Drei Stunden lang Schlaglöcher und die Hügel eines Nationalparks trennen das Bergdorf Bakuriani von der Hauptstadt Tbilissi. Vor der örtlichen Filiale der Bank of Georgia posieren Militärs unter der heißen Oktobersonne. Das Gewehr im Anschlag. Drinnen: ein kahler Raum, drei Tische, ein Banner der US-amerikanischen Western Union Bank, eine gepanzerte Schalterzelle samt Stromgenerator für Safe und Überwachungskamera – und Suran Barbarian. Der Bauer hat soeben seine Existenzgrundlage getauscht: 2800 Quadratmeter karges Bergland gegen 5700 Lari, rund 2700 US-Dollar. Das entspricht rund 33 Jahreseinkommen in der Region.

Der Bauer erhält das viele Geld aus dem Budget des internationalen BTC-Konsortiums. Europäische und amerikanische Konzerne bauen unter Führung des britischen Ölmultis BP eine 1760 Kilometer lange Pipeline vom Kaspischen Meer nahe der aserbajdschanischen Hauptstadt Baku über das georgische Tbilissi an die türkische Mittelmeerküste bei Ceyhan. Einige Meter Rohrleitung wollen sie auch im Land des Bauern Barbarian vergraben. „Es hätte ein bisschen mehr Geld sein können, aber ich hatte keine Alternative“, erklärt der armenischstämmige Georgier, versteckt das Bündel Geldscheine in seiner Kleidung und verschwindet. Obwohl es auf dem Heimweg durch die Berge von kaukasischen Banditen wimmelt, will Barbarian von einem Bankkonto nichts wissen.

Die Aussicht auf 140 Milliarden Fass Öl ist unwiderstehlich

Für insgesamt sieben Millionen US-Dollar geben 3000 Georgier ihr Land frei zum Bau der Ölleitung. Durch die Rohre sollen vom Jahr 2005 an täglich eine Million Fass (à 159 Liter) ans Mittelmeer gepumpt und von dort per Schiff in die Industriestaaten des Westens transportiert werden. Das Vorhaben, Kostenpunkt drei Milliarden Dollar, ist das derzeit technisch und politisch spektakulärste Pipeline-Projekt der Welt. 2800 Meter hohe Berggipfel sind zu bezwingen, obendrein führt die Trasse durch eine Region, in der 1988 ein Erdbeben 50000 Menschen in den Tod riss. Zahlreiche Pumpstationen, potenzielle Ziele von Anschlägen, brauchen Schutz – in einer Region, der die Antkorruptionsorganisation Transparency International eine Klüngelwirtschaft par excellence bescheinigt. Weltweit seien lediglich sieben Länder noch korrupter als Aserbajdschan, wo internationale Beobachter jüngst die Präsidentenwahl von Ilcham Alijew als „weit entfernt von demokratischen Standards“ bewerteten.

Den Investoren erscheint das Projekt dennoch lukrativ. Insgesamt 20 Milliarden US-Dollar fließen in die Öl- und Gasprojekte am Kaspischen Meer, erklärt der Brite David Woodward in den gediegenen Räumen der BP-Niederlassung Baku. Der Aussicht auf knapp 30 Milliarden nachgewiesene und bis zu 110 Milliarden Fass vermutete Ölvorräte sowie 7 bis 9 Billionen Kubikmeter Erdgasreserven kann niemand widerstehen.

Die auf 20 Jahre angelegte Investition, meint der BP-Projektchef, stabilisiere den demokratischen Aufbau in den Anrainerstaaten. Vor allem aber diversifiziert sie die Bezugsquellen für den wichtigsten Schmierstoff der Weltwirtschaft. Die westliche Welt wird unabhängiger vom Tropf der weltgrößten Ölexporteure Saudi-Arabien und Russland. US-Präsident George W. Bush pocht deshalb ebenso wie sein Vorgänger Bill Clinton auf den Bau „wirtschaftlich sinnvoller Exportrouten wie der BTC-Pipeline“.

Die Route über das türkische Ceyhan bietet einen weiteren Vorteil. „Wir können unser Öl schneller auf den Markt bringen“, erklärt Woodward, „weil sich unsere Tanker nicht wie die der Konkurrenz durch den Engpass am Bosporus quälen müssen.“ Vor allem aber erlaubt die BTC-Pipeline den Abtransport der Öl- und Gasvorräte auf den internationalen Markt ohne Nutzung der russischen Infrastruktur. Mit den jährlichen Staatseinnahmen, die sich von 150 Millionen US-Dollar bei Betriebsstart auf fünf Milliarden im Jahr 2012 steigern sollen, will das Förderland Aserbajdschan seine Wirtschaft ankurbeln.

Jährlich 63 Millionen US-Dollar Transportgebühr verspricht das BTC-Konsortium wiederum der georgischen Regierung. Die Wirtschaft des bettelarmen Landes, das von russischen Truppen in der abtrünnigen Teilrepublik Abchasien besetzt und in die Konflikte um Tschetschenien verwickelt ist, liegt am Boden. Siebzig Prozent der Arbeitsfähigen sind arbeitslos, die Wasserversorgung ist zusammengebrochen, die Menschen zersägen hölzerne Strommasten, um ihre mit Blech vernagelten Unterkünfte zu heizen. Strom aus der Steckdose gibt es nur in Tbilissi. Die Pipeline ist absehbar die einzige internationale Investition. Für die Georgier symbolisiert sie die Aussicht auf bessere Zeiten.