Traumreise Ich habe einen Traum

 

 

Als Kind habe ich ein Märchen gelesen: Es handelt von einem Jungen, der von Dänemark nach Amerika flüchten will. Er schafft es nur zwei Straßen weiter, kehrt zurück, isst eine Suppe, und am Boden des Tellers liegt eine Rosine. All die Verheißungen, die er suchte, findet er in dieser Rosine.

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Später gab mein Vater mir ein Buch über Benjamin Franklin. Er war für mich damals nur der Typ mit dem Drachen und den Blitzen, aber er hatte einen sehr großen Anteil am Aufbau von Amerika. Dann las ich die Geschichten von Mary Ingles, dann John Steinbeck und Mark Twain. Meine ganze Art, Amerika zu sehen, ist extrem romantisch.

Allein schon ein Name wie »Rocky Mountains« ruft so viele Bilder hervor. Das ist ein Mythos. Aber es gibt auch deutsche Berge, die man felsig nennen könnte, weil alle Berge das ihrer Natur nach sind. Es hat etwas von einem Cartoon, ein Gebirge »Felsige Berge« zu nennen. Das ist ungefähr so wie »Nasses Meer«. Für mich ist Amerika ein verzaubertes Land. Natürlich kann kein Land dieser Welt dem Vergleich mit solchen Fantasien standhalten.

Könnte ich reisen, wie ich wollte, würde ich gern dorthin fahren. Besonders in die Natur. Ich würde dort angeln gehen. Ich würde aber noch nicht einmal davon träumen, einen Fuß in eine der amerikanischen Großstädte zu setzen. Ich hätte enorme Angst, nach New York zu fahren, weil ich nicht nur an Flugangst, sondern auch an Klaustrophobie leide. Man hat schon oft versucht, mich dazu zu überreden, aber das ist aussichtslos. Als ich noch sehr jung war, flogen wir einmal nach Afrika, nach Tansania. Wir machten eine Safari. Es gab Löwen und Elefanten. Der Himmel war blau, es war etwas wärmer als zu Hause. Die Leute hatten dunkle Haut. Aber es war keine Sensation. Als Kind erwartet man irgendwie mehr. Ich war enttäuscht.

Ich hasste das Fliegen schon damals. Es war ein Albtraum. Es war die einzige größere Reise, die ich jemals unternommen habe. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich Reisen nicht besonders mag: Meine Mutter war in ihrer Jugend einmal in Jugoslawien. Und sie erzählte ständig davon. Es war unerträglich. Ich finde es besser, nicht zu reisen, dann bleibt die Welt ein wunderbarer Ort.

Körperlich reise ich also kaum. Aber ich reise viel in Gedanken. Ich unternehme oft das, was man eine schamanische Reise nennt. Schamanen sind seit Urzeiten in der Lage, mental zu reisen. Man tut das mit einer Trommel. Man lauscht ihrem Klang, um sich in Trance versetzen zu lassen. Interessanterweise ist das Tempo, mit dem die Trommel geschlagen wird, überall auf der Welt gleich. Die Geschwindigkeit liegt ein klein wenig über dem menschlichen Puls. Fast wie Techno. Überall auf der Welt sind die Menschen zu dieser Geschwindigkeit gekommen. Manchmal dunkle ich den Raum ab, aber das muss nicht sein. Ich bin allein, lege mich auf den Boden und höre die Trommel. Das ist alles. Mehr ist nicht nötig, um eine andere Welt zu betreten.

Als Ausgangspunkt dafür stellt man sich ein Loch im Boden vor. Ich denke dabei immer an eine Höhle, wie ich sie als kleiner Junge oft gebaut habe: ein Loch und ein Dach aus Ästen darüber. Ich beginne jedes Mal mit der Vorstellung einer Höhle, die ich gegraben habe, als ich neun Jahre alt war. Ich erinnere mich noch genau, wie sie aussah. Es ist Winter. Ein paar Schneeflocken sind durch das Dach gefallen, und ich hocke zusammengekauert auf dem Boden. Von dort aus bewege ich mich in einen Tunnel. In meiner Vorstellung verläuft der Tunnel abwärts. Ich falle durch ein System von Gängen. Tiefer und tiefer. Und tauche woanders wieder auf. Zum Beispiel in einem anderen Land. In einer Parallelwelt. Wohin es mich auch trägt.

Jeder hat auf diesen Reisen ein Tier, das ihn beschützt. Das Krafttier. Mein Krafttier ist der Otter. Ich fand Otter schon immer toll. Sie sind sehr verspielt, extrem schnell, und sie haben kleine Schnurrbärte. Also gehe ich rüber und spreche mit meinem Otter. Manchmal sitze ich auch auf seinem Rücken, und wir fliegen. Ich fliege hoch zu den Sternen mit ihm.

Eine meiner Tanten litt vor einigen Jahren an Krebs im Endstadium. Ich besuchte sie oft, und wir fanden heraus, dass ihr Krafttier der Fuchs war. Sie mochte Füchse. Als sie ins Krankenhaus kam, wurde vor ihrem Haus auf der Straße ein Fuchs überfahren. Das hat sie sehr traurig gemacht, denn sie bekam in ihrem Garten oft Besuch von einem Fuchs. Ich unternahm eine Traumreise für sie. Und ich traf einen Fuchs. Er fing an, sich selbst zu beißen. Er zerfleischte sich regelrecht. Ein schrecklicher Anblick. Alles war über und über mit Blut getränkt. Dann verschwand der Fuchs, und aus dem Unterholz kam ein weiterer, ein größerer, grauer Fuchs. Er sprach zu mir: »Traue niemals dem ersten Fuchs, den du triffst. Der erste ist immer ein Betrüger. Auf den zweiten kommt es an.« Als meine Tante noch einmal aus dem Krankenhaus nach Hause kam, fand sie heraus, dass es tatsächlich nicht der Fuchs aus ihrem Garten war, der überfahren worden war, sondern ein anderes Tier. Ich habe häufig ihren Fuchs für sie besucht und ihr dann Briefe geschrieben. Ich schrieb ihr, sie solle am Himmel nach dem Sternzeichen des Fuchses suchen. Sie konnte es von ihrem Fenster aus sehen. In ihrem letzten Brief schrieb sie mir, wie sehr es sie beglückte, die Sterne anzuschauen.

Wenn man sich auf diese Fantasiereisen begibt, lacht man, schwitzt man, weint man, als wäre alles real. Ich habe nie LSD genommen, aber die Erfahrung muss ähnlich sein. Manchmal denkt man, es seien nur drei Minuten vergangen – und es war eine Stunde.

Diese Reisen sind eine unglaubliche Freude, und sie geben mir wahre Freiheit. Du kannst fliegen. Du bist ein Fisch im Wasser. Du bereist das Land deiner Kindheit. Häufig komme ich in eine magische kleine Stadt, die aussieht, als wäre sie von dem spanischen Architekten Gaudí gebaut. Dort gibt es diese bunten Häuser und einen Wasserfall. Die Sonne scheint. Ich schwimme in einem grünen Fluss und sehe die Bäume am Ufer. Ich berühre die Wasserpflanzen. Alles ist weich und friedlich. Und der Otter ist immer da, wenn ich es will. Ich kann ihm Fragen stellen. Wir sprechen darüber, was ich tun sollte und was nicht. Mein Otter wird mich immer retten.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

 * Hören Sie diesen Artikel unter http://hoeren.zeit.de

 
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