Irak

Ein Sieg ohne Sieger

Wenn Amerika im Irak scheitert, verliert auch Europa

Der Kampf gegen den Terrorismus hat im Irak zu einer beispiellosen Offensive des Terrorismus geführt. Als der erste Tag im Fasten- und Friedensmonat Ramadan sich neigte, hatten Bomben in Bagdad, am Montag dieser Woche, mindestens 34 Menschen zerrissen. Die Sprengsätze trafen vier Polizeistationen und die Zentrale des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Wenn es selbst für das IKRK, den zur Neutralität verpflichteten Hüter der Humanität, keinen sicheren Ort mehr gibt, steht es schlecht um die Hoffnung auf Frieden.

Scheitert Amerika im Irak? Und was hieße ein solches Scheitern für die Europäer? Mit einem höhnischen „Das ist Bushs Krieg“ kommen sie jedenfalls nicht davon. Der Krieg fand aus falschen Gründen statt, und er hatte keine völkerrechtliche Legitimation. Doch ein Rückzug der Amerikaner würde jetzt alles noch schlimmer machen. Der Irak versänke in Anarchie und bräche auseinander.

Das nackte Entsetzen stand Paul Wolfowitz ins Gesicht geschrieben, als er am Sonntagmorgen mit brüchiger Stimme in Bagdad vor die Presse trat. Sein Hotel war soeben von sechs bis acht Katjuscha-Raketen getroffen worden. Niemand hatte den Irak-Krieg drängender gefordert als der stellvertretende US-Verteidigungsminister. Drei Ziele hat Wolfowitz für den „Krieg gegen den Terrorismus“, in dessen Zentrum für ihn der Sturz Saddam Husseins stand, formuliert: Erstens , so viele Terroristen wie möglich zu töten oder zu fangen und dem Terror seine staatliche Unterstützung zu entziehen; zweitens, den Terrorismus für alle Staaten und Individuen angesichts amerikanischer Überlegenheit unattraktiv zu machen; drittens, der islamischen Welt ein Beispiel erfolgreichen Wandels zu Wohlstand und Demokratie zu präsentieren.

Wettlauf mit den Koranschulen

Misst man den Irak-Feldzug an diesen Zielen, so hat er keines erreicht. Zum Ersten: Zwar wurde ein Großteil der Al-Qaida-Führung nach der Invasion Afghanistans getötet oder gefasst, zwar wurde dem internationalen Terror mit dem Sturz des Taliban-Regimes sein wichtigstes Refugium genommen. Aber Osama bin Laden entzog sich – wie Saddam Hussein später – dem Zugriff. Inzwischen werden mehrere Provinzen Afghanistans an der Grenze zu Pakistan wieder von den Taliban kontrolliert.

Zum Zweiten: Jede Bombenexplosion, jeder Anschlag zeigt, dass sich der islamische Fundamentalismus nicht vom Terror abwendet. Im Irak organisiert sich der Terrorismus gerade neu – aus Syrien, Iran und Saudi-Arabien sickern ausländische „Kämpfer“ ins Land.

Auch der palästinensische Terrorismus ist durch den Sturz Saddam Husseins nicht entmutigt worden. Hamas und Islamischer Dschihad schicken ihre wandelnden Sprengsätze weiter auf Israels Straßen, in seine Busse und Cafés, auch wenn es für die „Märtyrerfamilien“ keine Prämien mehr aus Bagdad gibt. Die Regierung Scharon weiß sich der Mordanschläge nur durch gezielte Tötungen – denen auch viele Unschuldige zum Opfer fallen – und durch den Bau einer unüberwindlichen Grenzmauer zu erwehren.

Zum Dritten: Die Hoffnung, ein befreiter Irak werde ein Leuchtfeuer der Demokratie für den Nahen Osten sein, hat sich bisher als trügerisch erwiesen. Die Übertragung staatlicher Souveränität, Wahlen und Regierungsbildung – das alles wird viel länger dauern, als von den Neokonservativen prophezeit. „Den US-Soldaten wird es schwer fallen, den Irak zu demokratisieren“, schreibt die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright, „solange sie gezwungen sind, hinter Schutzmauern und in Panzern zu verharren.“

Die Regierung Bush schildert die Lage bisher anders. Es gehe voran, argumentiert sie, die Kinder besuchten wieder die Schule, die Krankenhäuser arbeiteten, Straßen und Brücken würden repariert. All dies stimmt. Auch hat der Präsident früh gewarnt, der Kampf gegen den Terrorismus werde mühsam und langwierig sein. Nur die Einfältigen unter den Falken erwarteten im Irak einen „Spaziergang“.

Wie groß die Ernüchterung in Washington heute ist, zeigt ein Memorandum des Verteidigungsministers, das vorige Woche publik wurde. „Gewinnen oder verlieren wir den Kampf gegen den globalen Terrorismus?“, fragt Donald Rumsfeld darin zweifelnd. Könne Amerika im Wettlauf mit den Koranschulen und radikalen Klerikern bestehen, die „immer neue Terroristen rekrutieren, ausbilden und auf uns hetzen“? „Lässt sich unsere Situation“, sinniert der Pentagon-Chef, „mit der Formel beschreiben: Je mehr wir uns anstrengen, desto weiter geraten wir ins Hintertreffen?“

Lauter richtige Fragen. Rumsfeld hätte sie sich, und seinem Präsidenten, eher stellen sollen. Wenig ist geblieben vom Triumphalismus des „Mission Accomplished“, den George W. Bush am 1.Mai auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln zelebrierte. Seither sind mehr als 110 GIs Opfer von Anschlägen geworden. Niemand zählt die toten Iraker.

Die Stimmung in Amerika schlägt um. Der Kongress fordert eine Internationalisierung des Wiederaufbaus, allein um die gigantischen Kosten mit anderen Nationen teilen zu können. Immer deutlicher wird, dass die Regierung die Geheimdienste unter Druck gesetzt hat, damit diese die „Erkenntnisse“ lieferten, die den Angriff auf den Irak legitimieren sollten.

Bringt die Jungs nach Hause!

Die Wählerschaft ist tief gespalten. Bush sackt in den Umfragen ab. Bei den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern liegt mit Howard Dean der schärfste Kritiker des Krieges in Front. Eine Minderheit geht sogar auf die Straße, ruft, 30 Jahre nach Vietnam: Bringt die Jungs nach Hause!

Und die Medien, die sich eben noch einem patriotischen Taumel hingegeben hatten, werden in bester amerikanischer Tradition wieder zu Quälgeistern der Regierung, lassen sich nicht länger einbetten und einwickeln.

Ohne Kongress, Wähler und Medien aber wird George W. Bush seine Irak-Politik nicht lange durchhalten können. Auch nicht ohne Verbündete. Die zeigen indes wenig Neigung, Bush mit Soldaten oder mit Geld zur Seite zu treten. Dabei wäre alle Schadenfreude über den amerikanischen Schlamassel dumm. Zu Recht haben viele Europäer vor diesem Krieg gewarnt, dessen Gründe sie nicht überzeugten und an dessen Ziele sie nicht glaubten. Nur ist jetzt nicht der Moment, Recht zu behalten, sondern das Richtige zu tun.

Die finanziellen Hilfen, die Deutsche und Franzosen auf der Geberkonferenz in Madrid angeboten haben, waren beschämend gering. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Finanzierung des Krieges, sondern des Wiederaufbaus. Der Irak schuldet Deutschland vier Milliarden Euro. Ein Schuldenerlass, von dem die Bundesregierung offiziell noch nichts wissen will (den sie aber plant), würde den Neuanfang nach Saddam Hussein erleichtern. Die humanitäre Hilfe muss trotz der prekären Sicherheitslage verstärkt werden. Die Ausbildung von Polizisten und Offizieren sollte rasch angepackt werden.

Die Uhr kann nicht zurückgestellt werden. Amerika darf im Irak nicht scheitern – vor allem im Interesse der Iraker selbst. Also kann die Maxime der Europäer nur lauten: Hilfe statt Häme. Ja, es war Bushs Krieg. Doch verlieren können ihn Amerikaner und Europäer immer noch gemeinsam.

 
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