kommentar Ein Angebot, das man nur abschlagen kann
Warum die Amerikaner die türkische Offerte nicht annehmen, mit Friedenstruppen im Irak auszuhelfen
Kirkuk/Ankara
Sie sind müde, die amerikanischen Truppen im Irak. Hundemüde. Die Kontrolle an einem Checkpoint zwischen Kirkuk und Bagdad spricht Bände. Den durchreisenden Autofahrer verwirren gleich drei US-Soldaten gleichzeitig. Einer ruft: Links halten!, der zweite winkt durch: Weiterfahren!, der Dritte schreit: Rechts ran, hab ich gesagt! Die Kontrolle selbst verrät nervöse, aber nicht erfahrene Routine. Ein 20-jähriger Soldat aus Wisconsin kontrolliert die Ausweise, er hat noch nie einen europäischen Pass gesehen, den irakischen kann er nicht lesen. Unruhig hält er sein Gewehr in der Hand, sein Gesicht sagt: Nur nicht als zweiter schießen. Schuld an dieser Lager ist der Soldat nicht. Für Passkontrollen ist er nie ausgebildet worden, auch nicht für Personenüberprüfungen. Er hat seine Eltern, seine Geschwister, seine Freundin in Wisconsin seit Dezember nicht gesehen. In den Irak ist er zum Kämpfen gekommen und nicht, um Polizist zu spielen.
Wie ihm geht es den meisten der 130 000 amerikanischen Soldaten im Irak. Vor dem kommenden Weihnachtsfest wäre für sie nichts ein größeres Geschenk als die Ablösung. Doch die ist nicht in Sicht. Die ständig wiederholten Aufforderungen der Amerikaner an europäische und asiatische Staaten, Truppen zu entsenden, verhallen ungehört. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: den Türken. Das Parlament in Ankara ermächtigte am 7. Oktober die Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan, Truppen in den Irak zu entsenden, sobald die Verhandlungen mit den Amerikanern darüber zum Erfolg führen. Die Stationierung schien so gut wie sicher. Drei Wochen später jedoch, am 29. Oktober, erklärt Premier Erdogan, dass keine Übereinkunft erreicht werden konnte und fügt hinzu: Wir haben keinen dringenden Wunsch, unsere Truppe in den Irak zu schicken.
Wie konnte das dringend benötigte Angebot der Türkei versickern? Warum sind die Amerikaner darauf nicht eingegangen? Wer ist der Gewinner des dreiwöchigen Streits um die Türken im Irak, wer sind die Verlierer? Um diese Fragen zu klären, muss man die verschlungene Interessenlage der beteiligten Spieler kennen: der türkischen Regierung, des türkischen Militärs, der amerikanischen Regierung, der irakischen Parteien.
Für Premier Erdogan war der Parlamentsbeschluss vom 7. Oktober eine persönliche Machtdemonstration. Bis dahin hatte an ihm die Niederlage vom 1. März genagt. Damals machte er sich als Parteivorsitzender der AKP, die über zwei Drittel der Sitze im Parlament verfügt, für eine amerikanische Truppenstationierung in der Türkei stark. Das sollte die zweite Front im Krieg gegen Saddam Hussein werden. Doch Erdogan bekam nicht die nötige Mehrheit zustande. Die Folge war: keine US-Front im Nordirak, eine monatelange Eiszeit in den türkisch-amerikanischen Beziehungen, die Streichung von versprochenen US-Krediten und der Makel, dass Erdogan seine Parlamentarier nicht im Griff hatte. Honig saugen konnte er allein aus der Tatsache, dass die türkische Demokratie gestärkt wurde. Zum ersten Mal verwarf das demokratisch gewählte Parlament einen von Amerikanern und türkischem Militär entworfenen Aufmarschplan. Um so wichtiger war nun, dass Erdogan auf demokratischem und nicht auf parteidiktatorischem Wege zeigte, dass die Türkei bereit ist, den Amerikanern zu helfen. Die Opposition mäkelte, wie es sich gehört. Der Außenpolitik-Chef der CHP, Inal Batu, sagte der ZEIT: Ohne eine US-Resolution sollten die türkischen Truppen nicht gehen. Wir sind ein Ziel für Terroristen. Doch derlei Warnungen waren eher demokratische Hintergrundmusik für einen souveränen Beschluss der parlamentarischen Mehrheit für den Einsatz.
Das türkische Militär ist bestens vorbereitet. Seit dem Sommer trainieren die Truppen für eine mögliche Friedensmission im Irak, sagt Generalmajor a.D. Armagan Kuloglu vom Zentrum für strategische eurasische Studien in Ankara. Wozu die vorauseilenden Leibesübungen? Der Irak darf keine Bedrohung für die Türkei werden, sei es durch Zerfall oder innere Auseinandersetzungen, sagt Kuloglu. Zugleich wäre türkische Hilfe für die Amerikaner ein Anlass für die USA, im Gegenzug die Türken zu unterstützen. Die Amerikaner sollten die PKK-Terroristen im Nordirak bekämpfen, weil die eine Bedrohung für den Nato-Alliierten Türkei sind, sagt Kuloglu. Welche Truppen könnten die Türken entsenden? Die 1. taktische Division aus Mamak bei Ankara und die 28. mechanisierte Infanterie-Brigade, sagt Kuloglu. Das sind Friedenstruppen, die ihre Erfahrungen in Bosnien, Kosovo und Afghanistan gesammelt haben. Doch am Mittwoch dieser Woche bremst Generalstabschef Hilimi Özkök auf einem Empfang zum 80. Jahrestag der türkischen Republik den Enthusiasmus: Wenn ich die Bemerkungen aus den USA richtig lese, scheint es, dass die Amerikaner unseren Einsatz nicht wirklich wollen.
Die US-Regierung würde sich nichts mehr wünschen als eine Ablösung der 101. US-Luftlandedivision durch Truppen der muslimischen (!) Türkei. Vor allem der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz machte sich stark für die Stationierung von Soldaten des Nato-Allierten. Der größte Widerstand kam von Amerikanern in Bagdad: L. Paul Bremer, der Chef der Coalition Provisional Authority, verstieg sich sogar zu der Äußerung, der Irak sei einst eine Kolonie der Türken gewesen. Das war unklug. Zunächst einmal legte er damit bloß, nie ins Geschichtsbuch geschaut zu haben. Da hätte er gelesen, dass der Irak, eine Schöpfung britischer Kolonialherren, im Osmanischen Reich nicht existierte. Die Provinzen Mosul, Bagdad und Basra gehörten einem multiethnischen, polyreligiösen Großstaat unter türkischer Führung an, das mit Kolonialreichen westlicher Prägung wenig gemein hatte. Bremer vergrätzte mit dem Vergleich unnötig die Türken, die zunächst einmal nur Hilfe angeboten hatten. Doch ist Bremer mehr als jeder Minister in Washington in der Zwickmühle. Er muss als Chef der CPA den Puffer abgeben, wenn amerikanische Bedürfnisse und irakische Gefühle aufeinanderprallen.
Im Irak stößt das türkische Angebot auf wallende Ablehnung. An vorderster Front haben die Kurden lauthals gegen jegliche türkische Truppenpräsenz protestiert. Der Chef der Kurdischen Demokratischen Partei, Massud Barzani, drohte sogar mit seinem Rückzug aus dem irakischen Regierungsrat in Bagdad. Das würde das komplizierte Vielvölker-Verwaltungsmobile amerikanischen Zuschnitts im Irak zum Einsturz bringen. Nach kurzer Zeit sind nun auch die arabischen Schiiten und schließlich auch die arabischen Sunniten vom grassierenden Zorn auf die Türken erfasst worden. Nachbarländer sollten sich im Irak nicht einmischen, lautet das Standardargument aller irakischen Volksgruppen. Dagegen kann die amerikanische Regierung schlecht argumentieren so sehr sie die Truppen auch braucht.
- Datum 17.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT
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