So einen Helden wie Easy Rawlins gibt es in der deutschen Kriminalliteratur nicht. Die Welt, in der Easy liebt und kämpft, existiert nur dort, wo Leute wie Easy leben. Es ist die Dritte Welt mitten in den reichen USA. (Es ist nicht die einzige Dritte Welt in den Staaten. Es gibt noch die Indianerreservate und die Gebiete, in denen die illegalen Einwanderer aus dem Süden leben, und die verrotteten Zonen der großen Städte, in denen jetzt im Winter wieder die homeless people erfrieren.)

In einer Welt wie der Easys gibt es keine Trennungslinie zwischen Gut und Böse, es gibt keinen Staat, der für Ordnung sorgt und die kleinen Leute schützt. In Easys Welt muss jeder vor jedem auf der Hut sein. Und jeder muss sich mit jemandem zusammentun, um sich zu schützen. Easy Rawlins ist kein Sam Spade, kein Dirty Harry und auch kein Mike Hammer. Ezekiel Porterhouse Rawlins ist 44, Hausmeister einer Junior High School, Hausbesitzer und Steuerzahler. Er wurde Waise mit acht Jahren. Aus einem einzigen Grund hat Easy sich entschlossen, die Verbrecherlaufbahn aufzugeben: Er will nicht wie die meisten seiner Altersgenossen und Rassenbrüder im Knast oder an einer frühen Kugel enden. Dieses Leben wäre noch schmerzhafter als das, das Easy lebt. Auch heute geht er dem Gesetz aus dem Weg. Es ist weiß.

Easy ist ein Freund und einer der Leute, die manchmal die Dinge regeln können, die kein an-derer begreift. "Ich kann Ihnen sagen," erklärt er dem Colonel, der das schwarze Revoluzzertrüpp-chen der "Urban Revolutionary Party" unterwan-dern und Easy als Spitzel einsetzen möchte, "wenn ein Mann drauf und dran ist durchzudrehen oder wenn ein Gewalttäter in Wirklichkeit ein Feigling oder ein Großmaul ist. Ich kann einen Blick in einen Raum werfen und Ihnen sagen, ob Sie befürchten müssen, dass man Sie ausraubt. Das alles kann ich, weil ich arm und schwarz bin – in diesem Land, das Sie vor Koreanern und Vietnamesen retten, worauf Sie so stolz sind. Wo ich herkomme, gibt es keine dunkelhäutigen Privatdetektive. Wenn ein Mann Hilfe braucht, geht er zu jemandem, der so was nebenher macht. Und dieser Jemand bin ich." Integer, unbestechlich und solidarisch ohne Schmus.

Auf Abwegen: 1964 in South Los Angeles. John, ein alter Freund, bittet Easy um Hilfe. Brawly Brown, der Sohn seiner Lebensgefährtin, scheint in schlechte Gesellschaft geraten. Easy soll verhindern, dass dem Jungen, der ein Bär von Kerl und ein Heißsporn ist, etwas passiert. Doch Bad Boy Brawly Brown (so der Originaltitel) entzieht sich allen Nachforschungen. Mal ist es einer seiner Genossen von der Urban Revolutionary Party, mal ist es eine Geliebte, die Easy stoppen, belügen, in die Irre schicken. Easys Angst um den dummen Jungen mit den unbändigen Kräften wächst, je weiter er vordringt. Brawlys Vater liegt ermordet auf der Schwelle seiner Ziehmutter, die sich auch Brawly als Liebesverhältnis hielt; unter dem Bett seiner norwegischen Freundin liegen Waffen; eine Geheimabteilung der Polizei will ihn in die Falle des Terrorismus locken. Zum Schluss bleibt Easy nur eine Wahl. Er muss zur Schrotflinte greifen. "Besser lahm als tot" – nicht gerade das Resümee eines Sozialarbeiters.

Dabei ist Easy geradezu das Vorbild eines wei-sen Mannes. Hart, erfahren, respektvoll auf die Wahrung der eigenen Würde und die der anderen bedacht, ein Mann mit Herz, Bewusstsein und Verstand, voll Trauer über die verschwendeten Leben seiner schwarzen Brüder.

Es könnte sein, dass Bill Clinton einmal nicht gelogen hat, als er Walter Mosley, den 1952 in Los Angeles geborenen Afroamerikaner mit jüdischer Mutter als seinen "Lieblingsautor" bezeichnete. Auch wenn Clinton diese Liebeserklärung in seiner ersten Präsidentschaftskampagne abgab, als er bei liberalen Intellektuellen Eindruck schinden wollte, zu verstehen ist sie. Mosleys Kriminalromane sind moralische Erzählungen, die auf die persönliche Verantwortung setzen, die einer übernehmen muss, um in einer Welt bestehen zu können, die ihn vernichten will. Dieses zutiefst humane Programm schärft jeden seiner glänzenden Dialoge und raffinierten Plots. Mosley schreibt Geschichten, die nicht anders als Kriminalromane erzählt werden können, und er tut dies meisterhaft. Noir at its best: Keine Hoffnung auf niemand, aber erzählen.