USA Das Prinzip OfenrohrSeite 5/5

Um sich der Politisierung zu widersetzen, hätte die CIA mehr wissen müssen. Mehr Fakten, um die These von der Terroristenehe zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden zu entkräften. Cannistraro dazu: „You can’t fight something with nothing.“ Die Agency konnte der Bösgläubigkeit der Falken keine Gegenbeweise entgegensetzen. Deren Weltbild stand, unerschütterlich. Daran konnte auch eine kleine, aufrechte Bastion in der Geheimdienstgemeinde nichts ändern.

Greg Thielmann erlebt im Bureau of Intelligence and Research mit, wie Dissens zur Randbemerkung verkommt. Das Nachrichtenbüro in Colin Powells Außenministerium beschreibt Thielmann als „eine Insel der Seligen, frei von politischem Druck“. Es konzentriere sich „auf das Wahrscheinliche, nicht auf das schlimmstenfalls Mögliche“. Preis dieser Haltung sei manchmal „die Irrelevanz“. So ergeht es Powells Leuten kurz vor Thielmanns Pensionierung im Herbst 2002, als die „Nationale Bedrohungsanalyse Irak“ erarbeitet wird.

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Das ist ein bürokratisches Verfahren, das eine halbe Ewigkeit dauert, weil sich zwölf Geheimdienste auf einen Text einigen müssen. Monatelang vermeidet die Regierung Bush diese Prozedur, weil sie, wie ein Geheimdienstler sagt, „Widerspruch und Ablehnung“ fürchtet. Doch als die Demokraten im Kongress eine Bedrohungsanalyse fordern, bevor sie mehrheitlich der Kriegsresolution zustimmen, wird sie binnen dreier Wochen zusammengeschustert.

Auch Greg Thielmanns Abteilung leistet einen Beitrag. Im Jahre 2001 hatte sie Informationen erhalten, wonach der Irak versuchte, Aluminiumröhren für Gaszentrifugen zu kaufen. Sofort prüfen seine Mitarbeiter gemeinsam mit auswärtigen Fachleuten die Dokumente. Alle geben Entwarnung: Die Röhren eigneten sich schwerlich für ein Atomprogramm, passten aber millimetergenau in irakische Raketen italienischer Bauart. Diese Bewertung geben sie auch ein Jahr später für die Bedrohungsanalyse ab. Die Hinweise auf ein umfassendes irakisches Atomprogramm, sagen sie, seien „nicht überzeugend“. Dieses Urteil taucht tatsächlich in der Endfassung der Bedrohungsanalyse auf – aber nur als Fußnote. Dafür lautet der maßgebliche Satz, ganz oben im Dokument: „Wenn niemand den Irak daran hindert, wird er wahrscheinlich noch in diesem Jahrzehnt eine Atombombe besitzen.“

In seiner Rede vor den Vereinten Nationen behauptet auch Außenminister Powell am 5. Februar 2003, Saddam Hussein versuche, Aluröhren für sein Atomprogramm zu kaufen. Er erwähnt zwar, diese Einschätzung sei umstritten. Nicht aber, dass sein eigenes Ministerium anderer Meinung ist und ihn vier Tage lang bedrängt hat, die Passage zu streichen. Alle Warnrufe, auch die der UN-Inspektoren von Hans Blix, stimmen ihn nicht um. Greg Thielmann nennt dies den „Tiefpunkt in der großen Karriere des Colin Powell“.

Inzwischen ist daraus ein Debakel für die US-Außenpolitik geworden. Nun verlangt die amerikanische Öffentlichkeit Aufklärung und Konsequenzen. Doch so leicht ist das nicht. Zu besichtigen ist kein zweiter Watergate-Skandal. Es wurde, so scheint es gegenwärtig, kein Gesetz gebrochen. Nicht mal die Gründung des Office of Special Plans war illegal. Ob jemand gelogen hat oder nur versagt, ist schwer zu klären. Jedenfalls hat sich die Regierung am Ende auf faith-based intelligence verlassen: auf Behauptungen, an die sie unbedingt glauben wollte. In Kürze will der Geheimdienstausschuss des Senats seinen Untersuchungsbericht vorlegen. Er wird Schuldige benennen wollen. Zwei stehen zur Auswahl: George und George. Bush und Tenet. Da im Senat die Republikaner die Mehrheit haben und zudem ein Wahljahr bevorsteht, dürfte die Antwort klar sein. George Tenet aber allein verantwortlich zu machen wäre so, als würde man dem Wasserkessel einen Vorwurf daraus machen, dass er überkochte, und nicht den Leuten, die die Herdplatte anheizten.

 
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