Lars von Trier, 47, zählt zu den einflussreichsten Regisseuren der Gegenwart. Er hatte bereits 40 Filme gedreht, als er 1995 zusammen mit Thomas Vinterberg das "Dogma"-Manifest veröffentlichte, ein cineastisches Reinheitsgebot, das seine Unterzeichner zum Verzicht auf Kamerstative, Musik und künstliches Licht verpflichtete. Daran hielt er sich im Film "Idioten" (1998) noch ganz streng, schon weniger in "Breaking the Waves" (1996) und "Dancer in the Dark" (2000). Sein neuer Film "Dogville", mit Nicole Kidman, startet diese Woche in Deutschland. Der Däne Lars von Trier, der wegen seiner Flugangst nur im Wohnmobil reist, träumt hier vom unerreichbaren Amerika und schamanische Erfahrungen

 

Als Kind habe ich ein Märchen gelesen: Die Flucht nach Amerika. Es handelt von einem Jungen, der von Dänemark nach Amerika flüchten will. Er schafft es nur zwei Straßen weiter, kehrt zurück, isst eine Suppe, und am Boden des Tellers liegt eine Rosine. All die Verheißungen, die er suchte, findet er in dieser Rosine.

Später gab mein Vater mir ein Buch über Benjamin Franklin. Er war für mich damals nur der Typ mit dem Drachen und den Blitzen, aber er hatte einen sehr großen Anteil am Aufbau von Amerika. Dann las ich die Geschichten von Mary Ingles, dann John Steinbeck und Mark Twain. Meine ganze Art, Amerika zu sehen, ist extrem romantisch.

Allein schon ein Name wie "Rocky Mountains" ruft so viele Bilder hervor. Das ist ein Mythos. Aber es gibt auch deutsche Berge, die man felsig nennen könnte, weil alle Berge das ihrer Natur nach sind. Es hat etwas von einem Cartoon, ein Gebirge "Felsige Berge" zu nennen. Das ist ungefähr so wie "Nasses Meer". Für mich ist Amerika ein verzaubertes Land. Natürlich kann kein Land dieser Welt dem Vergleich mit solchen Fantasien standhalten.

Könnte ich reisen, wie ich wollte, würde ich gern dorthin fahren. Besonders in die Natur. Ich würde dort angeln gehen. Ich würde aber noch nicht einmal davon träumen, einen Fuß in eine der amerikanischen Großstädte zu setzen. Ich hätte enorme Angst, nach New York zu fahren, weil ich nicht nur an Flugangst, sondern auch an Klaustrophobie leide. Man hat schon oft versucht, mich dazu zu überreden, aber das ist aussichtslos. Als ich noch sehr jung war, flogen wir einmal nach Afrika, nach Tansania. Wir machten eine Safari. Es gab Löwen und Elefanten. Der Himmel war blau, es war etwas wärmer als zu Hause. Die Leute hatten dunkle Haut. Aber es war keine Sensation. Als Kind erwartet man irgendwie mehr. Ich war enttäuscht.

Ich hasste das Fliegen schon damals. Es war ein Albtraum. Es war die einzige größere Reise, die ich jemals unternommen habe. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich Reisen nicht besonders mag: Meine Mutter war in ihrer Jugend einmal in Jugoslawien. Und sie erzählte ständig davon. Es war unerträglich. Ich finde es besser, nicht zu reisen, dann bleibt die Welt ein wunderbarer Ort.

Körperlich reise ich also kaum. Aber ich reise viel in Gedanken. Ich unternehme oft das, was man eine schamanische Reise nennt. Schamanen sind seit Urzeiten in der Lage, mental zu reisen. Man tut das mit einer Trommel. Man lauscht ihrem Klang, um sich in Trance versetzen zu lassen. Interessanterweise ist das Tempo, mit dem die Trommel geschlagen wird, überall auf der Welt gleich. Die Geschwindigkeit liegt ein klein wenig über dem menschlichen Puls. Fast wie Techno. Überall auf der Welt sind die Menschen zu dieser Geschwindigkeit gekommen. Manchmal dunkle ich den Raum ab, aber das muss nicht sein. Ich bin allein, lege mich auf den Boden und höre die Trommel. Das ist alles. Mehr ist nicht nötig, um eine andere Welt zu betreten.

Als Ausgangspunkt dafür stellt man sich ein Loch im Boden vor. Ich denke dabei immer an eine Höhle, wie ich sie als kleiner Junge oft gebaut habe: ein Loch und ein Dach aus Ästen darüber. Ich beginne jedes Mal mit der Vorstellung einer Höhle, die ich gegraben habe, als ich neun Jahre alt war. Ich erinnere mich noch genau, wie sie aussah. Es ist Winter. Ein paar Schneeflocken sind durch das Dach gefallen, und ich hocke zusammengekauert auf dem Boden. Von dort aus bewege ich mich in einen Tunnel. In meiner Vorstellung verläuft der Tunnel abwärts. Ich falle durch ein System von Gängen. Tiefer und tiefer. Und tauche woanders wieder auf. Zum Beispiel in einem anderen Land. In einer Parallelwelt. Wohin es mich auch trägt.

Jeder hat auf diesen Reisen ein Tier, das ihn beschützt. Das Krafttier. Mein Krafttier ist der Otter. Ich fand Otter schon immer toll. Sie sind sehr verspielt, extrem schnell, und sie haben kleine Schnurrbärte. Also gehe ich rüber und spreche mit meinem Otter. Manchmal sitze ich auch auf seinem Rücken, und wir fliegen. Ich fliege hoch zu den Sternen mit ihm.