Leben in Deutschland (5)

          Auch wer gleichzeitig mehrere Informationen empfängt
          
          und versendet, wird die Nachrichtenflut kaum bändigen

Auch wer gleichzeitig mehrere Informationen empfängt und versendet, wird die Nachrichtenflut kaum bändigen

Wie man sich in Deutschland informiert

Wir sehen immer mehr fern und lesen immer weniger Zeitung, die Buchlektüre stagniert auf niedrigem Niveau, das Internet holt auf. Und wer etwas auf sich hält, nutzt mehrere Medien – am liebsten gleichzeitig. Eine Programmübersicht

Es ist neun Uhr. Hier ist WDR zwei mit den Nachrichten. Düsseldorf. In den frühen Morgenstunden explodierten zwei Atombomben in der Innenstadt. … Entschuldigung. In den frühen Morgenstunden explodierten zwei bomben in der Innenstadt. Es entstanden zum Teil erhebliche Sachschäden…« Mit dieser verstolperten Radiomeldung beginnt Ralf Königs Comic , und das Wort »Atombombe« lässt seinen Comic-Helden senkrecht aus dem Schlaf hochfahren.

Das Radio hat sich in Deutschland zum klassischen Hintergrundmedium entwickelt. Es dudelt immer und überall, in Büros und in den Frühstücksräumen von Hotels, in den meisten Autos und neuerdings sogar in den Wartezimmern von Ärzten. Deshalb bedarf es auch einer (Fehl-)Information von dieser Größenordnung, um uns mit Rundfunkmeldungen noch aufzuschrecken, denn insgesamt 206 Minuten am Tag hören wir Radio. Natürlich nehmen wir dabei gelegentlich Informationen auf, manchmal sogar korrekte.

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Es ist nicht nötig, in den Begriff »Information« gar so viel Verheißung hineinzuschauen, wie es die Evangelisten der »Informationsgesellschaft« oder der so genannten Wissensgesellschaft gern tun. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, bedeutete ursprünglich »Gestaltung« oder »Bildung«, heute »Nachricht«, »Mitteilung«, »formulierte Unterrichtung«. Nach sozial- und literaturwissenschaftlichem Verständnis hat eine Nachricht einen Sender, der sich an einen Empfänger wendet – in der Regel mit dem Ziel, dessen Handeln zu beeinflussen. Dies kann er anonym und mit einer großen Streuung tun: Die kryptischen Botschaften über den neuen Golf (»Macht jetzt auch Spaß«, »Hält jetzt auch an«), die gegenwärtig auf Tausenden von Werbegroßflächen prangen, sind ebenso Informationen wie ein Lexikoneintrag. Es gehört nicht notwendig zum Wesen einer Information, dass sie verstanden wird. Oder nützlich ist.

Die meisten formulierten Unterrichtungen, die wir freiwillig zu uns nehmen, erreichen uns über die Medien: den bereits erwähnten Rundfunk, das Fernsehen, die Tages- und Wochenzeitungen, Magazine, Fachzeitschriften, Bücher, Telefone und das Internet. Und hier hat sich in der Tat geradezu revolutionär viel verändert in Deutschland: Achteinhalb Stunden täglich, das ist das Ergebnis der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation (2000), nutzen wir die Medien. 1980 waren es fünfdreiviertel Stunden – auch das ist viel Zeit. Aber achteinhalb Stunden deuten zwangsläufig auf einen rasant gestiegenen Nebenbei-Konsum des Medienangebots hin. Wir werden ein Volk von Multi-Taskern, wir lesen bei der Arbeit E-Mails, sehen fern beim Bügeln, lesen Zeitung beim Radiohören.

185 Minuten, mehr als drei Stunden, widmen wir täglich dem Fernsehen. Es ist auch das Medium, das die meisten Menschen auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Es gibt zehnmal so viel laufendes Programm wie vor zehn Jahren. Jeder Haushalt besitzt – mindestens –ein Fernsehgerät.

Aus der Mode kommt das Zeitunglesen. 1990 griffen noch 71 Prozent der Erwachsenen jeden Morgen zur Tageszeitung, heute sind es nur noch 54 Prozent. Besonders viele Federn haben die Zeitungen in Ostdeutschland gelassen – und bei der jugendlichen Leserschaft. Im Osten verloren sie fast zwei Drittel ihrer Auflage. Und von den jungen Leuten unter 30 nimmt nur noch ein Viertel regelmäßig eine Tageszeitung zur Hand. Ostdeutsche wie Jugendliche haben zudem eine hohe Affinität zu den informationsarmen Privatfernsehsendern, die die »harten« politischen Inhalte in ihren Programmen geradezu systematisch zurückdrängen. Bücher stagnieren als Informationsquelle bei wenig beeindruckenden 17 Durchschnittsminuten pro Tag.

Der größte Zeitgewinner ist das Internet, zu dem erstmals mehr als die Hälfte der über 14-Jährigen wenigstens »gelegentlich« Zugang haben. Im Jahr 2000 surften die Deutschen durchschnittlich 13 Minuten am Tag, nun sind es 45. Auch dies ein Durchschnittswert: Die tatsächliche Verweildauer typischer Nutzer liegt weit darüber, bei 138 Minuten am Tag. Die Zuwächse erklären sich vor allem daraus, dass sich die 40- bis 60-Jährigen in den vergangenen zwei Jahren geradezu massenhaft auf die neue Technologie gestürzt haben.

Was macht der Einzelne aus dem überreichen Informationsangebot? Sieht er die Tagesschau oder die Doku-Soap über Tanja, die Teenager-Mama? Verhältnismäßig wenig Werbung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern oder nahezu 20 Prozent bei den Privaten? Sieht er im Internet Pornos an oder die aktuellen Meldungen der Nachrichtenagenturen?

Zum Bild einer demokratischen Gesellschaft gehört die Hoffnung, dass möglichst viele Menschen die politischen Zusammenhänge in ihrem Land verstehen. Dass sie die Namen aller Pokémon-Figuren oder Superstars kennen, ist weniger wichtig. Vieles deutet aber darauf hin, dass es nicht allzu gut steht um die politische Information in Deutschland: Das Massenangebot schafft offenbar mehr Verdruss als Übersicht. Unter Jugendlichen haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Medienwissenschaftler beobachten besorgt eine »Oligarchisierung« des politischen Diskurses: Überspitzt gesagt, machen Politiker und Journalisten im Berliner Café Einstein Unter den Linden miteinander aus, was angeblich wichtig ist – mit dem Leben irgendwo draußen muss das nicht viel zu tun haben.

Sich informieren heißt also: um den Überblick kämpfen. Zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden. Dabei werden wir offenbar alle, egal, welcher Informationsklasse wir angehören, zu neuen Auswahltechniken gezwungen: Manche scannen die Qualitätszeitungen, von denen sie vielleicht mehrere lesen. Wir zappen schon längst beim Fernsehen und neuerdings, das ergab die Studie Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend der Stiftung Lesen, sogar bei Büchern: Wir machen heute größere Lesepausen als je zuvor, überspringen ganze Textpassagen, lesen mehrere Bücher gleichzeitig.

Welches Geräusch macht eigentlich die Fernbedienung beim Umschalten? Das Knöpfchen selbst ein kaum zu transkribierendes, gummiartiges Gepöppel. Und der Fernseher ein leises Gebritzel. Wahrscheinlich ist »Zapp« ganz geeignet, um den Vorgang lautlich anzudeuten. Schalten wir also zunächst um zu einer Lokalzeitung, die noch nicht von einem Kaffee trinkenden Politiker- und Journalistenkartell erschwatzt wird.

Zapp. In Plön, einer 13000-Seelen-Kreisstadt in Schleswig-Holstein, haben sich die Kieler Nachrichten, mit 110000 Abonnenten eine der größeren Regionalzeitungen, trotz Anzeigeneinbruch und Spardiktat ein neues Redaktionsgebäude geleistet. Dort wird die Ostholsteiner Zeitung produziert, eine lokale Beilage der KN. »Gerade in schwierigen Zeiten müssen wir dem Leser zeigen: Wir sind vor Ort. Wir sind nah dran«, sagt KN -Chefredakteur Jürgen Heinemann. »Deshalb haben wir, gegen den Trend, unsere Umlandredaktionen dezentralisiert.«

Das heißt: Wer heute in Plön eine Pressemitteilung absetzen möchte, erreicht die Redaktion zwar selbstverständlich per E-Mail. Er kann aber auch direkt im KN- Büro in der Plöner Fußgängerzone vorbeischauen. Es kommt auch vor, dass plötzlich der Vorsitzende des Karnevalsvereins in den Redaktionsräumen steht und sich lautstark über einen Kommentar beklagt, der nach seiner Überzeugung die Karnevalsarbeit in Plön und Umgebung nicht nur unnötig erschwert, sondern womöglich ganz zunichte macht. Die Rückkoppelung an die Leser – und an die Gegenstände der Berichterstattung – sind durch das Prinzip der Dezentralität offenbar recht gut gewährleistet.

Der Leserschwund und die Leseunlust treffen zwar auch die Lokalblätter, doch weniger hart als die Krise im Anzeigengeschäft. Mit 30 Millionen verkauften Exemplaren täglich sind die rund 400 Tageszeitungen immer noch ein prägender Teil des Informationsangebots. Sie vermitteln nicht nur Nachrichten, sondern vor allem Heimatgefühle.

Um halb elf ist Redaktionskonferenz. Viereinhalb Seiten fürs Lokale sind an diesem Tag zu vergeben, dazu eine gute halbe Seite für den Sport. Andreas Jacob, der heute nicht nur die erste, sondern auch die lokale Wirtschaftsseite layoutet und redigiert, hat morgens noch nicht allzu viel auf seinem Themenzettel stehen: Der Lütjenburger Weihnachtsmarkt sucht Marktbeschicker. Die Plöner Segelschule hat eine neue Solaranlage auf dem Dach. In Schönberg gibt es künftig einen »Außer Haus«-Frühstücksservice. Man muss halt sehen, was sich noch ergibt.

Politisch ist in den Herbstferien nicht allzu viel los. Der CDU-Landrat, der eigentlich immer für eine brauchbare Geschichte gut ist, muss in den Urlaub gefahren sein. Die Selenter Korrespondentin meldet ein kleines Stück über »Monsteräpfel«, mit Fotos von einem Bauern, der fast erschrockenen Blickes sehr große Äpfel in die Kamera hält. Redaktionell kein wahnsinnig spannendes Programm, findet die Runde, »aber mit Mut zum großen Foto kriegen wir das hin«, sagt Andreas Jacobs.

Zapp. KLEINANZEIGEN. Zwangsver./EFH, Erwerb ab 41.000 Euro, 142 m2 Wfl., 904m2 Grund, Obj. Bujendorfer Landstr., 23701 Bujendorf, i.A.d. Bank B. WoBau, Tel.: 04934 804258

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Mutti nervt? Eine eigene Bude gibt’s im Wohnungsmarkt.

Zapp. Das oberflächliche Interesse an Politik ist seit der Verbreitung des Fernsehens in den sechziger und siebziger Jahren gestiegen und ebenso die Kenntnis der politischen Institutionen. »Insgesamt gesehen, breiten sich tiefer gehende politische Kenntnisse aber sehr langsam aus«, sagt der Mainzer Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger. »Und profundes politisches Interesse kann man heute, wenn man etwa die Lektüre einer überregionalen Tageszeitung wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen, der Frankfurter Rundschau oder der Welt zum Maßstab nimmt, nur rund zwei Prozent der Wahlberechtigten attestieren.« Zählt man großzügig die Leser von Focus und Spiegel hinzu, sind es auch höchstens fünf Prozent, die nach Kepplingers Auffassung an einem »differenzierten politischen Diskurs« teilnehmen können. Interessant sei nun die Frage, ob das Fernsehen mit seinen großen Reichweiten die geringe Ausbreitung der überregionalen Qualitätspresse ausgleichen könne. »Die Antwort lautet nein, und der Grund dafür liegt in der begrenzten menschlichen Aufnahmefähigkeit«, sagt Kepplinger. »In Tiefeninterviews stellt sich heraus, dass Fernsehzuschauer sich nach einer Nachrichtensendung zu 70 Prozent an nichts oder fast nichts erinnern; nur etwa 15 Prozent behalten mehr als die Hälfte des Gesehenen.« Dauerhafte Erinnerungseffekte erzielt das Fernsehen offenbar immer dann, wenn mehrere Sender eine Meldung in zahlreichen Sendungen wiederholen – wie es üblicherweise bei Krisen, Katastrophen, Skandalen und Affären geschieht. Aber auch dann holen die Zuschauer mit geringen politischen Vorkenntnissen nicht auf. »Je länger Kontroversen dauern«, schreibt Kepplinger, »desto größer wird die Wissenslücke zwischen den Gebildeten und den Ungebildeten, weil die Gebildeten mehr Informationsangebote nutzen, die Informationen besser verstehen und sie länger behalten.« Die Masse des Publikums verliere bald das Interesse an den Themen und die Geduld mit den Politikern, »die nicht so schnell entscheiden, wie die Medien und mit ihnen das Publikum erwarten«. Die Mehrheit schalte innerlich ab. »Zugleich wachsen die Vorstellung, dass man überhaupt nichts mehr versteht, und auch der Widerwille gegen weitere Argumente und das Verlangen nach einer Entscheidung.«

Wer wegschalten will, hat es heute leichter als vor 20 Jahren: Zwar haben sich die Informationsangebote des Fernsehens in dieser Zeit verdoppelt, die Unterhaltungsformate allerdings im gleichen Zeitraum vervierfacht. Das bedeutet: Wer gezielt seriöse Informationen sucht, wird häufiger fündig. Aber wer sich unter Nachrichtenvermeidungskriterien durch die 38 Fernsehkanäle zappt, stößt seltener rein zufällig auf Informationssendungen. Die Schere zwischen denen, die gekonnt mit dem überwältigenden Informationsangebot umgehen, und jenen, die immer hoffnungsloser überfordert werden, öffnet sich weiter. Es liegt nicht in der Natur des Fernsehens oder der Fernsehmacher, etwas dagegen zu tun.

Zapp.Bravo, gedruckt: Michael Jackson versucht ein Comeback: Am 10. 11. erscheint die Ballade One More Chance, komponiert von R. Kelly. Am 17. 11. folgt die Greatest-Hits-CD Number Ones.

Jeanette (22): Ab Februar könnt Ihr die Sängerin wieder live bewundern! Auf 20 Konzerten der »Break On Through«-Tour wird sie richtig Gas geben. Mehr Infos auf www.BRAVO.de

Sean Paul (30) tritt bei den »MTV Europe Music Awards« in Edinburgh/Schottland auf. Auch dabei: Xtina und Kylie! (Nr. 43/03)

Zapp. Die Zivildienstleistenden Sönke, Jens, Nils, Henning, Malek, Hendrik, Sascha, Kristian, Marcel, Fabian, Mark, Christoph, Timo, Sebastian, Knut, Rainer, Norbert, Ole und Ulf besuchen gerade den dienstbegleitenden Theorieunterricht an einer norddeutschen Zivildienstschule. Ihre Lieblingsfernsehsendungen sind: Die Simpsons (ProSieben), Malcolm mitten drin (ProSieben), Bernd, das Brot (KiKa), Friends (ProSieben), die Sportschau (ARD), Stoke (DSF), Auto, Motor, Sport (Vox), Motorvision (DSF), Futurama (ProSieben), Angel Sanctuary (Viva), One Piece (RTLII), Hellsing (Viva), Eine schrecklich nette Familie (Kabel 1), die Harald Schmidt Show (Sat.1), Zapp! (NDR), King of Queens (RTLII), Scrubs (ProSieben), das A-Team (RTL), Spiegel TV (Vox), TV Total (ProSieben), Dismissed (MTV), Lesen! (ZDF), S pongebob Schwammkopf (Super RTL), Malen mit Bob Ross (Bayern), Transformers (Super RTL), South Park (Viva), Extra Drei (NDR).

Das Buch mit der höchsten Einschaltquote in dieser Gruppe ist zurzeit Stupid White Men von Michael Moore.

Vieles spricht dafür, dass die These von der Spaltung der Gesellschaft in eine hoch spezialisierte Info-Elite und ein Medienproletariat nicht aus der Luft gegriffen ist. Und: Es hängt, das wissen wir nicht erst seit der Pisa-Studie, in hohem Maße von der sozialen Stellung der Eltern ab, zu welcher Gruppe jemand später gehören wird. In der aufwändigen Untersuchung zum »Leseverhalten in Deutschland« werden sowohl das Vorbild der Eltern als auch ihre Bildung als die beiden wichtigsten Einflussfaktoren darauf genannt, ob jemand zum Viel- oder Gar-nicht-Leser, zum unterhaltungsorientierten Fernsehkonsumenten oder souveränen Mehr-Medien-Nutzer wird. Bei den Zivildienstleistenden ist noch offen, zu welcher Gruppe sie einmal gehören werden – manch einer von ihnen mag sein Mediennutzungsverhalten nach einer endgültigen Berufswahl noch modifizieren.

Zapp. Zur Info-Elite gehört schon von Amts wegen der Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamts. Bela Anda dürfte wenig Zeit haben, Bernd, das Brot im Fernsehen zu sehen, selbst wenn er dazu vielleicht manchmal Lust hätte. Sein Tagesablauf ist strukturiert durch immer neue Modi der Informationsaufnahme: Man fragt sich, ehrlich gesagt, wie ein Mensch unter diesem Ansturm noch einen klaren Gedanken fassen kann. Um 5.30 Uhr steht Anda auf und sichtet FAZ, Süddeutsche, Welt, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Tagesspiegel und Handelsblatt. Zu den »Produkten« seines Hauses gehören etliche Pressespiegel, am wichtigsten ist die »Kanzlermappe«, die Kopien der ersten Seiten aller wichtigen Blätter enthält, dazu Artikel zu zentralen Themen des Tages. Auf dem Weg ins Amt – es ist jetzt 7.30 Uhr – führt Anda sich diese Zusammenstellung zu Gemüte. Im Büro erwarten ihn erste Online-Auswertungen; um 8.30 Uhr gibt es eine Lagebesprechung mit den Abteilungsleitern. Um 10 Uhr geht es weiter ins Kanzleramt, mittwochs nimmt auch der Bundeskanzler an diesen Runden teil, sonst Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, SPD-Fraktionschef Franz Müntefering, SPD-Generalsekretär Olaf Scholz und der Staatsminister im Bundeskanzleramt, Rolf Schwanitz. Man verständigt sich über langfristige Leitlinien der Politik und erörtert Fragen, die in den drei wöchentlichen Bundespressekonferenzen (montags, mittwochs und freitags) auftauchen können.

Wenn Anda aus dem Kanzleramt zurück ist, folgt die Schaltkonferenz mit den Pressesprechern der Ministerien – in diesen Runden kann es auch darum gehen, zwischen den Häusern einheitliche »Sprachregelungen« abzustimmen. Anda ist dabei, wenn der Kanzler verreist, wenn Kabinett und Fraktion tagen; als Gast auch im SPD-Präsidium und Parteivorstand. Etwa 20 Journalistengespräche führe er täglich, je nach Lage mal mehr und mal weniger, sagt Anda.

Noch am Abend liefern die TV-Auswerter detaillierte Infos aus den Nachrichtensendungen, die sie auf Split-Screen-Fernsehgeräten verfolgen: vier Sender gleichzeitig. Und wenn das alles, alles vorbei ist, wenn die Journalisten verarztet sind, die ein Kanzlerzitat wollen, und jene entlarvt, die versuchen, den Kanzler mit falschen Zitaten in Widersprüche zu verwickeln, dann stellt sich natürlich immer noch die Frage, was aus all dem folgt, mit welcher mittelfristigen Strategie man den Strom der Berichterstattung so lenkt und kanalisiert, dass er einem vertraut vorkommt, wenn er Tage und Wochen später wieder vorbeifließt – die andere Seite der Informationsarbeit.

Zapp. Christina Heinen, Gesine Wulf, Indrani Das, Julia Ziegler, Cornelia Kruse, Thilo Schmidt und Domenica Ahlrichs wissen schon, auf welcher Seite sie stehen wollen: Sie machen, jetzt im zweiten Jahr, eine Journalistenausbildung an der Evangelischen Medienakademie Berlin. Ihr informationeller Tagesablauf entspricht dem der Profis.

Gesine Wulf zum Beispiel checkt ihre E-Mails das erste Mal morgens nach dem Zähneputzen. Seit sie die Medienakademie besucht, hat sie ihr taz- Abonnement abbestellt, weil sie die Zeitung ebenso wie die FAZ in der Akademie lesen kann; weiterhin abonniert hat sie die ZEIT und den New Yorker. Sie absolviert ihr Praktikum im Hause Springer, in der Redaktion für Sonderthemen – »also für Werbebeilagen, die ein redaktionelles Umfeld brauchen«, sagt sie – und liest in dieser Phase Bild, Welt und Berliner Morgenpost intensiv. Mittags und nachmittags wirft sie einen Blick auf Spiegel-online, zudem nutzt sie den Feuilletonüberblick vom Perlentaucher und steht auf einer speziellen Mailinglist für Journalisten, die einen Querschnitt durch aktuelle Medienthemen bietet. Im Auto schaltet sie sofort den Deutschlandfunk oder das Deutschlandradio Berlin ein.

Thilo Schmidt hört morgens WDR2, er liest den Tagesspiegel und die taz, in deren Redaktion er im Moment auch beschäftigt ist. »Ich scanne die Zeitungen – was steht wo drin«, sagt er, »und ich habe das Gefühl, dass ich weniger lese, seit ich morgens zwei Blätter zur Verfügung habe.« Die ZEIT will er eventuell abbestellen, sie sei ihm zu teuer zum Liegenlassen und Nichtlesen, sagt er – Zeitprobleme. Tagsüber in der Redaktion informiert er sich am Agenturticker auf seinem Bildschirm. Um 20 Uhr sieht er die Tagesschau, immer. Und manchmal III nach Neun.

Die »Selbstreferenzialität« des Medienbetriebes, die Abhängigkeit von der täglichen Programmvorgabe der Agenturen und der permanente Zeitdruck sind drei Hauptsorgen der jungen Journalisten. Kaum jemand von ihnen hat prononcierte Weltverbesserungsabsichten, aber sie möchten die Wirklichkeit einigermaßen realistisch darstellen, selbst recherchieren, verstehen, »was an der Jahreshauptversammlung im Teckelclub wichtig ist, warum so ein Ereignis darüber Aufschluss gibt, wie das Land funktioniert«, sagt Domenica Ahlrichs.

Alle sind sich weitgehend einig, dass die kritische Sozialreportage derzeit bei Chefs und Vorgesetzten gänzlich außer Mode sei. In der Stillstandsdiskussion »gehen immer mehr Begriffe verloren, zum Beispiel soziale Gerechtigkeit«, sagt Gesine Wulf. »Kann es nicht sein, dass wir den relativen Leiden des Mittelstands heute viel mehr Aufmerksamkeit widmen als den Leiden der wirklich Armen?« Die Runde nickt. Ihrer Verantwortung für sorgfältige Berichterstattung ist sich diese Gruppe bewusst. Das gilt bei weitem nicht für alle aufstrebenden Jungreporter. »Ich war tief beeindruckt, als ich zum ersten Mal sah, wie die Zeitung gedruckt wurde, bei der ich früher gearbeitet habe«, sagt Domenika Ahlrichs. »Diese Massen von verbreitetem Wort, die ich da unbedacht produziert hatte.«

Zapp. Gibt es irgendwo Ordnung im Chaos? Einen erhöhten Punkt, von dem aus sich zumindest ein Teil des Daten- und Informationsstromes überblicken lässt?

Eine Institution in Deutschland hat den gesetzlichen Auftrag, zu sammeln, zu sichten, zu ordnen und zugänglich zu machen, was da so alles vorbeitreibt: die Deutsche Nationalbibliothek. Seit der Wiedervereinigung besteht sie aus drei Häusern, der Deutschen Bücherei Leipzig, dem Deutschen Musikarchiv Berlin und der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main. Diese Einrichtungen archivieren alles, was seit 1913 in Deutschland gedruckt, alles, was heute elektronisch auf Daten- oder auf Tonträgern veröffentlicht wird. Mehr als 10 Millionen Bücher und Zeitschriften stehen in Leipzig, 7,5 Millionen »Einheiten« in Frankfurt.

Das Gedächtnis der Nation. Zu Recht erinnert es sich nicht an kurzfristige und flüchtige Dinge wie den Verkehrsfunk von letzter Woche. Aber an alles, was mit der erkennbaren Absicht verfasst wurde, es solle dauerhaft in der Welt sein: vor allem natürlich an Bücher. 30000 Quadratmeter Magazinfläche hat das 1996 erbaute Bibliotheksgebäude in Frankfurt. In drei Untergeschossen lagern die Bücher, im vierten brasilianisches Eisenerz, das das Eindringen von Grundwasser verhindern soll. Das Prinzip der Magazinierung ist denk-bar einfach: Die Bücher werden so nebeneinander eingeordnet, wie sie abgeliefert wurden. Seit 1969 ist jeder Verleger verpflichtet, zwei Exemplare von jedweder Veröffentlichung zur Archivierung abzugeben. 1974 stehen die Hemmungslosen Verführerinnen neben Marxismus und Ethik und Fachenglisch Technik und Industrie. Jedes Jahr braucht mehr Regalreihen. 2003 finden sich Kinderbücher aus Stoff neben Finanzratgebern, Manga-Comics, Kochbüchern. Die Arbeit im Archiv ist heilig, denn es gibt keinen Weg, ein einmal falsch zurückgestelltes Buch je wiederzufinden.

Etwa 1200 Medieneinheiten kommen täglich ins Haus. Und das ist der eigentlich kritische Punkt, an dem die gleichsam wilde, zufällig eintreffende Information von den Mitarbeitern der Nationalbibliothek gepackt und gezähmt wird. 17 Fachreferenten und knapp noch einmal so viele Bibliothekare beschäftigen sich in einem anspruchsvollen Verfahren damit, die neuen Titel so zu verschlagworten, dass der Benutzer sie leicht finden kann. Der Gesamtkatalog enthält rund 600000 Suchbegriffe. Jede Neuerscheinung wird in der Deutschen Nationalbibliografie angezeigt. Besonders andere Bibliotheken informieren sich aus dieser Gesamtübersicht über alle deutschsprachigen Veröffentlichungen, weil ihnen das die mühsame Titelerschließung erspart.

Die größten Schwierigkeiten bereitet den Einordnungsspezialisten, den Archivaren und Informationssortierern bisher das Internet. »Elektronische Zeitschriften zum Beispiel«, sagt die Direktorin der Deutschen Bibliothek, Ute Schwens, »erscheinen oft nicht seiten- oder heftweise, sondern verändern sich ständig. Wie soll man mit ihnen umgehen?«

Die Tendenz der politischen Diskussion über die Aufgaben der Deutschen Nationalbibliothek gehe trotzdem dahin, auch E-Publikationen zu sammeln. Bislang indexiere und erschließe man nur Titel, die schon bestimmte Qualitätshürden genommen hätten: Dissertationen, Publikationen von Wissenschaftsverlagen. »Aber dann bleibt noch der ganze große Internet-Wust«, sagt Ute Schwens: »Was ist mit privaten Homepages? Mit Daniel-Küblböck-Fanclub-Seiten?« Die Bibliothek setzt einen so genannten Harvester ein, einen Roboter, der einmal im Jahr alle ».de«-Netzadressen »erntet«: Sie werden unter dem fraglichen Datum abgelegt und mit allen Bildern und Links, die zu diesem Zeitpunkt vorhanden waren, auf Festplatte gespeichert. So ist wenigstens eine Momentaufnahme des deutschen Netzes im Jahr 2003 möglich – vielleicht möchte ein Wissenschaftler Jahre später über Schriftbilder, Chat-Themen oder frühe Werbestrategien im Netz forschen.

Zapp. Die wichtigsten Informationen teilen Menschen sich ohnehin persönlich mit. Den Fall der Mauer mit einem Telefonanruf. Das Attentat vom 11. September mit einer SMS. Und jeder weiß, wo er in diesem Moment gewesen ist.

 
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