Mehmet Scholl, Sie haben jetzt Ihre zweite CD mit Ihrer Lieblingsmusik bei einem Münchner Independent-Label herausgebracht. Angeblich hören Sie diese Stücke selber vor dem Spiel in der Kabine.

Wieso angeblich?

Weil die CD streckenweise sehr getragen wirkt, fast düster. Auf dem ersten Teil sind Grübel-Rock-Bands wie Tocotronic draufgepackt. Hört man so was wirklich vor dem Spiel?

Das ist super. Ehrlich. Oder Coldplay. Es ist gut, wenn es einen etwas runterzieht. Am Spieltag bist du euphorisch genug. Du freust dich, du willst einfach nur losrennen auf den Platz. Da passt es gut, wenn du was hörst, was dir die Botschaft vermittelt: He, es gibt auch noch andere Sachen im Leben, es gibt nicht nur Fußball. Es stimmt, vieles von der Musik, die ich mag, ist eher schwer. Fast schon depressiv. Ich habe dem Oliver Kahn meine letzte CD gegeben, und da hat er später gemeint: »Willst du, dass ich mich erschieße, oder was?«

Gibt es denn jemanden in der Mannschaft, der Ihren Musikgeschmack teilt?

Ja, Roque Santa Cruz und Markus Feulner. Dem Roque bringe ich morgen die letzte Sportfreunde-Stiller-CD mit. Die anderen hören mehr so R&B, Dancefloor und HipHop. Ich habe mal einen ganz subtilen Versuch gestartet und im Mannschaftsbus einen Mix eingelegt, der wirklich nur das Bekannteste enthielt, Oasis, Travis, Coldplay und so weiter. Nach dem dritten Lied haben sie von hinten gebrüllt: Mach den Scheiß aus! Da ist doch der Krach vom Scholl!

Dann würde man Sie auch nicht im P1 treffen, das ja seit vielen Jahren die Lieblingsdisco Münchner Fußballer ist?

Ich renne nie an die Plätze in München, die gerade in sind. Ich habe hier im Glockenbach mein Viertel gefunden, in dem ich weiß: Hier kann ich abends weggehen, die Leute respektieren mich. Da steht niemand einen Meter vor dir, starrt dir voll ins Gesicht und brüllt quer durchs Lokal: Ist das jetzt der Scholl oder nicht? Oder die Britpop-Clubs. Da quatscht dich keiner so einfach an. Diese Szene ist nicht auf Promi-Bewunderung ausgerichtet. Das wäre peinlich für die.

Früher waren Sie schon in typischen Promi-Schuppen wie dem P1, oder?

Ja, aber ich merke inzwischen auch, dass ich einfach zu alt für solche Läden bin. Ich versteh die jüngere Generation nicht mehr. Diese Jungs, die sich so herstrapsen für die Disco, hier ein Stirnband, da ein Schweißband, die Haare hoch, und hier noch ein Accessoire, und da hängt der Schlüsselanhänger raus, der muss aber auch zu den Schuhen passen… – das ist zu viel für mich, das versteh ich alles nicht.

Dem Kahn gefällt es ganz gut da, und er ist ein Jahr älter als Sie.

Der hat halt jetzt diese Phase. Der hat das gerade erst entdeckt, der sammelt seine Erfahrungen, und dann wird er auch sagen: Okay, das war gut, aber jetzt geht’s weiter.

Geben Sie ihm Tipps, wie er damit umgehen soll, wenn sein Privatleben jetzt so in die Öffentlichkeit gezerrt wird?

Da gibt es zwar Parallelen, aber bei ihm ist das alles eine ganze Dimension größer. Vor gut zwei Jahren, da hatte der Oliver für uns gerade die Champions League gewonnen, saßen wir mal zusammen in einem Lokal an der Leopoldstraße in Schwabing. Da sind Leute einfach aus ihren Autos gestiegen, haben die mitten auf der Straße stehen gelassen, sind zu uns rübergelaufen und haben zum Olli gesagt: Ich wollte dir nur mal die Hand schütteln. Draußen waren sie schon am Hupen. So was ist mir nie passiert. Der Oliver wird in Deutschland nie in Ruhe leben können, der ist schon zu groß.

Sie wirken nicht so, als ob Sie Ihrer Zeit als Teenie-Idol nachtrauern würden.

In dieses Image wollte ich nie rein. Das habe ich damals, Anfang der Neunziger, einfach nicht überblickt. Ich habe es als Spiel gesehen, und es gab halt zwei Möglichkeiten: Entweder man blockt alles ab, wenn die Bravo auf der Matte steht – oder man spielt mit. Ich habe mitgespielt, aber das wurde dann ganz schnell gegen mich gedreht. Die Teenies haben mich vielleicht geliebt, aber die Fußballexperten hatten keinen Respekt vor mir.

Günter Netzer hat noch nach der Pleite bei der WM 1998 gesagt, er hätte Sie nicht mitgenommen. Sie wären nur durch Dinge bekannt geworden, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Netzer und ich schätzen uns mittlerweile unglaublich, wir haben uns später ausgesprochen. Aber wahr ist, dass ich so was oft genug zu hören bekommen habe. Irgendwann habe ich mich komplett rausgenommen. Da kamen dann auch die üblichen Sachen. Die Bild hat mir eine Liebesgeschichte mit der Schauspielerin Radost Bokel angedichtet, bei der ich angeblich ganz blöd abgeblitzt wäre – obwohl ich die nicht mal gekannt habe. Dann ist meine Mutter gestorben, und selbst davor haben die im Boulevard keinen Respekt gehabt und rumgekramt. Das war der Punkt, an dem ich endgültig gesagt habe: Mit mir geht gar nichts mehr.

Kann man als Fußballstar den Boulevardjournalisten überhaupt aus dem Weg gehen?

Ich habe nichts gegen die, die machen halt ihren Job. Ich grüße die Boulevardjournalisten und mag die auch, aber ich muss nicht mehr ständig Auskunft geben, wie es mir geht oder warum wir Samstag gewinnen.