Offenbar ist es niemandem unangenehm aufgefallen, das hässliche Plakat, das am vergangenen Wochenende beim Herbstkongress von Attac neben der Bühne stand. Es zeigte die Karikatur eines dicken Kapitalisten, im Mund eine Zigarre, auf dem Kopf eine Melone, auf einem Geldsack fläzend. Vor ihm steht ein schlanker Arbeiter, unterm Blaumann ist der Oberkörper nackt; auf eine Schaufel gestützt, wischt er sich Schweiß von der Stirn. Ein Slogan prangert die Zinsknechtschaft der Lohnabhängigen an. Verstörend ist: Der Arbeiter, der unter dem Finsterling ächzt, hat hellblonde Haare.

Nur ein Zufall? Oder doch ein Detail, das Tieferliegendes enthüllt?

Eines der wichtigsten Themen des Attac-"Ratschlags" war der Streit, ob es innerhalb der globalisierungskritischen Organisation Antisemitismus gebe. Seit Monaten toben darüber heftige Auseinandersetzungen bei den Treffen und auf den E-Mail-Foren von Attac. Auslöser war die Teilnahme von Skinheads an einer Attac-Demonstration. Später wurden wüste israelfeindliche Äußerungen von Mitgliedern der Attac-AG "Globalisierung und Krieg" bekannt. Sie verglichen beispielsweise die Politik der Regierung Scharon mit der Nazideutschlands und riefen zum Boykott von Waren aus jüdischen Siedlungen in Palästinensergebieten auf.

Gleich zu Beginn des Kongresses erklärte deshalb der Vorstand, der bei Attac "Koordinierungskreis" heißt, für ihn sei "kaum ein schwerwiegenderer Vorwurf denkbar" als der des Antisemitismus. Die Delegierten applaudierten. Sollte es antisemitische Mitglieder geben, "muss das zur Trennung von diesen führen". Dazu ist es in Einzelfällen bereits gekommen: In der Regionalgruppe Trier etwa war ein älterer Herr aufgetaucht und hatte gefordert, man müsse endlich mal aufhören, den Juden Geld in den Hintern zu schieben. Er wurde sofort hinausgeworfen.

So weit, so einfach. Dann aber sprach Peter Wahl vom Koordinierungskreis über unterschwelligen Antisemitismus in der Organisation. Es sei ein Problem, wenn Rechtsextremisten einigen Attac-Thesen zustimmen können. Eine solche "Anschlussfähigkeit" müsse vermieden werden. Da rief ein Delegierter dazwischen: "Quatsch!"

Ein Teil der Attac-Mitglieder mag nicht wahrhaben, dass Globalisierungskritik Gefahr läuft, nicht nur in Nationalismus, sondern auch in Antisemitismus abzugleiten. Wenn über "das Finanzkapital" oder "die Wall Street" geraunt wird, ruft dies das alte Vorurteil vom geldgierigen Juden wach. Etliche Globalisierungskritiker erliegen der Versuchung, für unübersichtliche Entwicklungen Sündenböcke verantwortlich zu machen. Die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung reduzieren sie auf ein Komplott dunkler Mächte. Statt Marktmechanismen und die Macht der Konsumenten zu analysieren, wittern viele von ihnen eine Verschwörung von Finanzspekulanten und deren Marionetten in Regierungen und internationalen Organisationen. Doch wer an Verschwörungen glaubt, denkt auch die Verschwörer implizit mit. Und das nächstliegende Stereotyp dafür sind "die Juden". Nicht zufällig führen die Konspirationstheorien über den 11. September, die im Moment so beliebt sind, geradewegs zum israelischen Geheimdienst Mossad.

Wenigstens die Attac-Spitze ist sich dieser Problematik bewusst. Bereits im Dezember 2002, nach dem Skinhead-Vorfall, distanzierte sie sich in einem Papier von der Naziterminologie, die zwischen "schaffendem" und "raffendem" Kapital unterschied – also zwischen deutschem, nationalen und produktiven Kapital einerseits und jüdischem, internationalen und spekulativen andererseits. "Die Personifizierung von Krisen der Globalisierung in der Figur des ,parasitären Spekulanten‘" gebe es bei Attac Deutschland nicht, heißt es in dem Papier. Dennoch konnte in Aachen drei Tage lang das Plakat mit dem feisten Kapitalisten und dem arisch aussehenden Arbeiter herumstehen. Auch ein Poster mit dem Spruch "Stoppt die Profithaie!", das eine trotzkistische Gruppe mitgebracht hatte, erregte keinen Anstoß.

Vermutlich lag es daran, dass die Attac-Versammlung nicht so sehr über Globalisierungs kritik, sondern über Israe lkritik und deren antisemitische Untertöne stritt. Die Forderung, man möge zu diesem heiklen Thema besser schweigen, zumal Weltwirtschaft und Nahostkonflikt wenig miteinander zu tun haben, setzte sich nicht durch. Die Emotionen schlugen hoch, es gab Beschimpfungen, Tränen, dann wieder Versöhnungsgesten. Zum Eklat kam es, als ein Flugblatt ausgelegt wurde, auf dem Israel des Völkermordes an den Palästinensern bezichtigt und Michel Friedman diffamiert wurde – der Autor musste den Rucksack packen und die Versammlung verlassen.

Vorständler Peter Wahl benötigte den ganzen Samstag dazu, in einer Art Pendeldiplomatie zwischen allen Fraktionen den Text einer gemeinsamen Erklärung auszuhandeln. Wahl, früher selbst Mitglied der DKP, fühlte sich in die Debatten der Westlinken der achtziger Jahre zurückversetzt. Damals wurden viele Konflikte gelöst, indem man sich in konkurrierende Grüppchen aufsplitterte. Bei Attac finden nun alle Strömungen wieder zusammen.

In Aachen haben sie sich bloß auf Formelkompromisse einigen können. Die Abschlusserklärung stellt weder das Verhältnis zu palästinensischen Terroristen klar, noch definiert sie, wo Antisemitismus beginnt. Man werde "einen gründlichen Diskussionsprozess organisieren", heißt es da, "mit Respekt für unterschiedliche Ansichten". Sollte sich der Respekt auch auf personalisierte Kapitalismuskritik erstrecken, muss Attac weiter mit dem Antisemitismusverdacht leben.