Auxologie

Größe zählt

Ostdeutsche wachsen, Amerikaner schrumpfen. Die Körperlänge verrät viel über den Zustand einer Gesellschaft

Lieber reich und gesund als arm und krank“ – der Kalauer könnte als Credo der Wirtschaftswissenschaft durchgehen: Wenn die Ökonomie eines Landes floriert, geht es auch den Menschen gut. „Wohlstand“ ist gleichbedeutend mit guten Werten beim Bruttosozialprodukt, beim Pro-Kopf-Einkommen, bei der Arbeitslosenquote. Aber vielen Menschen geht es selbst in einem prosperierenden Wirtschaftssystem gar nicht so gut. Arbeitslose, auch wenn sie wirtschaftlich abgesichert sind, leiden unter psychischen und körperlichen Beschwerden. Gut verdienende Zeitgenossen laborieren an Zivilisationskrankheiten herum – Geld allein macht eben nicht glücklich.

Um das tatsächliche Wohlergehen einer Gesellschaft zu messen, müsste der Begriff eines „biologischen Wohlstands“ her, der auch Faktoren wie die Gesundheit und die Ernährungssituation erfasst. Aber was misst man da? Die Kindersterblichkeit, die Zahl der Herzinfarkte, das Übergewicht? Alles überflüssig, meint John Komlos. Für den Wirtschaftshistoriker von der Universität München genügt ein einziger Messwert: die durchschnittliche Körpergröße. Je gesünder ein Gemeinwesen, so Komlos’ These, umso größer die darin lebenden Menschen.

An der traditionsreichen Ludwigstraße in München nimmt Komlos’ Institut eine halbe Etage in einem alten Universitätsgebäude ein. Es herrscht räumliche Enge, die Arbeitszimmer der Mitarbeiter sind gleichzeitig Ableger der wachsenden Bibliothek. Der Besucher sieht gleich, dass hier keine direkt verwertbare Wirtschaftswissenschaft betrieben wird, sondern ein exotischer Nebenzweig. Die Arbeit des 59-jährigen Amerikaners ungarischer Abstammung und seiner Mitarbeiter besteht hauptsächlich darin, nach Daten zu forschen, in denen die Körpergröße von Menschen festgehalten wurde: Musterungslisten des Militärs, aber auch die Karteien von Frauengefängnissen. Wenn man weiter in die Geschichte zurückgeht, kann man die Größe von Skeletten vermessen. Zwar sind die Daten immer lückenhaft, aber sie geben einen recht guten Überblick darüber, wie sich die Größe der Menschen entwickelt hat.

Und daraus ziehen die Wissenschaftler weitreichende Schlüsse. „Die Biologie der Menschen wird durch die Ökonomie beeinflusst“, sagt John Komlos, der im vergangenen Jahr eine neue Zeitschrift mit dem Titel Economics and Human Biology begründet hat. Nimmt man die Körpergröße als Wohlstandsindikator, so zeigt sich: In guten Zeiten wächst die Bevölkerung, in Krisenzeiten wird sie wieder kleiner.

Der Trend der letzten 150 Jahre zeigt, zumindest in Europa, eindeutig nach oben. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wuchs der deutsche Durchschnittsmann um 18 Zentimeter. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Kinder ihre Eltern überragen. Wer heute als 40-Jähriger in ein Rockkonzert geht, hat Probleme, durch die Reihen der jungen Leute hindurch einen Blick auf die Bühne zu erhaschen, auch wenn er in der eigenen Jugend stets freie Sicht hatte. Bekleidungshersteller kämpfen damit, dass die Maßstäbe für die Konfektionsgrößen veralten – die Menschen werden nicht nur größer, sondern auch dicker, bei Frauen wächst der Brustumfang.

Der Trend in die Höhe ist aber kein Naturgesetz. Die Menschen sind beileibe nicht immer nur größer geworden – eher scheint es einen „Ziehharmonika-Effekt“ zu geben. Dieser ist zum Beispiel in der so genannten kleinen Eiszeit im 16. Jahrhundert nachweisbar, als ganz Europa hungerte. Auch am Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Menschen kleiner, als die industrielle Revolution zwar zu einem explosionsartigen Wachstum der Wirtschaft führte, aber gleichzeitig viele Industriearbeiter verelenden ließ. Die von Marx und Engels beschriebene soziale Lage des Proletariats schlug sich also durchaus in messbaren Werten nieder. Der Indikator Körpergröße ist so empfindlich, dass die Münchner Wissenschaftler sogar Aussagen machen können über die Entwicklung des Wohlstands in der Nazizeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – und zeigen, dass die Mär vom wirtschaftlichen Aufschwung durch die Autarkiepolitik Hitlers nur eine Legende ist.

Aber sind die Menschen nicht einfach mal groß, mal klein, mal dick, mal dünn? Sicher, die Natur verteilt die Zentimeter ungerecht: Wenn Vater und Mutter klein sind, wird das Kind im Allgemeinen kein langer Lulatsch – und hat damit gleich weniger Chancen im Leben. Gerade hat wieder eine Studie der Universität von Florida gezeigt, dass 2,5 Zentimeter Größenunterschied eine Differenz von 700 Euro beim Gehalt ausmachen können.

Aber die genetischen Bedingungen geben nur ein gewisses „Fenster“ für die Körpergröße vor. Die tatsächliche Endgröße eines Menschen kann um bis zu 20 Prozent variieren – sie hängt von den Lebensumständen in seinen ersten beiden Lebensjahrzehnten ab. Das schließt die Zeit im Mutterleib mit ein: War die Mutter gesund? Hat sie während der Schwangerschaft geraucht? Wie ist das Kind ernährt worden? Welche Krankheiten hat es gehabt? All diese Faktoren lassen sich an der späteren Körpergröße ablesen. Sogar psychischer Stress schlägt sich im Wachstum nieder – in England hat man herausgefunden, dass Internatskinder in den Ferien besser wachsen als während des Schuljahres.

Größere Menschen haben weniger Krankheiten und eine längere Lebenserwartung als kleinere. Erst am oberen Ende der menschlichen Größenskala nehmen die Gesundheitsrisiken wieder zu – ein Anzeichen dafür, dass es wohl eine absolute Grenze des Wachstums gibt. Wo die liegt, weiß allerdings bis heute niemand. Die Auxologie, das ist die Wissenschaft vom Wachstum des Menschen, steht noch ziemlich am Anfang.

Wenn man aber nicht auf die Vielfalt der Individuen schaut, sondern den Durchschnitt aller Menschen betrachtet, dann blendet man die genetischen Anlagen weitgehend aus, weil sich der Genpool der Völker in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden kaum verändert hat. Anhand von Knochenfunden kann man sogar in Zeiten zurückblicken, in denen von Wirtschaftsstatistik noch keine Rede sein konnte: Zum Beispiel ging es unseren Vorfahren in der Steinzeit vor 16000 Jahren offensichtlich schon sehr gut – jedenfalls wurden die Männer damals 179 Zentimeter groß, ein Wert, den unsere Zivilisation erst im vergangenen Jahrhundert wieder erreicht hat. Die Gründe dafür sind noch nicht vollständig verstanden, man geht aber davon aus, dass Europa vor der Erfindung der Landwirtschaft relativ dünn besiedelt war, sodass es für die Jäger und Sammler genügend Nahrung gab. Später dagegen wurde es enger und die Ernährung schlechter. Eine ökonomische Revolution, die auf lange Sicht das Leben der Menschheit verbessert, kann also zunächst einmal zu einem Rückschlag der Lebensverhältnisse führen.

Wie detailliert sich wirtschaftliche und politische Entwicklungen durch die Untersuchung der Körpergröße nachverfolgen lassen, zeigt das Beispiel Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. In beiden Teilen des Landes ging es wirtschaftlich bergauf, und entsprechend wurden Ost- und Westdeutsche immer größer, die Ossis allerdings langsamer als die Wessis. Und auch die angeblich „klassenlose Gesellschaft“ der DDR war wohl nur ein Propagandamärchen: Zwar stimmt es, dass das Einkommen der Ostbürger stärker nivelliert war als das der Verwandten im Westen, was eine gewisse Gleichheit vorspiegelte. In der Realität aber war zum Beispiel die Versorgung mit Lebensmitteln in den Städten erheblich besser als auf dem Land. Und so waren DDR-Bürger aus ländlichen Gebieten um 2,2 Zentimeter kleiner als Stadtbewohner – ein Unterschied, den es in der Bundesrepublik so nicht gab und gibt.

Als es mit der DDR zu Ende ging, hatten sich die Menschen in Ost und West bereits um zwei Zentimeter auseinander entwickelt – der Westdeutsche konnte nicht nur im übertragenen Sinn auf den Ostdeutschen herabblicken. Erstaunlich ist, wie schnell der Osten aufholte: Schon zehn Jahre nach der Wende waren die 19-jährigen Ost- und Westrekruten praktisch gleich groß. Der Ostjahrgang 1980 hatte es also in der pubertären Wachstumsphase geschafft, Anschluss an die Brüder im Westen zu finden.

Auch international hat es im vergangenen Jahrhundert interessante Entwicklungen gegeben: Gewinner sind die Holländer – einst das kleinste Volk Europas, sind sie heute die Riesen der westlichen Welt. Der durchschnittliche männliche Niederländer ist 1,82 groß. Besonders schnell gewachsen sind die Japaner, und auch die Südeuropäer holen gegenüber dem Norden auf. Die großen Verlierer dagegen sind die US-Amerikaner: Sie überragten noch bis zum Zweiten Weltkrieg die Bewohner der Länder, aus denen ihre Vorfahren einmal ausgewandert waren, um mehrere Zentimeter. Seitdem aber stagniert ihre Körpergröße, sie wurden zum Beispiel von den Deutschen überholt (siehe Grafik auf Seite 28). Wenn man es auf eine einfache Formel bringen will: Während alle anderen in die Höhe wachsen, wachsen die Amerikaner in die Breite. Und schrumpfen sogar tendenziell: Die 30jährigen Amerikanerinnen sind heute größer als die 20-jährigen.

Und das in dem Land, das ökonomisch die uneingeschränkte Nummer eins in der Welt ist? Man mag es kaum glauben. Aber die Zahlen von Komlos sind gut abgesichert – zum Beispiel gegen den Einwand, dass Immigranten den Schnitt nach unten drückten. Es wurden nur Menschen berücksichtigt, die auch in den USA geboren wurden. Außerdem passt seine Statistik gut zu anderen Erkenntnissen: Die USA geben zwar mehr Geld für das Gesundheitswesen aus als jedes andere Land auf der Welt (nämlich 13,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts), haben aber die größte Kindersterblichkeit aller OECD-Staaten, und ihre Lebenserwartung liegt nur an 28. Stelle, sie ist um 3,2 Jahre niedriger als die der Japaner.

Den Grund für diese schlechten Werte sehen die Münchner Forscher in der sozialen Ungleichheit in den USA, die sich immer noch vergrößert. „Wirtschaftsdaten sind meist Mittelwerte“, erklärt John Komlos. Ein einziger Großverdiener kann auf dem Papier das Durchschnittseinkommen von zehn armen Schluckern verdoppeln – in der Krankheitsstatistik aber macht ein Gesunder nicht zehn Kranke wett. Und eben auch ein wohlgenährter Großer nicht zehn schlecht ernährte Kleine.

Soll nun eine Ziffer für den „biologischen Wohlstand“ an die Stelle der traditionellen Indikatoren treten? So weit wollen die Münchner Ökonomen denn doch nicht gehen. „Die anthropometrischen Indikatoren wollen das traditionelle Maß für den Lebensstandard nicht ersetzen“, sagt Komlos. „Sie sind aber eine wichtige Ergänzung.“ Natürlich sähe er es gern, wenn jährlich neben den Daten zum Wirtschaftswachstum auch eine Art „Bio-Index“ veröffentlicht würde, aber davon ist man weit entfernt. Die Forscher wären schon froh, wenn sie regelmäßig mit frischen Rohdaten versorgt würden. Wirtschaftsdaten müssen alle Firmen ans Statistische Bundesamt liefern – aber die jüngsten Messwerte der Bundeswehrrekruten, die den Münchnern vorliegen, sind bereits vier Jahre alt, der Schriftwechsel mit dem Verteidigungsministerium gestaltet sich zäh. Und differenzierte Erhebungen, mit denen man auch kleinräumige geografische Unterschiede erfassen könnte, werden oft mit dem Hinweis auf den Datenschutz verweigert.

Die Arbeit von Komlos und seinen Kollegen mag vielen Ökonomen, die mit den hergebrachten rein wirtschaftlichen Kennziffern operieren, als ein skurriles Nebengleis erscheinen. Aber die Münchner sind nicht die Einzigen, die nach zusätzlichen Wohlstandsindikatoren suchen. „Den Ökonomen wird klar, dass das Bruttosozialprodukt nicht das Ende unserer Analyse ist“, sagt John Komlos. „Die Ökonomen haben ein zunehmendes Interesse am Gesundheitszustand der Menschen“, bestätigt Gert Wagner, der beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin das Sozioökonomische Panel betreut, eine Langzeitstudie mit 22000 Befragten. Auch bei dieser Umfrage wird seit dem vergangenen Jahr die Körpergröße erhoben – allerdings vor allem, um anhand des Body-Mass-Index die Übergewichtigkeit unserer Gesellschaft zu dokumentieren. Dabei müssen die Menschen Größe und Gewicht selbst angeben, und da schummelt sicher so mancher.

Die Ergebnisse von Komlos passen gut zu den subjektiven Aussagen über die Lebenszufriedenheit, die von Soziologen wie Wagner erhoben werden. Auch da zeigt sich, dass Geld nicht alles ist. Andere Studien weisen nach, dass eine lange Arbeitslosigkeit die Zufriedenheit eines Menschen nicht nur kurzfristig verschlechtert, sondern sogar auf Dauer, selbst wenn der Mensch wieder Arbeit gefunden hat.

Wenn es die Aufgabe von Politik ist, für das größtmögliche Glück der Bürger zu sorgen, dann ist für Wagner wie auch für Komlos die Schlussfolgerung eindeutig: Die Ungleichheit in der Gesellschaft muss verringert werden. In Holland und den skandinavischen Ländern, in denen der Wohlfahrtsstaat am umfassendsten ist und die Gleichheit am größten, geht es den Menschen subjektiv und objektiv besser als in Deutschland oder gar in den USA – das sollten die bedenken, die soziale Leistungen abbauen wollen, sagt John Komlos und wird richtig kämpferisch, wenn er über den Fetisch Wachstum wettert: „Das wird überbewertet – anstatt zu sagen: Unsere Wachstumsraten sind nicht so wie in den Vereinigten Staaten, aber wir leben besser.“

Im Moment scheint die Akzeleration, also das Größenwachstum der Menschen, in den Wohlfahrtsstaaten Europas zu stagnieren. Spiegelt das die zunehmende Ungleichheit auch bei uns wider, oder ist es ein Zeichen dafür, dass wir uns einer biologischen Obergrenze nähern? Wenn Komlos und seine Kollegen Recht haben, müsste ja ein solches Limit erreicht werden, wenn die Gesundheits- und Ernährungssituation optimal ist. Von den Biologen gibt es noch keine Aussage darüber, wie groß ein Mensch theoretisch werden kann. Aber die meisten Forscher sind sich einig, dass bei einer entsprechenden Entwicklung des Wohlstands auch die Kinder unserer Kinder noch ihre Eltern überragen werden.

[Abstract]

Anzeige

Service