Die Geschichte der Rosenstraße ist ebenso komplex wie die des 20. Juli. Dessen Geschichte würden die Fachleute wohl kaum auf der Grundlage von ein oder zwei Nazidokumenten erzählen wollen, einmal abgesehen davon, dass diese Dokumente für ihre Täuschungen berüchtigt sind. Hitler mochte bürokratische Dokumente genauso wenig wie die Bürokraten selbst. Er zog es vor, mündlich Befehle zu erteilen, seinem Instinkt zu folgen und entschieden vorzugehen, wann immer der Augenblick das zuließ. Er nannte es dann eine vollendete Tatsache, die Untergebenen anzulasten war, wenn Protest laut wurde. Auch Deportationsanweisungen pflegten der Täuschung zu dienen. So wurde etwa Juden befohlen, Nähmaschinen in die "Arbeitslager" im Osten mitzunehmen. Wenn es keinen Protest hervorrief, wurden die Anweisungen ignoriert; zum Beispiel wenn die örtliche Gestapo da oder dort in die allgemeine Deportation auch den einzigen in Mischehe lebenden Juden der Stadt einschloss. Obgleich die ersten Anweisungen für den Transport nach Auschwitz vom 20. Februar 1943 datieren, hatte Eichmanns Amt schon seit Mitte Juli 1942 Tausende deutscher Juden dorthin bringen lassen. Darunter waren auch sechs oder sieben Transporte aus Berlin.

Die Berliner Gestapo war zudem, verglichen mit anderen Städten, ein Spezialfall. Gerade in Berlin, dem Sitz der Macht, gab es viele Gründe für Diskrepanzen zwischen den Anordnungen auf dem Papier und der Praxis. Dazu gehörte die ständige Einmischung des Reichssicherheitshauptamts in die Angelegenheiten der Gestapo. In einem Aufsatz (für Geschichte und Gesellschaf t, Herbst 2000), den Wolfgang Benz verschweigt, obwohl ich darin lange vor seiner Filmkritik auf die Erwähnung neuer Dokumente durch ihn und Gruner reagierte, habe ich gesagt, dass die in Mischehe lebenden Juden selbst dann, wenn die Gestapo sie irrtümlich verhaftet hätte, vom Reichssicherheitshauptamt – in diesem Stadium seiner Radikalisierung und zu einer Zeit, wo der Säuberungsprozess auch den allerletzten Juden im alten Reichsgebiet erfasste – aus der Rosenstraße in den Osten geschickt worden wären, falls es keinen Protest gegeben hätte. "Die Willkür der Gestapo und ihre Stellung jenseits des Gesetzes hatten zu dieser Zeit ein solches Ausmaß erreicht, dass die Annahme naiv ist, irgendeine gesetzliche Regelung hätte sie von der Verfolgung ihrer ‚historischen Mission‘ abhalten können. … Die Tatsache, dass in ‚Mischehen‘ lebende Juden … in den eroberten Ostgebieten im krassen Gegensatz zum Reichsgebiet aufgegriffen und ermordet wurden, zeigt deutlich, dass ihre Verschonung in Deutschland das Ergebnis der allgemeinen Stimmungslage der Bevölkerung und komplizierter politischer Überlegungen war."

Die Historikerin Beate Meyer hat einmal, ähnlich wie Benz argumentierend, geschrieben, dass die Frauen der Rosenstraße eine offene Tür einrannten – eine Feststellung, die es offenbar mehr darauf anlegt, Geringschätzung auszudrücken als Verständnis. Es überrascht nicht, dass Ereignisse von Historikern unterschiedlich interpretiert werden. Es ist sogar wertvoll, solange jede Interpretation dem Versuch entspringt, Geschichte zu verstehen und sich in die Akteure zu versetzen. Die Interpretation von Benz und anderen ist jedoch ein Affront für die Frauen, die in der Rosenstraße protestierten; zumindest für die, mit denen ich sprechen konnte. Wenn es Benz wirklich darum gegangen wäre, sie zu verstehen, hätte er, lange bevor ich es tat, Überlebende befragen können – NS-Täter ebenso wie Opfer, von denen ich Mitte der achtziger Jahre ein Dutzend fand, die später die Hauptquelle für Bücher und Dokumentationen über die Rosenstraße bildeten.

Nehmen wir einmal an, die Protestierenden rannten eine offene Tür ein. Wer öffnete dann die Tür und warum? Und wie viele andere Deutsche waren bereit, öffentlich gegen den Strom zu schwimmen, oder sich gar, mitten in dem Unternehmen, den allerletzten Juden aus dem Reich zu beseitigen, in der Hoch-Zeit des Genozids also, öffentlich mit Juden zu verbünden? Wie viele drückten überhaupt öffentlich ihre Meinung gegenüber irgendeiner Politik aus, anstatt sich anzupassen?

Die Widersetzlichkeit der Frauen in der Rosenstraße durchbrach einen Mechanismus, der für die Nazimacht wesentlich war. Deutsche Beamte, die von der Endlösung wussten und damit einverstanden waren, nicht darüber zu sprechen, hießen in der Sprache der Nazis "Geheimnisträger". Ein elementarer Aspekt der Kollaboration bestand darin, sich im Wissen freiwillig zu verbünden, die Wahrheit aber zu verheimlichen. Die mit Juden verheirateten Frauen, die sich weigerten, wegzuschauen, es ablehnten, sich scheiden zu lassen, und in der Rosenstraße ihr Leben riskierten, drohten nicht so sehr andere in den offenen Dissens zu führen (denn das war selbst für die, die in der "inneren Emigration" lebten, ein allzu großer Schritt), als vielmehr die Augen anderer für unbequeme Wahrheiten zu öffnen.

Dieses Ereignis, in dem gewöhnliche Leute auf die Bühne der Geschichte treten, ist wesentlich für ein Gesamtbild von Gesellschaft und Diktatur des "Dritten Reichs". In der hierarchischen, autoritären Auffassung des Staates, wie sie sich auch in dem Widerstandsbegiff der frühen Nachkriegszeit niederschlug, ist die Rosenstraße als Ereignis ausgeschlossen. In der Rosenstraße stehen Frauen im Mittelpunkt. Ihre Würdigung bedeutet auch, die wenigen gewöhnlichen Deutschen zu würdigen, die ihr Leben riskierten, um dem Regime zu trotzen. Sie ist zugleich ein Schritt dahin, den Menschen und ihren Institutionen die Verantwortung für den Widerstand zurückzugeben, relativ zu dem Maß, in dem die Menschen Verantwortung für Hitlers Machtergreifung und seine Massenvernichtung trugen.

Das Gewicht, das die Mischehen für das Regime hatten, verweist nicht nur darauf, dass es von der Unterstützung durch die Masse der Deutschen abhing. Es zeigt auch, dass individuelle oder kollektive Gehorsamsverweigerung die Verbrechen möglicherweise eingedämmt hätte. Die Geschichte der Rosenstraße ist die Brücke, die eine neue Perspektive von unten mit der individuellen Verantwortung für den Widerstand im nationalsozialistischen Deutschland verbindet.