Exil Ein Mann von dieser WeltSeite 3/3

„Ich warte auf die Kreditkarte, dann wird alles einfacher“

Vielleicht hatte er sich in elf Jahren ja auch schon an das Leben in seiner Burg gewöhnt – und das war gefährdet genug. Aus dem Burger King um die Ecke wurde McDonald’s, ständig wechselten die Namen der Boutiquen, und jetzt wurde auch noch das Paris Scribe geschlossen direkt vor seiner Nase, wo die Reisenden noch schnell einen Handkoffer erstehen konnten. Das hat zwar den Vorteil, dass das grelle Licht nicht mehr stört und dass er morgens länger schlafen kann, dafür hat er niemanden mehr, der auf sein Hab und Gut aufpasst, wenn er sich was zu essen holt. Woher, Sir Alfred, haben Sie das Geld für Essen und Kleider? Aber, antwortet Sir Alfred, ich bin doch reich. Vielleicht, sagt er, und lässt seinen Blick langsam über die paar Leute gleiten, die trübselig in ihren Sesseln hocken, bin ich der einzige Millionär hier.

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Tatsächlich wurde der Mann, der ewig auf einen Flug wartet, zu einer Berühmtheit und beflügelte die Fantasie von Journalisten und Filmemachern. Einer der Filme, die über ihn gedreht wurden, zeigt ihn als Opfer einer kafkaesken Bürokratie: Alexis Couros Warten auf Godot im CDG Airport. Ein anderer sieht Sir Alfred als einen Menschen auf der Suche nach einem besseren Ich: Hamid Rahmanian, Sir Alfred of CDG Airport. Schon 1993 entstand ein französischer Spielfilm, der sich von Sir Alfreds Geschichte inspirieren ließ: Vom Himmel gefallen, mit Jean Rochefort und Marisa Paredes. Und schließlich kam auch Hollywood auf den Geschmack, Steven Spielberg kaufte sich Alfreds Geschichte. In Terminal, Ende 2004 in den Kinos, spielt Tom Hanks einen Mann, dessen Heimat in den Wirren des Krieges von der Landkarte verschwindet und der deshalb keinen gültigen Pass mehr besitzt. Er hängt im Flughafen von New York fest und verliebt sich dort in eine hübsche Stewardess, Catherine Zeta-Jones.

Bislang hat Sir Alfred keinen der Filme, die über ihn gedreht wurden, gesehen. Er hat auch nie Fernsehen geschaut, nur Zeitungen gelesen und einige Bücher, von denen ihm Chamber’s Encyclopedia Dictionary am liebsten ist. Darin liest er immer wieder die Biografien berühmter Männer, und von denen, sagt er sanft, hat ihn ein Mann namens Adolf Hitler am meisten beeindruckt.

Und die Liebe, Sir Alfred, war da nichts in diesen langen Jahren? Paris, sagt er mit seinem rätselhaften Lächeln, Paris ist eine Stadt ohne Vergnügen. Und Kinder? Haben sie nie davon geträumt, Kinder zu haben? Kinder gibt es. Die kann man nicht träumen. Fühlen Sie sich manchmal einsam, Sir Alfred? Ja, manchmal. Aber dafür habe ich mein Radio. Dann höre ich Radio. Traurig? Warum traurig? Ich bin weder traurig noch verzweifelt. Ich bin ein Winner. Seit vier Jahren bin ich ein Sieger. Die Amerikaner zahlen alle meine Auslagen. Ich warte nur auf die Kreditkarte. Dann wird alles noch einfacher.

Und das Tonband, Sir Alfred? Durfte es vielleicht deswegen nicht laufen, weil die Amerikaner es verbieten? Sir Alfred nickt freudig, und sein Lächeln hat plötzlich gar nichts Entrücktes mehr. Fast, als wäre er froh, endlich eine vernünftige Frage zu hören. So steht es im Vertrag. Und dann holen sie mich in die USA, es ist alles schon abgemacht. Das Fernsehen macht einen Film über mich und ich reise nach Kalifornien. Und dann versuche ich, in Kanada einen Pass zu bekommen oder in den USA. In Europa nicht mehr. Hier ist doch alles viel zu kompliziert.

 
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