Antisemitismus Das Evangelium der Intoleranz
Theodor Mommsen gegen Heinrich von Treitschke: Eine große Dokumentation wirft neues Licht auf den Berliner Antisemitismusstreit
Mit der Reichsgründung 1871 war die Gleichstellung der Juden in Deutschland vollzogen. Doch wie gesichert war die Position der Juden tatsächlich? Der Widerstand, der sich in den siebziger Jahren quer durch die Gesellschaft gegen den Gleichstellungsprozess der Juden formierte, war erheblich. Den Auftakt der offen einsetzenden antijüdischen Hetze und Propaganda bildete eine Artikelserie in der der mit 375000 Abonnenten damals führenden Familienzeitschrift im deutschen Kaiserreich. Otto Glagau, ein Journalist und drittklassiger Schriftsteller, bemühte sich in dieser viel beachteten von Dezember 1874 bis Dezember 1875 erscheinenden Serie, die Juden für den „Börsen- und Gründungsschwindel“ verantwortlich zu machen.
Neben Glagau erschienen noch andere Agitatoren auf der Bühne wie zum Beispiel der Journalist Wilhelm Marr und der Hofprediger Adolf Stoecker, die der Bevölkerung in immer neuen Varianten einhämmerten, dass die Juden nichts anderes im Sinn hätten, als das deutsche Volk zu betrügen und „materiell und geistig“ auszubeuten. Die Juden, so erklärten sie, führten eine „parasitische Existenz“ und übten einen „demoralisierenden Einfluß“ auf die christlichen Völker aus.
Zwischen Selbstgefälligkeit und Sendungsbewusstsein
Zur Mobilisierung der antisemitischen Gefühle und Stimmungen in der Bevölkerung war ihnen jedes Mittel recht. Marr, ein fanatischer Judenhasser, von dem es heißt, er habe den Begriff „Antisemitismus“ geprägt, gründete 1879 die Antisemitenliga und Stoecker die Christlichsoziale Arbeiterpartei, beides Organisationen, die in den Mittelpunkt ihrer Propaganda die so genannte „Judenfrage“ stellten und für eine Einschränkung der Gleichstellung der Juden eintraten.
Salonfähig machten den Antisemitismus allerdings nicht Dunkelmänner vom Schlage Glagaus, Marrs und Stoeckers, sondern ein damals angesehener Berliner Historiker: Heinrich von Treitschke, der Vertreter der borussisch-kleindeutschen Schule der Geschichtsschreibung, trug mit seinen Aufsätzen, Broschüren und Büchern, insbesondere mit seiner viel gelesenen Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert (5 Bde., 1879–1894) zur Verbreitung antijüdischer Stereotypen bei.
Von Treitschke stammt der berühmt-berüchtigte Satz „Die Juden sind unser Unglück!“, nachzulesen in dem Aufsatz Unsere Aussichten, erschienen im November 1879 in den Preußischen Jahrbüchern. Die Juden werden darin als eine „Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge“ und „deutsch redender Orientalen“ bezeichnet. Des Weiteren ist die Rede vom „Erwachen des Volksgewissens“, von den „Jahrtausenden germanischer Gesittung“, auf die keinesfalls ein „Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur“ folgen dürfe.
Die in den Jahren 1879 bis 1881 geführte Debatte, von den Zeitgenossen „Treitschkestreit“ oder „Treitschkiade“ genannt, hatte eine hochgradig polarisierende Wirkung. Die Bezeichnung „Berliner Antisemitismusstreit“, die sich eingebürgert hat, ist erst neueren Datums und geht auf eine von Walter Boehlich 1965 vorgelegte Auswahl von Quellen zurück. Die jetzt von Karsten Krieger im Auftrag des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung vorgelegte Edition übernimmt die Bezeichnung Boehlichs und ist so angelegt, dass sie alle oder nahezu alle zwischen 1879 und 1881 in diesem Streit veröffentlichten und unveröffentlichten Texte dokumentiert.
Der Leser fragt sich, was der Auslöser für Treitschke war, seinen Aufsatz zu schreiben, dem eine Reihe weiterer Stellungnahmen folgten, die immer radikaler und bösartiger wurden. Offenbar hatte ihn die Lektüre des einige Jahre zuvor von Heinrich Graetz veröffentlichten elften Bandes der Geschichte der Juden so empört, dass er sich veranlasst sah, sich zu Wort zu melden. Graetz, dem Treitschke „einen Todhaß gerade wider die meisten und mächtigsten Vertreter germanischen Wesens von Luther bis herab auf Goethe und Fichte“ unterstellte, war das Feindbild schlechthin.
Empört wies der Angegriffene den Vorwurf Treitschkes zurück, er habe sich „christenfeindlich“ geäußert. In seiner Erwiderung in der Schlesischen Presse bezichtigte er den Berliner Historiker, Aussagen zu konstruieren, die er so nicht gemacht habe. Seine Erwiderung schloss er mit der Feststellung, nicht er sei der Fanatiker, sondern Treitschke, der offensichtlich nicht bemerke, was er mit seinen Einlassungen bewirke. Graetz irrte sich insofern, als Treitschke sich dessen sehr wohl bewusst war. Zutiefst überzeugt von dem, was er behauptete, verkörperte der Berliner Historiker eine von Selbstgefälligkeit und Sendungsbewusstsein bestimmte Einstellung, die im Universitätsbetrieb jener Jahre nicht selten war.
In dem nun einsetzenden Streit meldeten sich hauptsächlich Juden zu Wort, getaufte wie ungetaufte, so der Rabbiner Manuel Joel, der Mediävist Harry Breßlau, der Völkerpsychologe Moritz Lazarus, der Philosoph Hermann Cohen oder die Politiker Ludwig Bamberger und Heinrich Bernhard Oppenheim. Unisono betonten sie, die in Deutschland lebenden Juden fühlten sich voll und ganz als Deutsche und würden sich von den christlichen Landsleuten nur durch Verschiedenheit des Glaubens unterscheiden.
Die Treitschke-Gegner setzten sich zwar wortreich gegen die infame Hetze des Berliner Historikers zur Wehr, gaben aber andererseits zu erkennen, dass sie sich den Attacken irgendwie hilflos ausgesetzt fühlten. Berthold Auerbach, der seinerzeit sehr populäre Schriftsteller, ahnte, dass der Abwehr des Antisemitismus Grenzen gesetzt sein würden. In einem seiner vielen Briefe, gerichtet an den Freund und Vertrauten Jacob Auerbach, klagte er: „Es ist zum Verzweifeln, in den Freiesten steckt ein Hochmuth und Widerwille gegen die Juden, der nur auf die Gelegenheit wartet, um zu Tag zu kommen.“
Unter seinen Universitätskollegen stand Treitschke nicht ganz so isoliert da, wie das noch Boehlich behauptet hat. Es waren, das ist unbestritten, nur drei Professoren (Heinrich Brunner, Karl Wilhelm Nitzsch und Hermann Grimm), die sich in der Öffentlichkeit hinter Treitschke stellten, aber es dürften weit mehr gewesen sein, die mit ihm und seinen Ansichten übereinstimmten. Das lässt sich daran ablesen, dass nichtjüdische Proteste kaum zu hören waren. Für die meisten Zeitgenossen stellte sich der Streit, wie das Karsten Krieger zu Recht feststellt, „als eine Kontroverse zwischen Treitschke und den Juden dar“.
Einer der wenigen protestierenden Nichtjuden war der Althistoriker Theodor Mommsen. In einer Reihe von Briefen, Zeitungsartikeln und Flugschriften, die in der vorliegenden Dokumentation systematisch erfasst sind, legte er dar, Treitschke habe in den Preußischen Jahrbüchern nicht nur das „Evangelium der Intoleranz“ gepredigt, sondern auch der Bewegung – und damit meinte er nicht nur den Antisemitismus, sondern auch den grassierenden Antiliberalismus – den „Kappzaum der Scham“ abgenommen.
Durch seine Parteinahme wurde Mommsen über Nacht zu einem der Wortführer der fortschrittlich gesinnten bürgerlichen Kreise, die von Treitschkes Ausfällen peinlich berührt waren und mit dessen Obsessionen nichts zu tun haben wollten. Der Grund dafür, dass Mommsen diese Stellung einnehmen konnte, war insbesondere auf seine Replik Auch ein Wort über unser Judenthum zurückzuführen, in der er Treitschke vorwarf, der „rechte Prophet“ eines um sich greifenden Massenwahns zu sein, Unfrieden zu schüren und einen „Bürgerkrieg“ schlimmster Sorte in der Gesellschaft zu entfesseln.
Auch Liberale verlangten die Anpassung der Juden
Sieht man sich allerdings Mommsens Einlassungen etwas genauer an, so stellt man fest, dass es ihm nicht so sehr um die Juden und deren Probleme, sondern in erster Linie um die Verteidigung allgemeiner bürgerlich-liberaler Positionen ging, die er durch Treitschkes antisemitische Agitation bedroht sah. Später schüttelte er nur noch den Kopf und spöttelte über seinen Kollegen, von dem er meinte, er verkörpere den „Ausdruck der sittlichen Verrohung“ und stelle „unsere Civilisation in Frage“.
In der Beurteilung der „Judenfrage“ war Mommsen von Treitschke gar nicht einmal so weit entfernt. Was ihm an diesem nicht passte und worüber er sich bei zahlreichen Gelegenheiten echauffierte, war dessen Stil, die Art seines öffentlichen Auftretens. In einem Schreiben an den Kunst- und Literarhistoriker Hermann Grimm grenzte er sich deutlich von Treitschke und dessen Stellungnahmen ab. Es komme nicht darauf an, erklärte er, „was man sagt, sondern wie man es sagt“.
Mommsen war zweifellos kein Judenfeind, aber auch nicht das, was man einen Judenfreund nennen könnte. Die Distanziertheit mancher seiner Äußerungen spricht für sich. Die Juden, so meinte er zum Beispiel, seien ein „Element der Dekomposition“, problematisch für jeden Staat, insbesondere für den deutschen. Den Juden könnten, so erklärte er weiter, nur dann Freiheit und Gleichberechtigung gewährt werden, wenn sie sich der staatlichen Ordnung unterstellten. Sie hätten, und darin stimmte er weitgehend mit Treitschke überein, ihre „Sonderart“ aufzugeben und sich der deutschen Umgebungsgesellschaft anzupassen, am besten dadurch, dass sie die Taufe nehmen und zum Christentum übertreten.
Im Berliner Antisemitismusstreit spiegelten sich die Ängste und Unsicherheit einer Gesellschaft, die davon überzeugt war, dass durch Hinwendung zur Vergangenheit (frei nach dem Motto „Der Deutschen Geschichte ist der Deutschen Charakter“) die Ursprünge deutschen Wesens wiederbelebt und neu entdeckt werden könnten. Zugleich deutet sich hier bereits eine Entwicklung an, die wir heute zu Recht mitverantwortlich machen für die Ausbreitung und Radikalisierung des Antisemitismus, den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus und letztlich auch für Auschwitz und den Massenmord an den Juden.
1879–1881 Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. Im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung bearbeitet von Karsten Krieger; 2 Teile; K. G. Saur Verlag, München 2003; 903 S., 258,– ¤Der "Berliner Antisemitismusstreit"Sachbuch1879–1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. ImAuftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung; 2 TeileBearbeitet von Karsten KriegerBuchK. G. Saur Verlag2003München258903- Datum 30.10.2003 - 13:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.10.2003 Nr.45
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