M atrix Revolutions, der dritte und letzte Teil der Matrix- Filme, lebt nur noch in den Ruinen der ursprünglichen Idee. Das philosophische Konzept hat sich in Prügelszenen und Spezialeffekte aufgelöst, die genauso gut im Genre des Westerns, des Krimis oder Kriegsfilms aufgehoben wären. Der Kampf der Menschen gegen die Maschinen, wie er hier zu Ende erzählt wird, hat nicht mehr die unsichere Realität eines Computerspiels, sondern die höchst handgreifliche einer Materialschlacht, wie sie im Kino seit alters gegen Indianer, Riesenspinnen oder Nazis geführt wird. Diese Handlung – eine Schar Auserwählter rettet die Menschheit – hat sich gewissermaßen nur in die Kulissen der früheren Matrix- Filme verirrt. Sie ist dort nicht zu Hause, sondern nur abgedreht worden; wie die skurrilen Billigproduktionen, die der unvergessene Roger Corman über Nacht in den gerade ungenutzten Requisiten anderer Filme zu drehen pflegte.

Anders als Corman ziehen die Brüder Wachowski jedoch keinen parodistischen Mehrwert aus der Notlage; sie ist ihnen auch nicht bewusst. Das ist die tragische Pointe, übrigens die einzige des Films. Die Revolution, die der Titel gleich im Plural verspricht (es ist aber nur eine), richtet sich gegen den Ursprungsgedanken der Serie selbst. Mit deren Zweifel, dass unsere Realität vielleicht nichts als ein Computerprogramm ist, das zum Zwecke unserer Ruhigstellung entworfen wurde, kann der letzte Teil nichts mehr anfangen – der Held Neo (Keanu Reeves) und seine Getreuen (Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss) sollen und werden die wirkliche Welt wirklich retten. Der Verblendungszusammenhang ist nicht total, der Schein wird vom Sein höchst bieder besiegt, nämlich mit der Kraft der Fäuste und des Glaubens.

Der klassische Anti-Intellektualismus des klassischen Hollywood setzt sich behaglich gegen die Erkenntnisskepsis durch. Das tückische Computerprogramm, das ja, wenn überhaupt, nur einem Hacker zugänglich sein dürfte, wird nicht mit Algorithmen, sondern unter Zuhilfenahme einer – wie soll man es nennen? – sagen wir: gnostischen Mystik besiegt, das heißt nicht mit den avancierten Mitteln des Informationszeitalters, sondern mit dem religiösen Besteck einer frühchristlichen Ketzerei. Neo, der Erlöser, strahlt am Ende als Lichtkreuz vom Himmel.

Dieses Kreuz hat mit Jesus nichts zu tun, aber viel mit den härenen Strickpullovern und ihren charismatischen Laufmaschen, die Wachowskis Messias trägt, und noch mehr mit dem überlangen Mantel, der im Fortgang der Handlung zunehmend an den Priesterrock eines betrügerischen Klerikers erinnert. Auch die Wanderprediger der Spätantike pflegten ja ihr Publikum durch allerlei Zauberkunststücke und Spezialeffekte zu erschrecken; die Einschüchterung sollte die Bekehrung einleiten.

Es hat jedoch wenig Sinn, sich mit den Ungereimtheiten des Films einerseits oder seinen ideologischen Torheiten andererseits zu beschäftigen. Wenn uns auf der Straße ein Skinhead entgegenkommt, den Baseballschläger schwingend, werden wir auch nicht an dem Haarschnitt herummäkeln oder dem rassistischen Weltbild, sondern wissen wollen, in welcher Absicht er sich uns nähert. Kriegen wir jetzt eins auf die Fresse oder vors Schienenbein? Im Allgemeinen beantwortet sich die Frage nach der konkreten Botschaft schnell; und das gilt auch für diesen Film. Er will erstens vor Franzosen warnen; denn ein solcher ist der Erzbösewicht Merowinger (Lambert Wilson). Der Film will zweitens zu Computerspielen anregen; denn damit kann man die Welt retten. Drittens aber soll man mit dem virtuellen Unfug auch wieder aufhören; denn gegen Gespenster hilft nur Gewalt. Der wahre Friede schließlich lässt sich nur durch Krieg gewinnen. Das heißt: Die Gebrüder Wachowski haben nach allerlei kulturkritischen Eskapaden zum guten Ende doch noch die patriotische Kurve genommen.