Wer heute noch aus unerfindlichen Gründen auf einer mechanischen Schreibmaschine schreibt wie der Rezensent, sagen wir auf einer Santa Monica aus dem Hause Olympia, der darf sich bei aller Poesie dieser Namen der stark dezimierten Nachhut der Mediengeschichte zurechnen. Der prekäre Ruf eines anachronistischen Heimarbeiters ist dem Autor gewiss.

Ganz anders die Situation, als Friedrich Nietzsche im Februar 1882, in Genua weilend, eine – selbstverständlich mechanische – Schreibmaschine als Geschenk seiner Schwester Elisabeth von seinem Freund Paul Rée überbracht bekam. Da gehörte er zur Avantgarde des technologischen Fortschritts.

Der Kommentar der ersten vollständigen Faksimile-Edition aller Nietzscheschen Typoskripte zögert denn auch nicht, diesen mediengeschichtlichen Moment, dessen Textur, richtiger: Tastatur im Gefolge der Medienwissenschaft Friedrich Kittlers und der Dekonstruktion Jacques Derridas entziffert wird, mit größtem Schwergewicht zu versehen. Nietzsches maschinenschriftliche "Kehre" – so der tollkühne Rückgriff auf den Handschrift-Fetischisten Heidegger – markiert danach nichts Geringeres als das Ende der "Metaphysik der Handschrift" (Friedrich Kittler) in der "stets auch medial bestimmten Denkgeschichte der Philosophie".

Wie der notorische Wanderer Nietzsche nicht eigentlich lief, sondern gelaufen wurde, so schreibt nun endlich auch "Es" aus ihm und durch ihn und nicht mehr er. Und hat nicht schon Nietzsche selber sich als denkendes, nur scheinbar autonomes Subjekt medial dekonstruiert, wenn er in einem maschinenschriftlichen Brief an den Freund und Sekretär Heinrich Köselitz (Pseudonym Peter Gast) vom Ende Februar 1882, also kurz nach dem Eintreffen der Maschine, in deren Großbuchstaben schreibt: "SIE HABEN RECHT – UNSER SCHREIBZEUG ARBEITET MIT AN UNSEREN GEDANKEN. WANN WERDE ICH ES UEBER MEINE FINGER BRINGEN, EINEN LANGEN SATZ ZU DRUCKEN!"

Aber auch das war nur bedingt ein kurzer Satz. Die Meldung des Berliner Tageblatts vom März 1882, die zum nicht unbeträchtlichen narzisstischen "Spaass" des "bekannten Philosophen und Schriftstellers Friedrich Nietzsche" über seinen Genueser Aufenthalt und den Schreibmaschinenempfang berichtete, sah die Zusammenhänge ohnehin medienphilosophisch konservativer: "Mit Hülfe einer Schreibmaschine ist er wiederum schriftstellerisch thätig, und ein neues Buch in der Weise seiner letzten Werke ist somit zu erwarten." Man ist also gut beraten, die Metaphysik der Hand- und der Maschinenschrift einstweilen nicht zu übertreiben. Die Edition und der Kommentar geben genügend Material für eine andere Lesart an die Hand.

Der schwer augenkranke, halb blinde Nietzsche hoffte, die Maschine, eine Malling-Hansen aus Kopenhagen, die besonders für blinde Schreiber entwickelt worden war, als Schreibhilfe nutzen zu können. Das halbkugelartige Gerät, das der hier überraschend anthropomorphe Kommentar "schädelartig" nennt, das aber auch eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Igel hat, erleichterte bei hinreichender Übung in der Tat das Schreiben, gerade indem seine Konstruktion zum Blindschreiben zwang.

Die Maschine war eine Art Augenprothese, freilich in diesem Fall von fragwürdigem Komfort und begrenzter Effizienz. Nietzsche, als "Typewriter" ein blutiger Anfänger, schrieb mit ihr viel langsamer als handschriftlich und natürlich fehlerreich.