Kaum ein Wort bringt uns schneller in Verlegenheit als das Glück. Als würde es explodieren, wenn man es nur ein paar Minütchen zu intensiv anschaut. Glück im Unglück ist der höchste Anspruch an den Wildpark der Gefühle. Aber wer sich da hineintraut, ist ein Held zum Umpusten. In letzter Zeit wuseln auf dem literarischen Laufsteg der genders an seiner Stelle fast ausschließlich sexuelle Maniacs, verzweifelt herumlaborierend zwischen zu viel, zu wenig, ich kann nicht, oder Ich-weiß-nicht-was-ich-bin-Sex. In dieses Labyrinth der Lüste wirft Franz Hodjak seinen Koffer voll Sand. Der Koffer gehört Bernd Burger, der zusammen mit Melitta, seiner Frau, Astrid, seiner Tochter, und den blauen Pässen der Staatenlosen die rumänische Grenze übertritt.

Vor elf Jahren hat Franz Hodjak, Lyriker und Romancier, anerkannt, aber immer ein Schriftsteller für einen sehr überschaubaren Leserkreis, das rumänische Klausenburg verlassen und ist mit Frau und Tochter nach Deutschland übergesiedelt. So viele Jahre hat es gedauert, bis aus dem Schreck ein literarisches Glücksstück wurde, leicht und komisch, klug bis weise. Dabei färbt Hodjak nichts schöner, als es damals vermutlich gewesen ist, er lässt auch nichts aus, weder die Zombies von der Securitate noch die sturen Böcke von der Romanshorner Polizeidienststelle oder den perfiden Pförtner im Auffanglager in der westfälischen Kleinstadt Hamm. Hodjak hat im Fatalen das Groteske erkannt. Wenn das Groteske die Hürde überspringt, flüchtet sich Burger in wilde Träume. Bernd Burger ist ein Stoiker, der, bevor er überhaupt etwas erreichen konnte, alles verloren hatte. Weil er kein Spitzel werden wollte, konnte er in Ceau≠escus Staat gar nichts werden. Deshalb verachtet er Karrieren, und weil er auch Gott verlassen hat, ohne ihm jemals in die Nähe gekommen zu sein, bleibt ihm nur seine Fähigkeit, die Welt und das, was sich darin ereignet, nüchtern zu analysieren. Zur Nüchternheit gehören Wodka, Wasser und seine Frau (das Kind ist ein Requisit und kein Lebewesen). Wenn Burger sich über irgendjemand und irgendwas auf dieser Welt wundert, dann ist es seine Frau.

Seit in Gert Hofmanns Auf dem Turm hat es kein komischeres Ehepaar als Bernd und Melitta Burger gegeben. Er redet vor sich hin, der Monolog ist sowieso seine Existenzform, aber wenn seine Frau in der Nähe ist, tut er so, als ob. Melitta ist ziemlich langmütig, das muss sie auch sein, denn ihre geografischen Kenntnisse sind katastrophal. Sie fährt in die falsche Richtung, kommt nach Vaduz, obwohl sie nach München fahren wollte, dem Mann an ihrer Seite ist das egal. „Fahr nach Venedig oder Marseille, nur sag mir, Melitta, wie sind wir in die Schweiz geraten, mit unseren staatenlosen Pässen?“ Sie fährt weiter, und er redet weiter, zum Beispiel über das, was ihm „Heimat“ bedeutet, und verliert sich in den schönsten Allgemeinplätzen, in denen er alle Allgemeinplätze, die in den letzten Jahrzehnten über das Wort Heimat abgespult worden sind, karikiert. Während sie weiter durch die lange „Röhre der Erinnerung“ fahren, die Melitta irrtümlicherweise für einen Tunnel hält, beichten sie sich ihre Amouren, und abends im Hotelbett stürzt sie sich auf ihn und denkt an den Arzt und er an die Frau des Pfarrers. Nach der Karriere und der Heimat fällt die Liebe; was bleibt, ist der staatenlose Mensch, der auf die Frage, was er sei, in schönster Gelassenheit „Ich bin ein Einzelgänger“ antwortet.

Der Einzelgänger sitzt auf dem Nordbalkon und trinkt Wodka mit Wasser und denkt sich groteske Geschichten aus, die so glaubwürdig sind, dass der 59-jährige Autor Hodjak damit das Dasein in der Diktatur und das Leben in der westlichen Freiheit gleichermaßen enttarnt. Einmal gibt Burger, der mit dem Geld so umgeht wie andere Menschen mit Klopapier, einem Penner 50 Mark. Der Penner sagt, er sei ein ehrlicher Penner, und gibt ihm 40 Mark zurück. Und so geht es weiter, durch Orte, deren Straßen so heißen wie die Stadt, die sie für immer verlassen haben.

Anstatt ans Ziel zu kommen, fahren sie im Kreis, mal mit dem eigenen Auto, mal mit Fahrrädern, die sie aber schieben, weil sie gar nicht Rad fahren können. So dreht sich die Spirale absurder Bewegungen und Begegnungen weiter, und Burger ruft: Was bin ich, wenn ich nicht einmal staatenlos bin?, und die Irrfahrt, den Sirenen entkommen, endend in dem „Ithaka“, das in der schnöden Realität Hamm heißt. Aber erst dann, sagt Burger, beginnt für mich die Irrfahrt.

Und was ist mit dem Glück? Franz Hodjaks Abhandlung über das Glück und die List und die Tücke, die zu diesem schwankenden Besitz gehört, ist der Höhepunkt dieses leichten und gelungenen Buches über die Schwere der Diktatur und den Sand, der ein Leben lang nicht ausreicht, ihre Spuren zu verwischen.