Das Kyoto-Protokoll ist so gut wie tot. Nicht nur die Regierung der Vereinigten Staaten hält von dem Klimaschutzvertrag nichts. Weil sich auch Russland beharrlich ziert, die vor sechs Jahren mühevoll zustande gebrachte Vereinbarung zu ratifizieren, fehlt ihr bis heute die völkerrechtliche Verbindlichkeit. Für die deutsche Klimaschutzpolitik kann das Stillstand bedeuten. Es ist an der Zeit, diesen worst case nicht länger zu tabuisieren.

Niemand kommt heute um die Erkenntnis herum, dass sämtliche Bemühungen - selbst die deutliche Verwässerung der ursprünglich in Kyoto vereinbarten Regeln - die Zögerlichsten unter den Klimasündern nicht hat ins Boot locken können. Die amerikanische Regierung denkt nicht einmal an die Ratifizierung des Vertrages, und wenn sich die Russen dauerhaft verweigern, bleibt das Kyoto-Protokoll laut der ihm eigenen Arithmetik ein Dokument des Bemühens. Der Vertrag wäre dann alles andere als ein "Meilenstein in der Geschichte des Umweltschutzes". So rühmte ihn Angela Merkel, die im Dezember 1997 deutsche Umweltministerin war.

Mittlerweile macht sich die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, ein regierungsnaher Think Tank, Gedanken über das "unrühmliche Ende" des Kyoto-Protokolls. Damit es überhaupt noch in Kraft tritt, muss der Vertrag nach einem komplizierten Reglement von so vielen der 35 namentlich aufgelisteten Industrieländern ratifiziert werden, dass auf sie mindestens 55 Prozent der Kohlendioxidemissionen dieser Ländergruppe entfallen. Bisher ist eine Quote von 44,2 Prozent erreicht. Russland würde 17,4 Prozent beisteuern - und könnte so das Protokoll zum Leben erwecken.

Bisher hat Putin die internationale Gemeinde der Klimaschützer allerdings hingehalten. Erst hatte sie darauf gehofft, der russische Präsident nähme den Johannesburger Nachhaltigkeitsgipfel im vergangenen Jahr zum Anlass, die frohe Botschaft zu verkünden. Dann setzte sie auf die wissenschaftliche Weltklimakonferenz, die kürzlich in Moskau stattfand. Das nächste Datum ist das alljährliche Konklave, zu dem sich die Klimadiplomaten Anfang Dezember in Mailand treffen werden.

Langsam wird selbst den notorischsten Umweltoptimisten klar, dass sich bis zu den russischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr in Sachen Klimaschutz nichts tun wird.

Dabei hätte die Regierung Putin eigentlich einen Anreiz, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Mit seinen Instrumenten ließe sich nämlich die marode Energiewirtschaft des Landes sanieren. Weil der nötige Investitionsaufwand vergleichsweise gering ist und westliche Investoren die eingesparten Emissionen gutgeschrieben bekämen, profitierten vom Klimaschutzvertrag beide: Russland und die Investoren.

Dass die russische Politik bisher trotzdem reserviert blieb, deutet allerdings auf einen anderen Anreiz hin. Wegen des Zusammenbruchs seiner Wirtschaft nach dem Ende des Kommunismus liegen die russischen Treibhausgasemissionen derzeit noch weit unter dem in Kyoto vereinbarten Ziel (siehe Tabelle). Sollten aber die überaus ehrgeizigen Wachstumspläne Wirklichkeit werden, könnte das Land in absehbarer Zeit an eine durch den Klimaschutz gesetzte Grenze stoßen - während es sich in Konkurrenz zu Nationen sieht, die sich, wie die USA, dem internationalen Klimaschutzregime entziehen oder, wie China, nicht mit Auflagen zur Emissionsbegrenzung konfrontiert sind. Andere Gründe für die Reserviertheit Russlands, einschließlich möglicher Erdöl-Interessen in dem von den Vereinigten Staaten besetzten Irak, sind damit nicht ausgeschlossen.