Antisemitismus Das Evangelium der IntoleranzSeite 3/3
Sieht man sich allerdings Mommsens Einlassungen etwas genauer an, so stellt man fest, dass es ihm nicht so sehr um die Juden und deren Probleme, sondern in erster Linie um die Verteidigung allgemeiner bürgerlich-liberaler Positionen ging, die er durch Treitschkes antisemitische Agitation bedroht sah. Später schüttelte er nur noch den Kopf und spöttelte über seinen Kollegen, von dem er meinte, er verkörpere den „Ausdruck der sittlichen Verrohung“ und stelle „unsere Civilisation in Frage“.
In der Beurteilung der „Judenfrage“ war Mommsen von Treitschke gar nicht einmal so weit entfernt. Was ihm an diesem nicht passte und worüber er sich bei zahlreichen Gelegenheiten echauffierte, war dessen Stil, die Art seines öffentlichen Auftretens. In einem Schreiben an den Kunst- und Literarhistoriker Hermann Grimm grenzte er sich deutlich von Treitschke und dessen Stellungnahmen ab. Es komme nicht darauf an, erklärte er, „was man sagt, sondern wie man es sagt“.
Mommsen war zweifellos kein Judenfeind, aber auch nicht das, was man einen Judenfreund nennen könnte. Die Distanziertheit mancher seiner Äußerungen spricht für sich. Die Juden, so meinte er zum Beispiel, seien ein „Element der Dekomposition“, problematisch für jeden Staat, insbesondere für den deutschen. Den Juden könnten, so erklärte er weiter, nur dann Freiheit und Gleichberechtigung gewährt werden, wenn sie sich der staatlichen Ordnung unterstellten. Sie hätten, und darin stimmte er weitgehend mit Treitschke überein, ihre „Sonderart“ aufzugeben und sich der deutschen Umgebungsgesellschaft anzupassen, am besten dadurch, dass sie die Taufe nehmen und zum Christentum übertreten.
Im Berliner Antisemitismusstreit spiegelten sich die Ängste und Unsicherheit einer Gesellschaft, die davon überzeugt war, dass durch Hinwendung zur Vergangenheit (frei nach dem Motto „Der Deutschen Geschichte ist der Deutschen Charakter“) die Ursprünge deutschen Wesens wiederbelebt und neu entdeckt werden könnten. Zugleich deutet sich hier bereits eine Entwicklung an, die wir heute zu Recht mitverantwortlich machen für die Ausbreitung und Radikalisierung des Antisemitismus, den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus und letztlich auch für Auschwitz und den Massenmord an den Juden.
1879–1881 Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. Im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung bearbeitet von Karsten Krieger; 2 Teile; K. G. Saur Verlag, München 2003; 903 S., 258,– ¤Der "Berliner Antisemitismusstreit"Sachbuch1879–1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Kommentierte Quellenedition. ImAuftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung; 2 TeileBearbeitet von Karsten KriegerBuchK. G. Saur Verlag2003München258903- Datum 30.10.2003 - 13:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.10.2003 Nr.45
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