuchstypen des European Pressurized Reactor (EPR) sind keine mächtigen Atomanlagen, sondern eher bescheidene Nuklearöfen, die kaum dazu taugen, öffentliche Ängste zu schüren. Die Testreihen zur Optimierung der neuen Brennstäbe sind abgeschlossen. Rippert hält seine Anlage nur noch für kleinere Forschungsaufträge von japanischen Kraftwerksbetreibern in Betrieb.

Doch der Eindruck der Ruhe im Landschaftspark Cadarache, einem der größten Atomforschungszentren der Welt, ist trügerisch. Nach anderthalb Jahrzehnten Flaute, in denen Frankreich kein neues Akw mehr gebaut und ein halbes Dutzend europäischer Länder mit Moratorien den Ausstieg aus der Kernenergie vorbereitet hatten, kommt neues Leben in die Branche. Anfang Oktober platzte die französische Industrieministerin Nicole Fontaine mit einer brisanten Botschaft in die gerade von der Regierung begonnene „Nationale Debatte über die Energie“: „Die neuen Reaktoren der dritten Generation sind modern und zehnmal so sicher wie herkömmliche Anlagen. Sie senken die Strompreise und produzieren weniger Abfall. Ich werde dem Premierminister vorschlagen, unverzüglich ihre Entwicklung voranzutreiben.“

In den USA ist man schon einen Schritt weiter. Dort hat Energieminister Spencer Abraham mit seinem neuen Programm Nuclear Power 2010 bereits den Bau von sechs neuen Atomkraftwerken angeschoben. Auch in Asien, Russland und Südafrika ist die Renaissance der Atomkraft in vollem Gang. Weltweit befinden sich derzeit 33 Kernkraftwerke im Bau und 27 in der Planung.

„Europas Atomskepsis ist heute eher die Ausnahme“, sagt Jacques Bouchard, Direktor des mächtigen Kommissariats für Atomenergie (CEA) in Paris. Seine Riesenbehörde mit 15000 Mitarbeitern ist das Herz des zivilen und militärischen französischen Atomstaats. „Die Technik der dritten Reaktorgeneration ist so ausgereift, dass wir lediglich eine Demonstrationsanlage brauchen, um die kommerzielle Anwendung nachzuweisen“, meint Bouchard. Daran sind auch deutsche Kraftwerksbauer beteiligt. „Die deutschen Atomforscher arbeiten bei uns derzeit wie im Exil“, scherzt Jacques Bouchard über die langjährige Kooperation von Siemens und der französischen Framatome, die 2001 mit einer Firmenfusion der Nuklearsparte besiegelt wurde. Und der deutsche Framatome-Sprecher Wolfgang Breyer in Nürnberg freut sich: „Nachdem wir über zehn Jahre lang nichts bauen konnten, werden wir bald an Finnland den ersten EPR liefern.“

Aschenbecher gegen Kernschmelze