Das Thema "Vorbilder" rennt. Und das nicht nur in der TV-Show Unsere Besten, die zurzeit einen Kessel Buntes über uns ausschüttet. Es gibt nicht nur einen Medien-Hype für Stars & Idole, es gibt auch ein zunehmendes Bedürfnis bei den Menschen, vor allem bei den jungen, nach Vorbildern. In Amerika ist das role model längst ein gängiger Begriff im Zusammenhang mit benachteiligten Gruppen, wie Schwarze oder Frauen. Hierzulande kommt dieses Interesse gerade erst auf, vor allem bei den unter 30-Jährigen und den Frauen.

"So sehen Sieger aus!", jubelte die Menge vor dem Frankfurter Römer den vom Balkon winkenden Weltmeisterinnen zu. Präziser: So sehen Siegerinnen aus. Und genau das ist der Kick bei Kickerinnen: Dass sie Frauen sind, aber stark in einer Männerdomäne. Das macht die Nationalelf zu ermutigenden Vorbildern, zu role models. Seit die deutschen Fußballerinnen 1997 Europameisterinnen wurden, hat sich die Anzahl der in Fußballvereinen spielenden Mädchen fast verdoppelt: auf 214997. Nach den starken Auftritten der Weltmeisterinnen können wir davon ausgehen, dass die Anzahl rasant nach oben schnellen wird. Denn Sieg, und dazu noch ein so spielerischer und fröhlicher, hat Appeal.

Menschen brauchen Vorbilder. Vor allem, wenn sie jung und in der Orientierungsphase sind. Denn sie werden nicht von abstrakten Erkenntnissen und hehren Zielen ermutigt, sondern vom Stoff des Lebens: von Menschen, die ihnen vorleben, was möglich ist und was nicht. Doch "der" Mensch ist traditionell ein Mann. Die Frau kommt nicht vor, sie steht daneben.

Identifiziert eine Frau sich dennoch mit Männern, wird sie im allerbesten Falle ein halber Mann werden können. Sie wird, auch wenn sie noch so tüchtig und anpassungsbereit ist, nur Gast sein in den Männerbünden – und sich als Frau verleugnen müssen. Will eine Frau wirklich ihren Weg gehen, kann sie sich zwar auch von Männern ermutigen lassen, ja braucht in der Regel ihren Segen – wie im klassischen Fall der "Vatertochter", des mit dem Vater identifizierten Mädchens –, aber muss sich letztendlich an Frauen orientieren können. Denn steht sie nicht in der Tradition ihres eigenen Geschlechts, bleibt sie ein Strohhalm im Wind und ist leicht wieder wegzupusten.

Männer haben Vorbilder und Idole. Sie können wählen aus mehreren Jahrtausenden Geschichte: von Sokrates, Marx, Goethe, Einstein oder Picasso über Gandhi und Brandt bis zu einem Richard Gere oder Arnold Schwarzenegger. Für Frauen jedoch gibt es ein regelrechtes Verbot, sich als Vorbild zu begreifen oder gar darzustellen. Denn das hieße ja, dass eine Frau sich selbst ernst nimmt. Das hieße, dass sie der Auffassung ist, sie habe Beispielhaftes geleistet. Das hieße, dass sie glaubt, sie sei prägend für den Lauf der Dinge und für das nach ihr Kommende. Kurzum, es hieße, dass sie sich erkühnt, aus der ersten Reihe vorzutreten – statt sich in der zweiten zu verstecken.

Das zu wagen, daran werden Frauen nicht nur von Männern gehindert, sie hindern sich auch selbst. Denn ihre Selbstverachtung impliziert immer auch Verachtung des eigenen Geschlechts. Aber eine, die sich nicht selbst verachtet, die stark ist und auch noch zu Recht stolz, die ist, ob sie will oder nicht, automatisch eine Herausforderung für alle Frauen: Seht her, es geht auch anders…

Traditionell ist es Frauen heute nur in einer Rolle gestattet, Vorbild zu sein: in der Rolle der Mutter. Und in der Tat sind die eigenen Mütter für zwei von drei Frauen das Vorbild Nummer eins, bei den vorbildhungrigen 14- bis 17-Jährigen sogar für drei von vier Töchtern (so ergab es im Jahr 2000 die repräsentative Umfrage einer Frauenzeitschrift). Aber noch nicht einmal dieser Trost wird den Frauen gegönnt. Wir begegnen in der Kultur zwar zuhauf Darstellungen des – in der Tat auch existierenden – Mütter-Töchter-Horrors in allen Varianten, doch wir erfahren kaum etwas über die positive Vorbild-Funktion so vieler Mütter für ihre Töchter.

Männer brüsten sich mit Macht – Frauen entschuldigen sich dafür