Sir Alfred?“ Der Mann, schütteres Haar, bleicher Schädel, dicke Augenbrauen, nickt auf eine Art, die man nicht anders als hoheitsvoll bezeichnen kann. Dürr und kerzengerade sitzt Sir Alfred auf seiner roten Bank im Terminal 1 des Flughafens Charles de Gaulle in Paris, Boutique-Ebene, Abflugzone. Die Bank ist von Säcken, Tüten, Schachteln umstellt, und erst auf den zweiten Blick erschließt sich die wohlüberlegte Strategie. Zwei Flughafenwägelchen, beladen mit prall gefüllten Lufthansa-Reiseboxen und Stofftaschen Clio voyages culturelles schirmen die offene Seite des Lagers ab. Im Rücken schützt die Glasfront der Abflughalle, die Westflanke wird von einem Pfeiler bewacht sowie von mehreren zusammengefalteten 25-Kilogramm-FedEx-Boxen, die einen festen Schild bilden. Ein Tischchen von der nahen Bye-bye-Bar rundet den Wall zu einer sicheren Burg. Darin verschanzt, sitzt Sir Alfred und legt ohne jede Hast sein Dreibandradio auf die Bank, das er sich eben noch an die Ohren gepresst hat. Diese rote Bank, auf der Sir Alfred sitzt, Schwedendesign aus den siebziger Jahren, ist leicht gerundet und zur Hälfte mit Sir Alfreds Bettzeug belegt: das Leintuch gefaltet, die dünne Kunststoffmatte zusammengerollt.

Auf dem Flughafen Charles de Gaulle kommen täglich 200000 Menschen an oder fliegen weg. Nur einer bleibt: Sir Alfred. Die Lautsprecherstimme ruft zum Flug nach Singapur. Am Eingang zu seiner Festung möchte Sir Alfred meinen Ausweis sehen. Nicht wenige Interviews hat er gegeben, drei Filme wurden über ihn gemacht, und jeden Kontakt mit der Außenwelt notiert er auf weißem Papier vom nahen Copy-Shop. 3000 Blätter sind mit Tagebuch-Eintragungen gefüllt, doppelt beschrieben, so dass 6000 Seiten zusammengekommen sind im Laufe der 15 Jahre, die er nun auf dieser Bank verbringt; dreimal in den letzten neun Jahren musste er für Journalisten von einem Ausflug in die Stadt berichten.

Sie dürfen, sagt er, als sein Blick auf das Tonband fällt, meine Stimme nicht aufnehmen. Das sagt er sehr sanft und sehr bestimmt, und dann lächelt er ein bisschen. Das Lächeln von Sir Alfred ist rätselhaft, fast so, als ob sich ihm auf dem Flughafen, in diesem Schattenreich zwischen Himmel und Erde, zwischen den Zöllen und zwischen den Staaten, Geheimnisse erschlossen hätten, die sich keinem Sterblichen mitteilen lassen. Die Amerikaner, sagt er. Dann schweigt er und schaut wieder hoheitsvoll.

„Ich bin gesund, weil ich genug Zeit habe, um zu schlafen“

Ein Geschäftsmann, schwer mit Koffern beladen, bleibt plötzlich stehen. Hi, Sir Alfred, ruft er, ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Sir Alfred hebt die Hand zum Gruß. Der kommt aus New York, registriert er, hat CBS geguckt.

Sir Alfred rasiert sich jeden Morgen auf der Flughafentoilette; die Haare schneidet er sich selbst. Vielleicht wäre wieder mal ein Profi-Schnitt fällig, denn rings um den Schädel ringeln sich die dunklen Haare wie junge Reben. Damit sieht Sir Alfred ein bisschen aus wie ein Professor, und tatsächlich tut er ja auch nichts anderes, als den lieben langen Tag Zeitungen und Bücher zu lesen und Radio zu hören; auf diese Weise hat er Französisch gelernt. Außerdem scheint in den Gängen von Terminal 1 Tag und Nacht das Neonlicht, und das mag zur Blässe beigetragen haben, die dem Mann ein leicht vergeistigtes Aussehen verleiht. Er trägt einen Pullover mit der Aufschrift „Irish Basket Team“, den hat er in der Boutique Le Printemps im selben Geschoss gekauft. Nicht wenige Leute haben ihm schon Kleider schenken wollen, aber er hat sie alle zurückgewiesen. Die Leute hier, sagt er, berühren mich nicht. Es sind ja alles Fremde. Und außerdem sind die meisten von ihnen arm.

Sir Alfreds Hose aber ist von Mark Spencer geschneidert. Ein Flughafenangestellter hat es, auf seine Bestellung, aus der Stadt mitgebracht. Viele Flughafenangestellte und Flight-Attendants kennen ihn. Einige geben ihm Essengutscheine, damit geht er zu McDonald’s, bestellt mit Vorliebe Fisch und Cola light. Vor fünf Jahren hat er einen Zahn verloren, als er bei McDonald’s auf ein Brötchen biss. Jetzt ist er 58, gesundheitliche Probleme kennt er nicht. Nie Fieber, nie das Bein gebrochen. Bestimmt, sagt er mit diesem unerschütterlichen Optimismus, der ihn auszeichnet, weil ich genug Zeit habe, um zu schlafen. Der katholische und der evangelische Flughafenpriester kümmern sich um sein Seelenheil, den evangelischen hat er lieber, der ist freundlicher.

Auch die Polizei behandelt ihn nett. Nur manchmal räumt sie seine Zeitungen weg. Sir Alfred hat die Angewohnheit, alles aufzubewahren, Ketchup-Beutelchen, Trinkhalme, auch alte Zeitungen, denn manchmal gefällt es ihm nachzublättern, wie die Welt damals ausgesehen hat, am 3. April 1997 beispielsweise. Deshalb gehören zu seiner Burg auch einige Säcke voller alter Postillen, und manchmal tragen die Polizisten wieder eine Ladung weg, weil sie die Brandgefahr fürchten. Ihn selbst lassen sie sitzen, seit Jahren schon.