Es grenzt an Ironie, dass ein Architekt, dessen Arbeit mehr mit Abstand als mit Nähe und eher mit Schweigen als mit Reden zu tun hat, an einem Projekt beteiligt ist, das ihm weder erlaubt, in sicherem Abstand zu verweilen noch sich in Schweigen zu hüllen. Es ist eine Sache, kritische Distanz zum Entwurf eines Opernhauses zu wahren, aber es ist eine ganz andere, wenn es sich um das deutsche Mahnmal für die Opfer des Holocaust handelt. Obwohl manche das behaupten, betrachte ich mich selbst keineswegs nur als eine Maschine, als einen Mann, der alles tut, was die Kunden von ihm wollen. Als Architekt des Mahnmals für die in Europa ermordeten Juden muss ich mich deshalb gegen die Bemühungen des Kuratoriums aussprechen, einen vorübergehenden Baustopp zu erwirken, nur weil ein Subunternehmer vor über 60 Jahren an verwerflichen Taten beteiligt war.

Obwohl ich verstehe, dass einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde, speziell der deutschen, empfindlich auf den Namen Degussa reagieren, darf eine solche emotionale Reaktion auf diesen Firmennamen nicht weiter den Lauf der Geschichte hemmen. Unter den vielen heute noch bestehenden deutschen Firmen, die in den Zweiten Weltkrieg verwickelt waren, erwies sich gerade Degussa bei der Aufarbeitung seiner Vergangenheit als Vorreiter und spielt eine führende Rolle bei der Einrichtung eines Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter. Wir können heute nicht mehr alle Deutschen für die Sünden ihrer Väter und Großväter verantwortlich machen. Wir müssen nach vorne blicken. Das heißt nicht, dass wir vergessen sollen. Darum hat man sich für das Mahnmal und diesen Entwurf entschieden: um es einer dritten Generation und einer vierten und fünften zu ermöglichen, sich zu artikulieren. Nicht um die Debatte zu beenden, sondern um ihr neue Impulse zu geben. Man könnte sagen, dass die Kontroverse um die Beteiligung der Degussa am Mahnmal etwas Positives hat. In gewisser Weise rächt sich hier die Geschichte. Trotz aller Versuche, sie zu verdrängen, tritt sie früher oder später wieder zutage – man kann sie einfach nicht verdrängen. Die Menschen brauchen die unablässige Auseinandersetzung mit dem Unauslöschlichen. Würde man Degussa die Beteiligung an diesem Projekt verweigern, hieße das, die Aufarbeitung der Schuld als Privileg zu behandeln. "Sprich nicht zu laut, kleide dich nicht zu auffällig" – das waren die Warnungen der Deutschen an die Juden. Sind wir gerade dabei, ähnliche Maßregelungen zu erteilen?

Indem wir Degussa das Recht an einer Beteiligung absprechen, erlauben wir es der Vergangenheit, uns blind zu machen für all das, was sich bis heute getan hat. Es geht hier nicht darum, ob Degussa ein besseres Produkt oder ein günstigeres Angebot vorzuweisen hat. Es geht darum, dass wir uns 60 Jahre nach dem Holocaust nicht mehr zu Geiseln der Political Correctness machen lassen dürfen. Wäre das Projekt schon in dem Geist begonnen worden, in dem es nun fortgeführt zu werden droht, hätte ich nie mitgewirkt.

Es liegt in der Natur der Architektur – und ganz besonders in der Natur meiner Architektur – , die Bürokratie des Status quo herauszufordern. Im Falle des Berliner Mahnmals sich mit weniger zu begnügen hieße, das Andenken derer, die wir nicht vergessen dürfen, zu beschmutzen.

Aus dem Englischen: ck/cb