Bisher gab es nur verstreute Hinweise, es gab ein Bekennerschreiben zu einem Überfall auf einen jüdischen Friedhof, es gab Propaganda-Broschüren, es gab die vielen kleinen, verschlüsselten Zeichen, die in der Neonazi-Szene so beliebt sind – Aufnäher auf Bomberjacken, Graffittis, Transparente (siehe DIE ZEIT 39/2003: Die Sprengköpfe ). Doch seit gestern gibt es den Beleg: Die Neonazi-Terrorgruppe "Combat 18 (C 18)" – vor zehn Jahren in London gegründet – hat auch in Deutschland Anhänger. Höchst aktive Anhänger sogar.

In Neumünster, Kiel, Hamburg, Husum, Rendsburg und im Raum Itzehoe wurden von der Polizei etwa 50 Wohnungen durchsucht. Sieben Mitglieder einer Gruppe "Combat 18 - Pinneberg" wurden festgenommen, gegen fünf wurde ein Haftbefehl erwirkt. Sie werden verdächtigt, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben mit straffen Strukturen: Es soll einen formalen Anführer gegeben haben, einen Stellvertreter und auch jemanden, der die Finanzen verwaltete. Auf Gruppentreffen wurden, so die Polizei, Gewalttaten abgesprochen. Bei der Durchsuchung sei "umfangreiches Beweismaterial" sichergestellt worden, darunter "schussbereite Waffen".

Kopf von "C 18 - Pinneberg" war nach Erkenntnissen des Staatsschutzes Klemens Otto. Der 22-Jährige ist einer der bekanntesten norddeutschen Neonazis. Er war Führer der rechtsextremistischen "Kameradschaft Pinneberg", die mit Drohungen gegen Gewerkschafter und Antifa-Aktivisten Aufsehen erregt, und gehörte dem Skinhead-Netzwerk "Blood&Honour" an, das im Jahr 2000 verboten worden war.

Ebenfalls verhaftet wurde Peter Borchert (30). Auch er ist seit Jahren in der extremen rechten Szene aktiv. Er hat mehrere Vorstrafen wegen Gewaltdelikten und versorgte nach Angaben aus Ermittlerkreisen die jetzt zerschlagene Gruppe mit Waffen. Otto und Borchert pflegten bundesweit Kontakte zu anderen Rechtsextremisten. Besonders brisant ist die Parteivergangenheit Borcherts: Bis 24. August 2003 war er Landesvorsitzender der NPD in Schleswig-Holstein. Die Polizei erklärt, bereits vor "über einem Jahr", also während Borchert amtierte, hätten die Ermittlungen gegen "C 18 - Pinneberg" begonnen.

Noch ist unklar, was genau die Gruppe geplant hat. Bisher hat sie offenbar "nur" Gesinnungsgenossen erpresst: Die Gruppe soll Händlern von rechtsextremer Musik Schutzgeld abgezwungen haben und wollte wohl ein Monopol auf dem lukrativen Markt erreichen. Was "Combat 18 - Pinneberg" mit den Einnahmen vorhatte, ist noch offen. Das britische Vorbild jedenfalls wird mit mehreren Briefbombenanschlägen auf "linke Feinde" in Verbindung gebracht. Die Polizei rechnete bei ihrer Razzia mit massivem Widerstand, mehr als 300 Beamte waren im Einsatz. Weil unter den zwei Dutzend Mitgliedern von "C 18 - Pinneberg" etliche trainierte Kampfsportler sind, wurden Sondereinsatzkommandos aus vier Bundesländern zusammengezogen.

Als vor einem Monat in München ein Anschlag auf die neue Synagoge vereitelt wurde, warnte Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) vor dem Entstehen einer "Braunen Armee Fraktion". Auch der dortige Hauptverdächtige, Martin Wiese, soll Kontakte zu "Combat 18" gehabt haben. Sein Amtskollege aus Kiel hielt sich nach der Razzia mit spektakulären Zitaten zurück. Aber nach allem, was man bisher weiß, war die Pinneberger Gruppe mindestens so gut organisiert wie die Verhafteten von München.