die zeit: Herr Kitano, können Sie sich vorstellen, sich für jemanden zu opfern?

Takeshi Kitano: Nein, dazu bin ich zu egoistisch und zu selbstbezogen.

zeit: In Ihrem neuen Film ist Aufopferung das Leitmotiv.

Kitano: Ich habe mir durchaus die Frage gestellt, ob ich dazu in der Lage wäre. Die meisten Menschen würden sich wohl für ihre Kinder opfern. Aber meine Kinder interessieren mich, ehrlich gesagt, nicht sonderlich (lacht).

zeit: Dolls handelt von den Tragödien dreier Paare. Warum führt die Liebe in allen drei Episoden zur Selbstaufgabe?

Kitano: Die Selbstopferung ist ein uralter Bestandteil der japanischen Kultur. In den Werken des japanischen Renaissance-Dramatikers Monzaemon Chikamatsu ist sie sogar zentrales Motiv. Ich wollte die Dramen dieses Dichters in eine moderne Umgebung versetzen. Also wählte ich für Dolls Figuren, die für die japanische Gesellschaft der Gegenwart typisch sind: eine Popsängerin, einen Yakuza und einen Geschäftsmann. Man glaubt sich mit diesen Figuren vertraut, wird aber in absolut melodramatische Überhöhungen geführt. Es entsteht ein Spagat zwischen der modernen, hyperkapitalistischen japanischen Gesellschaft und Chikamatsus ganz und gar archetypischen Vorstellungen von Liebe, Selbstmord und Aufopferung.

zeit: Die zentrale Episode Ihres Films handelt von einem jungen Mann, der seine Geliebte aus Karrieregründen verlässt. Als sie nach einem Selbstmordversuch den Verstand verliert, kehrt er zu ihr zurück. Verbunden durch ein rotes Band, laufen die beiden nun durch Jahreszeiten und Landschaften. Was ist das für eine seltsame Verbindung von Kapitalismuskritik und Romantik?