LexikonDie Gehilfen des Massenmords

Mehr als ein „Who’s who“ des „Dritten Reiches“ – Ernst Klee ist ein Standardwerk gelungen. von Willi Jasper

Der Theologe und Sozialpädagoge Ernst Klee hat in den letzten zwanzig Jahren mit seinen Sachbüchern über NS-Wissenschaftspolitik und Täterbiografien (wie oder wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet. Dass er sich als „Einzelkämpfer“ einem bisher von der Geschichtswissenschaft eher vernachlässigten Komplex zugewandt hat, stieß in bestimmten Zunft-Kreisen auf mehr Argwohn als Anerkennung. So ist es auch kein Wunder, dass sein jetzt erschienenes zur NS-Zeit – zumal es vom Verlag als „konkurrenzlos“ angekündigt wurde – besonders kritisch unter die Lupe genommen wird. In Zeiten der Normalitätssehnsucht möchte man nicht mehr von „jenem spezifischen Drang zum Bekenntnis deutscher Schuld, der oft mit einer gehörigen Portion Heuchelei vermischt ist“ (so Henning Köhler in der belästigt werden.

Vorgelegt hat Klee einen voluminösen Band mit 4300 Kurzbiografien der „wichtigsten Personen aus den Bereichen Fürsorge, Judenmord, Justiz, Kirchen, Konzentrationslager, Kultur, Medizin, Ministerialbürokratie, Partei, Polizei, Publizistik, Reichssicherheitshauptamt, Wehrmacht, Wirtschaft und Wissenschaft“. Natürlich kann man – wie bei jeder Enzyklopädie – im Hinblick auf Auswahl und Gewichtung Einwände erheben, doch angesichts des Ausmaßes von weißen Flecken und Fehlinformationen über NS-Personalien in den großen Konversationslexika tut sich beckmesserische Kritik hier schwer. Anders als auch das Große Lexikon des Dritten Reichs ist Klees Werk mehr als ein „Who is who des Dritten Reiches“ (Klappentext), denn die besondere Leistung des Autors besteht darin, nicht nur über Nazi-Karrieren zu informieren, sondern auch darüber, wie sie vor 1933 anfingen und nach 1945 weitergingen.

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Je detaillierter die biografischen Forschungsergebnisse sind, desto erschreckender wirkt das Gesamtbild. Das Verstörende an Christopher Brownings Fallstudie über ein Polizeibataillon bei der „Endlösung“ war, dass die Täter aus der Mitte der Gesellschaft kamen, einen Querschnitt der „deutschen Volksgemeinschaft“ repräsentierten. Das Erschreckende an der Dokumentation von Ernst Klee ist die Bestätigung der These, dass der mörderische Antisemitismus weniger eine spontane Bewegung benachteiligter Volksschichten war, sondern vor allem ein Instrument der Führungs- und Bildungsschichten. Tausende von Wissenschaftlern, Kulturfunktionären, Ministerialbürokraten und kirchlichen Würdenträgern wurden, wie der Autor konstatiert, ideologisch und praktisch „zu Gehilfen des Massenmords“. Die „Effizienz“ des Nationalsozialismus scheint sich in der Tat im Wesentlichen aus dem Zusammenwirken von „alten“ und „neuen“ Eliten zu erklären. Und die Biografien bestätigen auch, dass es reine Männerbünde waren, die ihre Reihen durch Seilschaften über die Systembrüche hinweg fest geschlossen hielten. Nach 1945 garantierten sie die Kontinuität jenes deutschen Arbeitsexistenzialismus, der sich aus den Tagen des totalen Krieges bruchlos in die Arbeitsmühle des Wiederaufbaus verlängerte und die Verleugnungsarbeit an die Stelle von Trauerarbeit setzte.

Zweifellos hat Ernst Klee eine enorme Fleißarbeit geleistet, und der Klappentext übertreibt nicht mit dem Etikett „Standardwerk“. Doch bleiben einige Einwände und Fragen. So hätte man sich im Vorwort eine ausführlichere Begründung der Systematik und Begrifflichkeit gewünscht, die Aufschluss darüber geben könnte, nach welchen soziologischen Kriterien der Autor seine Auswahl der „gesellschaftlichen Elite der Zeit des Dritten Reichs“ strukturiert. Hitler als normales Kurzstichwort aufzunehmen ist zum Beispiel unsinnig – ebenso die Registrierung des Widerstandskämpfers und späteren DDR-Dissidenten Robert Havemann als „NS-Physiker“. Zu Recht wurde bereits moniert, dass die Mediziner überproportional vertreten sind. Das mag sich aus den einschlägigen Vorarbeiten des Autors erklären – entschuldigt aber nicht die Desiderata im Bereich der Geisteswissenschaft. Aufgenommen ist zwar die faustische Karriere des SS-Germanisten Schwerte/Schneider, es fehlt aber jegliche Information über die Wissenschaftspraxis und den Kaderstamm des „Ahnenerbes“. An diesem Beispiel wird deutlich, dass die in Lexika üblichen Querverweise auf andere Stichworte auch in diesem Werk durchaus einen Sinn gehabt hätten. Speziell der „Seitenwechsel“ der Germanisten, den zuletzt Ludwig Jäger (1998) so anschaulich beschrieben hat, kommt in dieser Dokumentation zu kurz. So fehlt selbst der allmächtige Julius Petersen, der skrupellos den Lehrstuhl des 1942 in Theresienstadt ermordeten Begründers der Berliner Theaterwissenschaft Max Hermann zu seinem germanistischen Privat- und Großunternehmen umfunktionierte. Für nicht erwähnenswert hält Klee auch, dass der Verleger Anton Kippenberg ohne Zäsur von 1938 bis 1950 das Präsidentenamt der Goethe-Gesellschaft ausüben konnte.

Das wichtige Stichwort zu Heidegger hingegen zeigt, dass der deutsche Mandarin keinen Klassenverrat begehen musste, um Nazi zu werden. Es gab genug Brücken, auf denen man ans braune Ufer kommen konnte, ohne zugleich ein erträgliches Maß an Opportunismus überschreiten zu müssen. Aber auch hier gibt es Fragen. Kann man Karl Jaspers wirklich auf die gleiche Stufe mit Heidegger stellen? Und war der Romanist Jauss, der sich für die SS und gegen die Résistance entschied, nicht auch ein schuldverstrickter Mandarin? Oder: Gehörte Gerhart Hauptmann zur „gesellschaftlichen Elite der Zeit des Dritten Reichs“ – Ernst Jünger aber nicht? Über diese Fragen kann man streiten – auch darüber, ob das Quellen- und Literaturverzeichnis ausreichend ist. Der Originalität Ernst Klees wäre jedenfalls kein Abbruch getan, wenn er als „benutzte Quellen“ auch auf Heinz Boberachs Meldungen aus dem Reich (1984), jene unverzichtbare 16-bändige Dokumentation der „geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938–1945“ oder die von Eberhard Jäckel, Peter Longerich und Julius Schoeps betreute dreibändige deutsche Ausgabe der Enzyklopädie des Holocaust verwiesen hätte. Diese Einwände und Fragen sollen und können die Gesamtleistung des Autors nicht schmälern, sie stammen von einem Rezensenten, der aus eigener Erfahrung weiß, dass eine Lexikon-Bearbeitung ohne den Mut zur Lücke nicht möglich ist.

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Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich Wer war was vor und nach 1945; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 731 S., 29,90 ¤Das Personenlexikon zum Dritten ReichSachbuchWer war was vor und nach 1945Ernst KleeBuchS. Fischer Verlag2003Frankfurt a. M.29,90731
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