Die Stimmung ist ausgezeichnet. Der Senator steht im Halbkreis seiner Anwälte, Taschenträger und Vertrauten und raucht Zigarre. Seine Anwälte rauchen ebenfalls Zigarre. Wenn der Senator lacht, dann lachen sie auch. Der Prozess hätte eigentlich schon längst beginnen sollen, aber der Richter fehlt noch. Die Gerichtsreporter des Justizpalastes haben sich bereits mit ihren Notizblöcken auf die hinteren Bänke gesetzt und forschen in den Gesichtern der Verteidiger und Staatsanwälte.

Senator Marcello Dell’Utri, Berlusconis rechte Hand und Weggefährte von erster Stunde an, geistiger Vater von Forza Italia, ist in Palermo wegen Bildung einer mafiosen Vereinigung angeklagt. Der einstige Manager ist an der Seite von Berlusconi nicht nur zum Senator von Forza Italia und zum Europaparlamentarier avanciert, sondern auch zum vielfach Angeklagten. Zahlreiche abtrünnige Mafiosi, zuletzt Antonino Giuffrè, Vertrauter des seit vierzig Jahren flüchtigen Bosses Bernardo Provenzano, nannten Silvio Berlusconi und Marcello Dell’Utri als politische Drahtzieher der Ermordung der beiden Richter Falcone und Borsellino. Es sei kein Zufall, dass Marcello Dell’Utri ausgerechnet im Juni 1992, in den Tagen nach den Attentaten, mit der Parteigründung von Forza Italia begonnen habe. Die sizilianische Mafia habe nach dem Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems nach einer neuen politischen Heimat gesucht, sagte Giuffrè: "Nur Forza Italia konnte uns helfen, unsere Probleme zu lösen."

Mittelsmann zwischen Mafia und Berlusconi sei bis zu seiner Verhaftung im Jahre 1993 der Boss Vittorio Mangano gewesen, den die Zeitungen "Berlusconis Stallmeister" nannten, weil er zwei Jahre in der Villa des Unternehmers gearbeitet hatte. Vor Gericht in Palermo hat Marcello Dell’Utri zugeben müssen, den Boss nicht nur gekannt, sondern auch persönlich getroffen zu haben.

All das scheint an diesem Morgen weit weg zu sein. Die Sonne taucht das Innere des Justizpalastes in mildes Licht, und der Senator legt den Kopf in den Nacken. Er raucht mit gespitzten Lippen und schaut dem Rauch nach. Auf Fragen will er nicht antworten: "Schöne Dame", sagt er, "dieser Prozess ist so langweilig, vergeuden Sie nicht Ihre Zeit damit. Schauen Sie sich lieber San Giovanni degli Eremiti an." Tatsächlich dauert die Verhandlung nur wenige Minuten und wird dann wegen einer Formsache vertagt.

Erfahrene Ermittler sollen sich um Taschendiebstahl kümmern

Marcello Dell’Utris Zuversicht ist berechtigt. Staatsanwalt Antonio Ingroia, sein Ankläger, ist mittlerweile aus dem Anti-Mafia-Ermittlungsstab ausgeschlossen worden. Jetzt darf er nur noch den Prozess gegen den Berlusconi-Vertrauten in der ersten von drei Instanzen zu Ende führen. Forza Italia, Rettungsanker von Cosa Nostra, hat sich in diesen Tagen in Palermos Justizpalast bewährt: Der Anti-Mafia-Ermittlungsstab wurde politisch gesäubert. Alle Staatsanwälte, welche in den vergangenen Jahren Prozesse gegen die politischen Hintermänner der Mafia geführt haben, wurden ausgeschlossen: nach Antonio Ingroia auch Roberto Scarpinato und Guido Lo Forte, die beiden Chefankläger im Andreotti-Prozess. Gioacchino Natoli, der dritte Ankläger im Andreotti-Prozess, erklärte sich mit seinen Kollegen solidarisch und trat ebenfalls aus dem Anti-Mafia-Pool aus.

Wie von Forza Italia gewünscht, stellte der Oberste Richterrat fest, dass diese Staatsanwälte gewissermaßen ihre Verfallszeit überschritten hätten: Staatsanwälte sollen sich nicht länger als acht Jahre mit Mafia-Prozessen beschäftigen – um zu verhindern, dass sie sich zu "eigenen Machtzentren" entwickeln. Auf sie warten künftig Betrugsfälle und Taschendiebstähle.

In der Eingangshalle des Justizpalastes steht eine Metallskulptur, die aussieht wie eine explodierende Knoblauchknolle. Sie ist den Märtyrern im Kampf gegen die Mafia gewidmet. Man schenkt ihr kaum mehr Aufmerksamkeit als den verstaubten Auslagen der juristischen Buchhandlung. Selbstbewusst schreitet die Verteidigerin Rosalba di Gregorio über den glatten Marmorgranit. Über ihren Armen liegt die Anwaltsrobe wie zufällig hingeworfen, und die Absätze ihrer roten Sandaletten machen kleine, metallische Geräusche. Hoheitsvoll grüßt avvocato Traina, ein würdevoller, weißhaariger Herr mit bläulichen Lippen, der den flüchtigen Mafiaboss Bernardo Provenzano verteidigt. Kaum merklich nickt avvocato Fileccia , Verteidiger des Bosses Totò Riina, nach rechts und links, wie immer ist er in ein blaues Hemd und ein siegesgewisses Lächeln gehüllt.