Washington

Im Mai 2002 bezieht Karen Kwiatkowski ihren neuen Schreibtisch im Verteidigungsministerium. Nichts deutet darauf hin, dass sie in der mysteriösesten Abteilung des Pentagons gelandet ist. Sie bekommt kein eigenes Büro, bloß einen Arbeitsplatz mit Sichtblende, ganz hinten im Flur, direkt neben dem Kühlschrank, viertes Geschoss, siebter Korridor, Gebäudering D. Sie wird zu einem Rädchen in einer riesigen Maschinerie. Seit 20 Jahren gehört sie der Luftwaffe an, bekleidete zuletzt den Rang eines Oberstleutnants. Nun zählt sie zur Abteilung Naher Osten und Südasien, Arbeitsgruppe Nordafrika. Sie schreibt Länder-Analysen für die hohen Herren des Pentagons. Ein interessanter Job.

Regelmäßig kommt die Abteilung im großen Amtszimmer ihres Chefs zusammen. Jede Arbeitsgruppe berichtet. Nur die Irak-Gruppe schweigt jedes Mal. "Merkwürdig", denkt sich Kwiatkowski zunächst, "gerade jetzt, wo der Irak so wichtig ist." Über den Sommer wird es eng im Gang. Die Arbeitsgruppe Irak schwillt auf 20 Mitarbeiter an, und im August gibt der Chef bekannt, die Gruppe heiße ab sofort Office of Special Plans. Name und Aufgabe seien geheim. Wenn jemand nachfrage: Kein Kommentar!

Das leuchtet Kwiatkowski ein. Krieg liegt in der Luft. Da bedarf es ein wenig Geheimhaltung. Doch die Kollegen von Special Plans verhalten sich merkwürdig. Im Gespräch äußern sie sich herablassend über den Geheimdienst CIA und auch über die DIA, die hauseigene Defense Intelligence Agency. Sie meiden die Flur- und Abschiedspartys der Geheimdienst-Kollegen. Geradezu verächtlich sprechen sie über das Außenministerium. Als jemand sagt, er könne ein Papier nicht abliefern, weil er noch auf einen Kommentar aus dem Außenministerium warte, sagt einer von Special Plans: "Ach was, die vom Außenministerium brauchen wir hier nicht. Wir können das selbst."

Allmählich wird Karen Kwiatkowski neugierig. Sie geht an ihren Computer und sucht im Internet Informationen über ihren Chef. Der heißt William Luti, war Berater von Vizepräsident Richard Cheney und hängt dem Neokonservatismus an. Das ist, so findet sie heraus, jene Glaubensrichtung der Rechten, die einen Krieg gegen den Irak zur Demokratisierung des Nahen Ostens für unerlässlich hält. Dann googelt Kwiatkowski ihre anderen Kollegen. Immer findet sie Hinweise auf den Neokonservatismus. Sie stellt fest: "Die gehören alle zu einer kleinen, glücklichen, ideologischen Familie." Auch ihr Dienstherr Donald Rumsfeld gehört dazu. Special Plans ist deren verdeckte Zelle. Karen Kwiatkowski hat einen Platz an der Zellwand erhalten.

Im September greift Special Plans plötzlich über auf Kwiatkowskis Arbeit. Sie erhält Weisung, selbst nichts mehr über den Irak zu schreiben. Für gewöhnlich haben Militäranalysten Zugriff auf verschlüsselte Datenbanken der Geheimdienste. Das ist nun Vergangenheit. Die traditionellen Geheimdienste werden von der täglichen Recherche ausgeschlossen. Dafür ist nun Special Plans zuständig. Kwiatkowski erhält Textbausteine über den Irak. Die soll sie in ihre Berichte kopieren, ohne jede Veränderung. "Prima", denkt sie, "da nimmt mir jemand Arbeit ab." Dann liest sie die Bausteine: Saddam Hussein bildet Al-Qaida-Terroristen aus. Saddam Hussein versucht, sich Uran in Afrika zu beschaffen. Saddam Husseins Geheimdienst hatte Kontakt zu Attentätern des 11. September. Saddam Hussein arbeitet mit Osama bin Laden zusammen. Oberstleutnant Kwiatkowski findet, das gehe zu weit. "Das waren keine Informationen mehr, das war Propaganda."

"Sagen Sie mal, wer erzählt dem Präsidenten eigentlich dieses ganze Zeug?"

Am 7. Oktober 2002 sieht Karen Kwiatkowski im Fernsehen, wie der Präsident in einer Rede in Cincinnati vor der "schweren Bedrohung des Friedens" durch den Irak warnt. Was er sagt, kommt Kwiatkowski bekannt vor. "Der wiederholt den ganzen Quatsch, den ich aus meinen Textbausteinen kenne." In diesem Moment begreift sie, dass das, was ihre Abteilung ausbrütet, direkt bis zu George W. Bush gelangt.

Ein Jahr später gibt es ein Wort für dieses Prinzip: stovepiping. Vorbei an der vermeintlich trägen CIA, vorbei am vermeintlich friedensliebenden Außenministerium rauschen heiße Informationen über den Irak wie durch ein Ofenrohr direkt ins Ohr des Präsidenten. Ohne Filter. Ohne Überprüfung durch den Apparat. Entscheidend ist, was oben rauskommt.

Kwiatkowski stellt einen Kollegen von Special Plans zur Rede: "Sagen Sie mal, wer erzählt dem Präsidenten eigentlich dieses ganze Zeug?" Darauf der Kollege: "Sie interpretieren das falsch. Wir haben Quellen, zu denen Sie keinen Zugang haben. Wenn Saddam erst gestürzt ist, werden Sie sehen, dass wir Recht hatten."

Mit 42 hat Karen Kwiatkowski ein neues Leben begonnen. Während sie ihre Geschichte erzählt, sitzt sie am Küchentisch ihrer Farm im Shenandoah-Tal von Virginia, umgeben von einem Ehemann, vier Kindern, drei Pferden, fünfzehn Kühen. Warum sie an die Öffentlichkeit geht? Nicht, so sagt sie, weil sie Pazifistin geworden sei nach 20 Jahren Militär. Auch nicht, weil sie als Linke gegen George Bush opponiert. Politisch, sagt sie, sei sie konservativ. Nein, sie will, dass viele verstehen, "wie verwundbar die Demokratie ist", wenn "eine kleine Gruppe die offene Gesellschaft" dominiert.

Karen Kwiatkowski ist ein whistle-blower, die Erste aus dem Bauch des Pentagons. Eine Offizierin, die den Mut findet, öffentlich Alarm zu schlagen. Vorgesetzte mögen diesen Typus des Aufklärers selten, dafür liebt die amerikanische Gesellschaft sie. Denn whistle-blower symbolisieren den Willen und die Kraft der Demokratie zur Selbstreinigung. Mit jedem Tag, an dem Waffenfunde im Irak ausbleiben und Soldaten sterben, steigt die Zahl derer, die auspacken, was vor dem Krieg auf den Fluren der Macht geschah. Es sind Beamte aus Ministerien und Geheimdiensten. Manche lassen sich anonym zitieren, andere schicken pensionierte Kollegen vor, die niemand mehr maßregeln kann. Aus deren Erzählungen fügt sich jetzt ein Bild über die Methoden zusammen, mit denen die Hardliner innerhalb der amerikanischen Regierung ihren Kriegsplan durchzusetzen suchten.

Die Geschichte des Office of Special Plans beginnt am 11.September 2001. Wenige Stunden nach den Terror-Anschlägen auf New York und Washington gibt Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einen folgenschweren Auftrag: Er fordert Beweise für eine Verbindung zwischen Osama bin Laden und dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Rumsfeld scheint vom ersten Augenblick an überzeugt davon, dass in Wahrheit Saddam Hussein hinter dem Massenmord steckt. Diese Hypothese ist der Nukleus aller folgenden Dramen.

Aber Rumsfeld lässt nicht vom Geheimdienstapparat suchen. Er schickt einen zuverlässigen Hardliner auf Recherche. Der kommt prompt mit dem erwarteten Ergebnis zurück: Die Verbindung zwischen dem Diktator des Iraks und dem Terrornetzwerk gebe es tatsächlich. Der Bericht wird von den Geheimdiensten mit gewaltigem Aufwand geprüft – und als unglaubwürdig verworfen.

Diese Widerlegung entmutigt Rumsfeld nicht. Sie bestätigt nur sein Bild von den Geheimdiensten. Hardlinern gilt besonders die CIA als Versammlung schlapper Hüte. In ihren Publikationen beklagen sie das "ständige Durchmangeln" von Informationen im Apparat, den "Obstruktionismus" gegenüber den Anliegen der Rechten und, ganz im Ernst, den "engstirnigen Realismus". Der ganze Laden sei "eine betäubende, jede Fantasie erstickende Bürokratie", klagt Reuel Marc Gerecht, ein Mann mit Geheimdienstvergangenheit, der sich inzwischen niedergelassen hat in der Denkstube der Neokonservativen, dem American Enterprise Institute. Der "Knochenmühle CIA" (Gerecht) will sich die Avantgarde der Neocons entziehen – durch Gründung eines kleinen und flexiblen Recherche-Kommandos. Konsequenterweise findet sich in einer internen Aktennotiz aus dem Office of Special Plans die Bemerkung, die Terrorismus-Fachleute der Regierung hätten "Vorurteile". Sie würden die Verbindungen zwischen al-Qaida und Saddam Hussein mutwillig "herunterspielen oder zu widerlegen suchen". Darum lassen sich die Mitarbeiter von Special Plans sämtliche CIA-Analysen und sogar die unbewerteten Rohberichte von Agenten vorlegen. Sie suchen nach Info-Bröseln, die CIA-Analytiker in ihrem Friedenstaumel kleingeredet haben.

Die Methode geht zurück auf die Erfahrung der Rechten mit Team B. Das war eine Gruppe von Kalten Kriegern, die 1976 die Annahmen der CIA über die Stärke der Sowjetunion überprüfte und für zu leichtfertig befand. Die CIA sei naiv und entspannungsversessen, urteilten die Kritiker von Team B. Sie unterschätze die Sowjetmacht dramatisch, weil sie nur "harte Daten", nicht aber "Intentionen" bewerte. Die Hardliner schließen von der Menschenverachtung eines Regimes direkt auf dessen Gefährlichkeit für die Vereinigten Staaten. Aufgrund solcher Annahmen, diesmal gemünzt auf den Irak, wird 2001 Special Plans gegründet. Gefördert von denselben Leuten, die damals zu Team B zählten: Donald Rumsfeld (inzwischen Verteidigungsminister), Paul Wolfowitz (inzwischen Vizeverteidigungsminister), Richard Perle (inzwischen Berater des Verteidigungsministers).

Tote Indizien erwachen plötzlich zu neuem Leben

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stellt die CIA in einem internen Bericht fest, sie habe die Bedrohung nicht etwa unterschätzt, sondern "substanziell überbewertet". Team B hätte demnach, noch schlimmer, grotesk übertrieben. Diese Geschichte scheint sich nun zu wiederholen. Die Scharfmacher stören ihre Fehleinschätzungen keineswegs. Damals nicht, weil Team B nach ihrer Überzeugung die Aufrüstungspolitik Ronald Reagans begründen und damit den Kalten Krieg gewinnen half. Heute nicht, weil sie glauben, Special Plans habe geholfen, einen ohnehin notwendigen Krieg durchzusetzen.

Judith Yaphe beobachtet die Arbeit der Spezialabteilung aus der Halbdistanz – mit wachsender Bestürzung. Ihr Dienstherr ist Donald Rumsfeld, sie arbeitet in Sichtweite des Pentagons auf der anderen Seite des Flusses Potomac. Dort liegt die National Defense University, an der sie als Professorin den Auftrag hat, strategische Studien für das Pentagon anzufertigen. Jedenfalls theoretisch, wenn denn die Führung des Ministeriums Wert auf ihre Expertise legte. Doch daran zweifelt Yaphe inzwischen. "Die haben eigene Fachleute", sagt sie spitz. An ihrer Kompetenz kann die Missachtung nicht liegen, denn Yaphe ist Irak-Spezialistin. 24Jahre lang war sie bei der CIA, überwiegend in der Irak-Abteilung. Vor dem Krieg zählte sie zu denen, die warnten.

Wie Special Plans "zweifelhafte Quellen" neu bewertete, hat Yaphe durch ihre Kontakte im Apparat mitbekommen. Die angeblichen Verbindungen der Attentäter vom 11. September zum irakischen Geheimdienst, das angebliche Trainingslager der al-Qaida südlich von Bagdad, der angebliche Uranankauf in Afrika: "Alles falsch, und wir wussten das in der Geheimdienstgemeinde seit Ewigkeiten." Doch im Pentagon werden tote Indizien zu neuem Leben erweckt.

Denn Special Plans tut mehr, als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bis heute zugibt. Die Darstellung, die Abteilung werfe einen "zweiten Blick" auf alte Erkenntnisse, ist nach Unterlagen aus dem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses eine "Verschleierungstaktik". Tatsächlich führe die Abteilung auch "nachrichtendienstliche Operationen". Und zwar "mit Geheimdienst-Novizen", wie Judith Yaphe weiß.

Während sich die Dienste schwer tun, Neues aus dem Irak zu erfahren, erschließt Special Plans eigene Quellen: Überläufer, die ihr irakischer Lieblings-Oppositioneller Achmed Dschalabi ihnen zuführt. Die CIA, sagt Yaphe, habe diese Berichte voller Skepsis gesehen. Denn Dschalabi verfolgt ein eigenes Interesse: Er will die Vereinigten Staaten davon überzeugen, Saddam Hussein zu stürzen. Trotzdem schießt Special Plans diese Zeugenberichte über die saddamistische Gefahr durch ihr Ofenrohr nach oben ins Weiße Haus. Mehrfach hört Oberstleutnant Karen Kwiatkowski den Chef von Special Plans sagen: "Wir machen das für Scooter." So lautet der Spitzname von Lewis Libby, früher Mitglied von Team B und heute Stabschef bei Richard Cheney. Die Amtsräume des Vizepräsidenten werden so zum Briefkasten für Überläufer-Berichte. Der Filter, der das Weiße Haus von Pseudoinformationen abschirmt, ist beseitigt. "Ständig sind Überläufer-Geschichten reingekommen", berichtet ein inzwischen pensionierter Geheimdienstler der Zeitschrift New Yorker . "Zweifelst du die eine an, ist schon eine andere da. Und dieser ganze Mist wird direkt reingeschaufelt zum Präsidenten."

Inzwischen hat sich der offizielle Pentagon-Geheimdienst DIA die Überläufer-Transkripte noch einmal angeschaut. Sie seien aus heutiger Sicht "von geringem oder keinem Nutzen gewesen", heißt es in einem Pressebericht über das Prüfergebnis. Überläufer hätten ihre eigenen Amtstitel "erfunden" oder ihre Bedeutung "übertrieben". Ihre Hinweise hätten sich im Irak überwiegend "als unwahr" herausgestellt.

Zum großen Showdown zwischen Hardlinern und Gemäßigten kommt es in den Tagen vor dem Auftritt von Außenminister Colin Powell im Weltsicherheitsrat. Am 25. Januar 2003 erscheint Lewis Libby mit einem Haufen Ringbücher samt Farbcodierungen für Quellenhinweise im überfüllten Lagezentrum des Weißen Hauses. Dort trägt er vor, was Powell seiner Meinung nach der Welt präsentieren soll. Was von nun an geschieht, haben Beamte des Außenamtes jüngst der Washington Post erzählt. Danach will Libby alle längst widerlegten Geschichten über die Verbindungen der Attentäter des 11. September zum irakischen Geheimdienst in Powells Rede packen. "Wow! Jetzt geht das wieder los", sagt sich einer der Powell-Beamten. Libby habe "mit Zähnen und Klauen um jede Formulierung" gerungen. "Da haust du was raus aus der Rede", berichtet der Beamte, "und jedes Mal wird es wieder reingeschrieben." Erst nach der Prüfung durch die Dienste seien die meisten Vorschläge Libbys getilgt worden. Noch in der Nacht vor der Präsentation – Powells Leute sind schon im UN-Gebäude – ruft Libby an, um die Rede wieder zu verschärfen. Powell wehrt die Versuche ab. Trotzdem überzeichnet seine Präsentation die irakische Gefahr auch ohne die Gerüchte aus dem Pentagon. Und das hat Gründe.

Die kennt Vincent Cannistraro, der Altmeister der Terror-Bekämpfer. Ein Mann, der nicht mehr im aktiven CIA-Dienst steht und deshalb nichts zu verlieren hat. 27 Jahre Geheimdienst, bei Ronald Reagan im Nationalen Sicherheitsrat, zuletzt bei der CIA Chef der Antiterrorismus-Abteilung. Kurz vor Beginn des Irak-Krieges bitten die Falken Cannistraro ins Pentagon. Sie hoffen, er könne helfen, die Verbindungen zwischen dem Irak und al-Qaida zu finden. Cannistraro sagt, was niemand hören will: "Ich denke, da gibt es keine." Als ein Assistent von Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz ankündigt, Amerika werde die Demokratie in den Nahen Osten bringen, provoziert Cannistraro die Wolfowitz-Mitarbeiter. "Sagt mal, Jungs", fragt er, "glaubt ihr wirklich, das funktioniert? Raucht ihr eigentlich Dope?" Eigentlich sollte Cannistraro dem Pentagon zunächst zwei Wochen lang dienen. Nach dieser Unterhaltung wird er nicht mehr gebraucht.

Cannistraro wohnt in MacLean, nur ein paar Autominuten entfernt vom CIA-Hauptquartier. Die Gartenstadt der Spione vor den Toren Washingtons ist ein idyllischer Ort. Große Häuser schmiegen sich an den Waldrand. Häuser, deren Hypotheken abgetragen werden wollen. Häuser, deren Bewohner für die College-Gebühren ihrer Kinder zahlen müssen. Häuser, in denen Vincent Cannistraro Freunde hat. Die wenigsten dieser aktiven CIA-Leute, glaubt er, legten sich direkt mit den Vorgesetzten oder gar den Machthabenden an. Viele schlössen Kompromisse und sagten immer mal wieder, was politisch gewünscht sei. "Jeden Tag fahre ich an der Agency vorbei", sagt Cannistraro. "Ich weiß, wie die Stimmung dort ist. Ich kenne den Druck, unter dem die Mitarbeiter stehen."

Ein paar Kilometer entfernt wohnt Larry Johnson. Wieder ein großes Haus, wieder ein Waldrand, wieder eine lange CIA-Karriere, wieder ein hoher Dienstrang. Und noch ein Bericht vom Druck auf die Kollegen. Für Johnson sind die Neocons eine große politische Enttäuschung. Bei der vergangenen Wahl hat er für George Bush gestimmt und sogar Geld gespendet. Mittlerweile glaubt er, dass die Regierenden in einer "Fantasiewelt" leben. "Die hören nur, was sie hören wollen." Johnson denkt nach und streichelt seinen Hund. "Ein Nachrichtendienst ist wie ein Rottweiler", sagt er, "wachsam, aber vor allem loyal. Er will seinem Herrchen gefallen." Was heißt das für die CIA? "Dass die Analysen, die nicht auf Linie lagen, gar nicht erst aus dem Haus gelangten." Johnson glaubt, was viele Kenner der CIA annehmen: erst kam die Entscheidung zum Krieg, dann die Produktion der Geheimdienst-Dossiers. Die Information sei der Mission gefolgt, nicht umgekehrt.

Was vom Geheimdienst erwartet wird, erfährt zuerst dessen Chef, und zwar unmittelbar nach dem 11. September. George Tenet sitzt nach den Terroranschlägen jeden Tag mit George Bush im Sicherheitskabinett zusammen. Schon sechs Tage nach den Anschlägen sagt Bush in die Runde: "Ich glaube, dass der Irak beteiligt war, aber ich werde ihn jetzt nicht angreifen. Im Moment habe ich die Beweise noch nicht." Von diesem Augenblick an ist George Tenet hin- und hergerissen zwischen widerstreitenden Loyalitäten: zur Regierungsmannschaft und zu seinem Personal. Erstere erhofft passende Nachrichten, Letzteres will seriös arbeiten und erwartet Schutz vor politischem Einfluss.

Die Politik verschafft sich schließlich selbst Zutritt nach Langley. Es ist eine unmissverständliche Geste, als Vizepräsident Richard Cheney plötzlich in der Auffahrt zum CIA-Hauptquartier auftaucht. Er brütet mit Abteilungsleitern über Irak-Akten, immer wieder. Hat der Mann ein Informationsdefizit? Cheney bekommt, ebenso wie der Präsident, sechsmal pro Woche ein persönliches CIA-Briefing. Falls er Fragen hat, werden sie spätestens am folgenden Tag beantwortet. Die Ausflüge des Vizepräsidenten in die Agentenwelt, sagt ein CIA-Beamter, hätten signalisiert, "dass bestimmte Äußerungen von hier erwünscht sind". Das radikalste Urteil über den Missbrauch des Geheimdienstes als Legitimationsfabrik fällt der Veteran Vincent Cannistraro. "Die CIA", sagt er, "ist faktisch nicht mehr der Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten."

Um sich der Politisierung zu widersetzen, hätte die CIA mehr wissen müssen. Mehr Fakten, um die These von der Terroristenehe zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden zu entkräften. Cannistraro dazu: "You can’t fight something with nothing." Die Agency konnte der Bösgläubigkeit der Falken keine Gegenbeweise entgegensetzen. Deren Weltbild stand, unerschütterlich. Daran konnte auch eine kleine, aufrechte Bastion in der Geheimdienstgemeinde nichts ändern.

Greg Thielmann erlebt im Bureau of Intelligence and Research mit, wie Dissens zur Randbemerkung verkommt. Das Nachrichtenbüro in Colin Powells Außenministerium beschreibt Thielmann als "eine Insel der Seligen, frei von politischem Druck". Es konzentriere sich "auf das Wahrscheinliche, nicht auf das schlimmstenfalls Mögliche". Preis dieser Haltung sei manchmal "die Irrelevanz". So ergeht es Powells Leuten kurz vor Thielmanns Pensionierung im Herbst 2002, als die "Nationale Bedrohungsanalyse Irak" erarbeitet wird.

Das ist ein bürokratisches Verfahren, das eine halbe Ewigkeit dauert, weil sich zwölf Geheimdienste auf einen Text einigen müssen. Monatelang vermeidet die Regierung Bush diese Prozedur, weil sie, wie ein Geheimdienstler sagt, "Widerspruch und Ablehnung" fürchtet. Doch als die Demokraten im Kongress eine Bedrohungsanalyse fordern, bevor sie mehrheitlich der Kriegsresolution zustimmen, wird sie binnen dreier Wochen zusammengeschustert.

Auch Greg Thielmanns Abteilung leistet einen Beitrag. Im Jahre 2001 hatte sie Informationen erhalten, wonach der Irak versuchte, Aluminiumröhren für Gaszentrifugen zu kaufen. Sofort prüfen seine Mitarbeiter gemeinsam mit auswärtigen Fachleuten die Dokumente. Alle geben Entwarnung: Die Röhren eigneten sich schwerlich für ein Atomprogramm, passten aber millimetergenau in irakische Raketen italienischer Bauart. Diese Bewertung geben sie auch ein Jahr später für die Bedrohungsanalyse ab. Die Hinweise auf ein umfassendes irakisches Atomprogramm, sagen sie, seien "nicht überzeugend". Dieses Urteil taucht tatsächlich in der Endfassung der Bedrohungsanalyse auf – aber nur als Fußnote. Dafür lautet der maßgebliche Satz, ganz oben im Dokument: "Wenn niemand den Irak daran hindert, wird er wahrscheinlich noch in diesem Jahrzehnt eine Atombombe besitzen."

In seiner Rede vor den Vereinten Nationen behauptet auch Außenminister Powell am 5. Februar 2003, Saddam Hussein versuche, Aluröhren für sein Atomprogramm zu kaufen. Er erwähnt zwar, diese Einschätzung sei umstritten. Nicht aber, dass sein eigenes Ministerium anderer Meinung ist und ihn vier Tage lang bedrängt hat, die Passage zu streichen. Alle Warnrufe, auch die der UN-Inspektoren von Hans Blix, stimmen ihn nicht um. Greg Thielmann nennt dies den "Tiefpunkt in der großen Karriere des Colin Powell".

Inzwischen ist daraus ein Debakel für die US-Außenpolitik geworden. Nun verlangt die amerikanische Öffentlichkeit Aufklärung und Konsequenzen. Doch so leicht ist das nicht. Zu besichtigen ist kein zweiter Watergate-Skandal. Es wurde, so scheint es gegenwärtig, kein Gesetz gebrochen. Nicht mal die Gründung des Office of Special Plans war illegal. Ob jemand gelogen hat oder nur versagt, ist schwer zu klären. Jedenfalls hat sich die Regierung am Ende auf faith-based intelligence verlassen: auf Behauptungen, an die sie unbedingt glauben wollte. In Kürze will der Geheimdienstausschuss des Senats seinen Untersuchungsbericht vorlegen. Er wird Schuldige benennen wollen. Zwei stehen zur Auswahl: George und George. Bush und Tenet. Da im Senat die Republikaner die Mehrheit haben und zudem ein Wahljahr bevorsteht, dürfte die Antwort klar sein. George Tenet aber allein verantwortlich zu machen wäre so, als würde man dem Wasserkessel einen Vorwurf daraus machen, dass er überkochte, und nicht den Leuten, die die Herdplatte anheizten.