Exil
Ein Mann von dieser Welt
Die skurrile Geschichte Merhan Karimi Nassiris, der seit fünfzehn Jahren im Pariser Flughafen auf seinen Pass wartet, wird jetzt von Steven Spielberg verfilmt
Sir Alfred?“ Der Mann, schütteres Haar, bleicher Schädel, dicke Augenbrauen, nickt auf eine Art, die man nicht anders als hoheitsvoll bezeichnen kann. Dürr und kerzengerade sitzt Sir Alfred auf seiner roten Bank im Terminal 1 des Flughafens Charles de Gaulle in Paris, Boutique-Ebene, Abflugzone. Die Bank ist von Säcken, Tüten, Schachteln umstellt, und erst auf den zweiten Blick erschließt sich die wohlüberlegte Strategie. Zwei Flughafenwägelchen, beladen mit prall gefüllten Lufthansa-Reiseboxen und Stofftaschen schirmen die offene Seite des Lagers ab. Im Rücken schützt die Glasfront der Abflughalle, die Westflanke wird von einem Pfeiler bewacht sowie von mehreren zusammengefalteten 25-Kilogramm-FedEx-Boxen, die einen festen Schild bilden. Ein Tischchen von der nahen Bye-bye-Bar rundet den Wall zu einer sicheren Burg. Darin verschanzt, sitzt Sir Alfred und legt ohne jede Hast sein Dreibandradio auf die Bank, das er sich eben noch an die Ohren gepresst hat. Diese rote Bank, auf der Sir Alfred sitzt, Schwedendesign aus den siebziger Jahren, ist leicht gerundet und zur Hälfte mit Sir Alfreds Bettzeug belegt: das Leintuch gefaltet, die dünne Kunststoffmatte zusammengerollt.
Auf dem Flughafen Charles de Gaulle kommen täglich 200000 Menschen an oder fliegen weg. Nur einer bleibt: Sir Alfred. Die Lautsprecherstimme ruft zum Flug nach Singapur. Am Eingang zu seiner Festung möchte Sir Alfred meinen Ausweis sehen. Nicht wenige Interviews hat er gegeben, drei Filme wurden über ihn gemacht, und jeden Kontakt mit der Außenwelt notiert er auf weißem Papier vom nahen Copy-Shop. 3000 Blätter sind mit Tagebuch-Eintragungen gefüllt, doppelt beschrieben, so dass 6000 Seiten zusammengekommen sind im Laufe der 15 Jahre, die er nun auf dieser Bank verbringt; dreimal in den letzten neun Jahren musste er für Journalisten von einem Ausflug in die Stadt berichten.
Sie dürfen, sagt er, als sein Blick auf das Tonband fällt, meine Stimme nicht aufnehmen. Das sagt er sehr sanft und sehr bestimmt, und dann lächelt er ein bisschen. Das Lächeln von Sir Alfred ist rätselhaft, fast so, als ob sich ihm auf dem Flughafen, in diesem Schattenreich zwischen Himmel und Erde, zwischen den Zöllen und zwischen den Staaten, Geheimnisse erschlossen hätten, die sich keinem Sterblichen mitteilen lassen. Die Amerikaner, sagt er. Dann schweigt er und schaut wieder hoheitsvoll.
„Ich bin gesund, weil ich genug Zeit habe, um zu schlafen“
Ein Geschäftsmann, schwer mit Koffern beladen, bleibt plötzlich stehen. Hi, Sir Alfred, ruft er, ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Sir Alfred hebt die Hand zum Gruß. Der kommt aus New York, registriert er, hat CBS geguckt.
Sir Alfred rasiert sich jeden Morgen auf der Flughafentoilette; die Haare schneidet er sich selbst. Vielleicht wäre wieder mal ein Profi-Schnitt fällig, denn rings um den Schädel ringeln sich die dunklen Haare wie junge Reben. Damit sieht Sir Alfred ein bisschen aus wie ein Professor, und tatsächlich tut er ja auch nichts anderes, als den lieben langen Tag Zeitungen und Bücher zu lesen und Radio zu hören; auf diese Weise hat er Französisch gelernt. Außerdem scheint in den Gängen von Terminal 1 Tag und Nacht das Neonlicht, und das mag zur Blässe beigetragen haben, die dem Mann ein leicht vergeistigtes Aussehen verleiht. Er trägt einen Pullover mit der Aufschrift „Irish Basket Team“, den hat er in der Boutique Le Printemps im selben Geschoss gekauft. Nicht wenige Leute haben ihm schon Kleider schenken wollen, aber er hat sie alle zurückgewiesen. Die Leute hier, sagt er, berühren mich nicht. Es sind ja alles Fremde. Und außerdem sind die meisten von ihnen arm.
Sir Alfreds Hose aber ist von Mark Spencer geschneidert. Ein Flughafenangestellter hat es, auf seine Bestellung, aus der Stadt mitgebracht. Viele Flughafenangestellte und Flight-Attendants kennen ihn. Einige geben ihm Essengutscheine, damit geht er zu McDonald’s, bestellt mit Vorliebe Fisch und Cola light. Vor fünf Jahren hat er einen Zahn verloren, als er bei McDonald’s auf ein Brötchen biss. Jetzt ist er 58, gesundheitliche Probleme kennt er nicht. Nie Fieber, nie das Bein gebrochen. Bestimmt, sagt er mit diesem unerschütterlichen Optimismus, der ihn auszeichnet, weil ich genug Zeit habe, um zu schlafen. Der katholische und der evangelische Flughafenpriester kümmern sich um sein Seelenheil, den evangelischen hat er lieber, der ist freundlicher.
Auch die Polizei behandelt ihn nett. Nur manchmal räumt sie seine Zeitungen weg. Sir Alfred hat die Angewohnheit, alles aufzubewahren, Ketchup-Beutelchen, Trinkhalme, auch alte Zeitungen, denn manchmal gefällt es ihm nachzublättern, wie die Welt damals ausgesehen hat, am 3. April 1997 beispielsweise. Deshalb gehören zu seiner Burg auch einige Säcke voller alter Postillen, und manchmal tragen die Polizisten wieder eine Ladung weg, weil sie die Brandgefahr fürchten. Ihn selbst lassen sie sitzen, seit Jahren schon.
Wer sind Sie, Sir Alfred? Geduldig und mit sanfter Stimme gibt der Mann Auskunft, die Hände zwischen die Knie geklemmt. In meinem iranischen Pass stand Merhan Karimi Nassiri. Aber in Belgien habe ich mir einen christlichen Namen zugelegt, Alfred. Was geschah mit dem iranischen Pass? Den hatte ich nicht mehr, weil ich das Persien des Schahs verlassen musste, 1977. Ich reiste überallhin, auch nach Deutschland, aber niemand wollte mich. Erst Belgien hat mich als Flüchtling anerkannt, das war 1981, und von da an hieß ich Alfred.
Und was geschah mit den Flüchtlingspapieren? 1988 wollte ich nach England. Dort war ich Anfang der siebziger Jahre als Student gewesen, um Serbokroatisch zu studieren. Aber in Paris wurden alle meine Papiere gestohlen. Die Engländer schickten mich nach Paris zurück, die Franzosen ließen mich nicht mehr ins Land, die Belgier wollten nichts mehr von mir wissen. So blieb ich auf dem Flughafen.
Ohne Papiere? Oh, vor vier Jahren wollten mir die Belgier wieder einen Flüchtlingsausweis geben. Aber den habe ich nicht unterschrieben. Warum nicht? Da stand mein alter Name drin, Merhan Karimi. Aber ich heiße Alfred. Aber, Sir Alfred, mit diesem Ausweis hätten Sie doch den Flughafen verlassen können! Der Mann lächelt nur. Er zündet sich eine Zigarette an, führt sie zum Mund mit exquisiter Geste. Ich will aber nicht den Flughafen verlassen. Ich will reisen, die Welt kennen lernen. Er zeigt auf die drei zusammengefalteten FedEx-Boxen, die seine westliche Flanke schützen. Da drin hat alles Platz, was ich brauche, 75 Kilogramm. Ich bin bereit. Aber um zu verreisen, brauche ich einen richtigen Pass mit meinem richtigen Namen drin und keinen Flüchtlingsausweis. Verstehen Sie?
Zeigt sich etwa ein Riss in Sir Alfreds unerschütterlichem Gleichmut? Seine Stimme zittert ein bisschen. Er fächelt sich Luft zu mit einer runden, goldenen Tortenunterlage. Ich verstehe, Sir Alfred. Haben Sie Freunde? Er denkt lange nach, und dann ist seine Stimme wieder ruhig und sanft wie eh. Nein, ich habe keine Freunde. Mein Anwalt ist der Mensch, der mich am besten kennt. Aber auch er kennt meine Familie nicht. Kennen Sie Ihre Familie? Nein. Ich weiß nicht, wer meine Mutter ist. Vielleicht eine Engländerin, vielleicht eine Schwedin, vielleicht eine Schottin. Die Amerikaner sind dabei, es zu klären. Vielleicht, fährt er im gleichen ruhigen Tonfall fort, müsste ich ein Mobiltelefon haben.
Warum, Sir Alfred? Tom Hanks hat versprochen, mir eines mitzubringen, wenn er mal vorbeischaut. Dann weiß ich immer, wenn’s was Neues gibt. Wann kommt er denn vorbei, Tom Hanks? Ich weiß es nicht. Die Amerikaner haben jetzt mit dem Drehen begonnen. Der Film heißt Terminal. Tom Hanks spielt den Mann, der auf dem Flughafen festsitzt, weil kein Land ihn will. Aber es ist nicht mein Film. Es ist der Film von Steven Spielberg.
Maître Bourget, Sir Alfreds französischer Anwalt, bestätigt die Geschichte des Mannes, der auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris festsitzt, weil ihn kein Land haben will. Merhan Karimi Nassiri war aus politischen Gründen aus dem Iran geflohen. In Belgien erhielt er einen Flüchtlingsstatus, in Frankreich wurden seine Papiere gestohlen. Die Engländer sandten ihn nach Frankreich zurück. Die französische Polizei nahm ihn wegen illegaler Einreise fest. Da er keine Papiere besaß, konnte man ihn nicht in sein Herkunftsland deportieren.
1992 entschied ein Gericht in Paris, dass der Mann nicht illegal in den Flughafen Charles de Gaulle gekommen sei, weswegen man ihn von dort nicht verweisen dürfe. Gleichzeitig weigerten sich die französischen Behörden, ein Transit- oder Flüchtlingsvisum auszustellen. Die belgischen Behörden meinten, dass die originalen Dokumente, die zur Ausstellung des Asylscheines in Brüssel verwahrt wurden, nicht nach Paris gesandt werden könnten. Der Mann müsse sich, um eine Verwechslung auszuschließen, persönlich ins Land bemühen. Gleichzeitig verweigerte das Land allerdings die Rückkehr, weil es das Gesetz einem Flüchtling, der das Land freiwillig verlassen hat, nicht erlaubt, dorthin zurückzukehren. Als sich dann, Jahre später, Belgien doch noch bereit erklärte, ihn erneut als Flüchtling aufzunehmen, weigerte sich Sir Alfred, den Flughafen zu verlassen. Er wollte mehr als ein Asylpapier. Er wollte eine Identität.
„Ich warte auf die Kreditkarte, dann wird alles einfacher“
Vielleicht hatte er sich in elf Jahren ja auch schon an das Leben in seiner Burg gewöhnt – und das war gefährdet genug. Aus dem Burger King um die Ecke wurde McDonald’s, ständig wechselten die Namen der Boutiquen, und jetzt wurde auch noch das Paris Scribe geschlossen direkt vor seiner Nase, wo die Reisenden noch schnell einen Handkoffer erstehen konnten. Das hat zwar den Vorteil, dass das grelle Licht nicht mehr stört und dass er morgens länger schlafen kann, dafür hat er niemanden mehr, der auf sein Hab und Gut aufpasst, wenn er sich was zu essen holt. Woher, Sir Alfred, haben Sie das Geld für Essen und Kleider? Aber, antwortet Sir Alfred, ich bin doch reich. Vielleicht, sagt er, und lässt seinen Blick langsam über die paar Leute gleiten, die trübselig in ihren Sesseln hocken, bin ich der einzige Millionär hier.
Tatsächlich wurde der Mann, der ewig auf einen Flug wartet, zu einer Berühmtheit und beflügelte die Fantasie von Journalisten und Filmemachern. Einer der Filme, die über ihn gedreht wurden, zeigt ihn als Opfer einer kafkaesken Bürokratie: Alexis Couros Warten auf Godot im CDG Airport. Ein anderer sieht Sir Alfred als einen Menschen auf der Suche nach einem besseren Ich: Hamid Rahmanian, Sir Alfred of CDG Airport. Schon 1993 entstand ein französischer Spielfilm, der sich von Sir Alfreds Geschichte inspirieren ließ: Vom Himmel gefallen, mit Jean Rochefort und Marisa Paredes. Und schließlich kam auch Hollywood auf den Geschmack, Steven Spielberg kaufte sich Alfreds Geschichte. In Terminal, Ende 2004 in den Kinos, spielt Tom Hanks einen Mann, dessen Heimat in den Wirren des Krieges von der Landkarte verschwindet und der deshalb keinen gültigen Pass mehr besitzt. Er hängt im Flughafen von New York fest und verliebt sich dort in eine hübsche Stewardess, Catherine Zeta-Jones.
Bislang hat Sir Alfred keinen der Filme, die über ihn gedreht wurden, gesehen. Er hat auch nie Fernsehen geschaut, nur Zeitungen gelesen und einige Bücher, von denen ihm Chamber’s Encyclopedia Dictionary am liebsten ist. Darin liest er immer wieder die Biografien berühmter Männer, und von denen, sagt er sanft, hat ihn ein Mann namens Adolf Hitler am meisten beeindruckt.
Und die Liebe, Sir Alfred, war da nichts in diesen langen Jahren? Paris, sagt er mit seinem rätselhaften Lächeln, Paris ist eine Stadt ohne Vergnügen. Und Kinder? Haben sie nie davon geträumt, Kinder zu haben? Kinder gibt es. Die kann man nicht träumen. Fühlen Sie sich manchmal einsam, Sir Alfred? Ja, manchmal. Aber dafür habe ich mein Radio. Dann höre ich Radio. Traurig? Warum traurig? Ich bin weder traurig noch verzweifelt. Ich bin ein Winner. Seit vier Jahren bin ich ein Sieger. Die Amerikaner zahlen alle meine Auslagen. Ich warte nur auf die Kreditkarte. Dann wird alles noch einfacher.
Und das Tonband, Sir Alfred? Durfte es vielleicht deswegen nicht laufen, weil die Amerikaner es verbieten? Sir Alfred nickt freudig, und sein Lächeln hat plötzlich gar nichts Entrücktes mehr. Fast, als wäre er froh, endlich eine vernünftige Frage zu hören. So steht es im Vertrag. Und dann holen sie mich in die USA, es ist alles schon abgemacht. Das Fernsehen macht einen Film über mich und ich reise nach Kalifornien. Und dann versuche ich, in Kanada einen Pass zu bekommen oder in den USA. In Europa nicht mehr. Hier ist doch alles viel zu kompliziert.
- Datum
- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.11.2003 Nr.46
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von: