Ein Taifun ist halt ein starker Wind mit viel Wasser. Nichts Weltbewegendes." Stephan Eberle lacht, als er das sagt. Der Bautechniker aus dem bayerischen Teil Schwabens lacht viel in diesen Tagen. Kein Wunder. Die Aluminium-Glas-Fassade des höchsten Hauses der Welt, des Taipeh Financial Center, hat die ersten Taifune überstanden, da war sie noch nicht einmal voll angeschraubt. "Für uns war das als Test gar nicht schlecht. Danach konnten wir zu hundert Prozent sicher sein: Hier passiert nichts." Schon wieder hängt Eberle ein leises Lachen an.

Die Hauptstadt Taiwans ist eigentlich ein ungünstiger Ort, 508 Meter hohe Häuser zu bauen. Regelmäßig bebt die Erde, die starken Stürme können Spitzengeschwindigkeiten von 250 Kilometern pro Stunde erreichen. In Europa heißt das dann Windstärke zwölf. Die asiatischen Investoren ließen sich dennoch nicht abhalten. Sie wollten das höchste Haus der Welt bauen.

Seit vier Wochen ist nun auch das letzte Fassadenelement im 101. Stock des Rekord-Wolkenkratzers fixiert. Der Bauträger ist mit den 120000 Quadratmetern Außenhaut made in Germany hoch zufrieden. Und der 35-jährige Projektleiter Stephan Eberle sitzt wieder in seinem Büro bei der Firma Gartner in Gundelfingen, einem kleinen Donau-Städtchen zwischen Ulm und Augsburg, in dem die Fassade geplant und zum Teil produziert wurde.

1400 Mitarbeiter hat Eberles schwäbisches Unternehmen. Es verzeichnete im vergangenen Jahr 230 Millionen Euro Umsatz und trotzt mit internationalen Großaufträgen der heimischen Bauflaute. Die Bank of China in Shanghai, das New Museum of Modern Art in New York, der Münchner Flughafen, der Post-Tower in Bonn, das Sony-Center und die DG Bank in Berlin: Wenn Architekten technisch und ästhetisch Anspruchsvolles mit Glas gestalten wollen, fragen sie meist zuerst in Gundelfingen nach. Dort erhalten sie dann Maßanfertigung mit Tradition.

1868 gründete der Urgroßvater des heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden, Fritz Gartner, eine kleine Schlosserwerkstatt. Der gelernte Dorfschmied baute zunächst Dampfmaschinen und kleine Metallbrücken. Seine Söhne zogen dann erste Bauaufträge in Augsburg und München an Land.

Die dritte Generation lieferte bereits Metallelemente für die großen Architekten des Bauhauses. 1953 unternahm Fritz Gartners Vater dann eine Reise nach New York und informierte sich über Techniken für Aluminiumfassaden. Ein Jahr später baute er mit dem importierten Wissen die Kaufhof-Hauptverwaltung in Köln. "Die Fassade hängt heute noch. So viel kann er nicht falsch gemacht haben", freut sich Fritz Gartner. Er hat den Mittelständler seit den siebziger Jahren zum global player gemacht.

Unter den Jüngeren in der Gartner-Familie aber wollte niemand das Ruder übernehmen. Im Dezember 2000 schlüpfte der Betrieb deshalb unter das Dach des börsennotierten Rivalen Permasteelisa aus Italien. Gemeinsam beherrscht die Gruppe heute den Weltmarkt: Gartner konstruiert mit hohem technischen Aufwand, Permasteelisa baut vor allem Standardfassaden.

Der Turm von Taipeh gehört mit einem Volumen von über 100 Millionen Euro zu den größten Aufträgen in der Firmengeschichte der Gartner GmbH. Und er gehörte auch zu den schwierigsten. Als Eberle im Flugzeug nach Südostasien saß, lagen die Terroranschläge auf das World Trade Center keine Woche zurück. "Da hatte man schon Zweifel, ob das alles Sinn macht", erinnert er sich. Am Ostersonntag 2002 bebte in Taiwan die Erde mit Stärke 6,8. Das Gebäude war damals "erst" 56 Stockwerke hoch und trotzte der Naturgewalt. Allerdings brachen zwei Kräne zusammen und fünf Bauarbeiter kamen ums Leben. Ihre 1500 Kollegen trauerten – und bauten weiter. Jetzt pendelt im achtzigsten Stockwerk eine 700 Tonnen schwere Stahlkugel und soll bei neuen Beben die Mammutkonstruktion im Gleichgewicht halten. Auch die Fassade ist selbstverständlich gegen Erdbeben gesichert, getestet mit einer komplizierten Hydraulikanlage in Gundelfingen.