Washington

Im Mai 2002 bezieht Karen Kwiatkowski ihren neuen Schreibtisch im Verteidigungsministerium. Nichts deutet darauf hin, dass sie in der mysteriösesten Abteilung des Pentagons gelandet ist. Sie bekommt kein eigenes Büro, bloß einen Arbeitsplatz mit Sichtblende, ganz hinten im Flur, direkt neben dem Kühlschrank, viertes Geschoss, siebter Korridor, Gebäudering D. Sie wird zu einem Rädchen in einer riesigen Maschinerie. Seit 20 Jahren gehört sie der Luftwaffe an, bekleidete zuletzt den Rang eines Oberstleutnants. Nun zählt sie zur Abteilung Naher Osten und Südasien, Arbeitsgruppe Nordafrika. Sie schreibt Länder-Analysen für die hohen Herren des Pentagons. Ein interessanter Job.

Regelmäßig kommt die Abteilung im großen Amtszimmer ihres Chefs zusammen. Jede Arbeitsgruppe berichtet. Nur die Irak-Gruppe schweigt jedes Mal. "Merkwürdig", denkt sich Kwiatkowski zunächst, "gerade jetzt, wo der Irak so wichtig ist." Über den Sommer wird es eng im Gang. Die Arbeitsgruppe Irak schwillt auf 20 Mitarbeiter an, und im August gibt der Chef bekannt, die Gruppe heiße ab sofort Office of Special Plans. Name und Aufgabe seien geheim. Wenn jemand nachfrage: Kein Kommentar!

Das leuchtet Kwiatkowski ein. Krieg liegt in der Luft. Da bedarf es ein wenig Geheimhaltung. Doch die Kollegen von Special Plans verhalten sich merkwürdig. Im Gespräch äußern sie sich herablassend über den Geheimdienst CIA und auch über die DIA, die hauseigene Defense Intelligence Agency. Sie meiden die Flur- und Abschiedspartys der Geheimdienst-Kollegen. Geradezu verächtlich sprechen sie über das Außenministerium. Als jemand sagt, er könne ein Papier nicht abliefern, weil er noch auf einen Kommentar aus dem Außenministerium warte, sagt einer von Special Plans: "Ach was, die vom Außenministerium brauchen wir hier nicht. Wir können das selbst."

Allmählich wird Karen Kwiatkowski neugierig. Sie geht an ihren Computer und sucht im Internet Informationen über ihren Chef. Der heißt William Luti, war Berater von Vizepräsident Richard Cheney und hängt dem Neokonservatismus an. Das ist, so findet sie heraus, jene Glaubensrichtung der Rechten, die einen Krieg gegen den Irak zur Demokratisierung des Nahen Ostens für unerlässlich hält. Dann googelt Kwiatkowski ihre anderen Kollegen. Immer findet sie Hinweise auf den Neokonservatismus. Sie stellt fest: "Die gehören alle zu einer kleinen, glücklichen, ideologischen Familie." Auch ihr Dienstherr Donald Rumsfeld gehört dazu. Special Plans ist deren verdeckte Zelle. Karen Kwiatkowski hat einen Platz an der Zellwand erhalten.

Im September greift Special Plans plötzlich über auf Kwiatkowskis Arbeit. Sie erhält Weisung, selbst nichts mehr über den Irak zu schreiben. Für gewöhnlich haben Militäranalysten Zugriff auf verschlüsselte Datenbanken der Geheimdienste. Das ist nun Vergangenheit. Die traditionellen Geheimdienste werden von der täglichen Recherche ausgeschlossen. Dafür ist nun Special Plans zuständig. Kwiatkowski erhält Textbausteine über den Irak. Die soll sie in ihre Berichte kopieren, ohne jede Veränderung. "Prima", denkt sie, "da nimmt mir jemand Arbeit ab." Dann liest sie die Bausteine: Saddam Hussein bildet Al-Qaida-Terroristen aus. Saddam Hussein versucht, sich Uran in Afrika zu beschaffen. Saddam Husseins Geheimdienst hatte Kontakt zu Attentätern des 11. September. Saddam Hussein arbeitet mit Osama bin Laden zusammen. Oberstleutnant Kwiatkowski findet, das gehe zu weit. "Das waren keine Informationen mehr, das war Propaganda."

"Sagen Sie mal, wer erzählt dem Präsidenten eigentlich dieses ganze Zeug?"

Am 7. Oktober 2002 sieht Karen Kwiatkowski im Fernsehen, wie der Präsident in einer Rede in Cincinnati vor der "schweren Bedrohung des Friedens" durch den Irak warnt. Was er sagt, kommt Kwiatkowski bekannt vor. "Der wiederholt den ganzen Quatsch, den ich aus meinen Textbausteinen kenne." In diesem Moment begreift sie, dass das, was ihre Abteilung ausbrütet, direkt bis zu George W. Bush gelangt.