Rabat/Salé

Vielleicht ist das typisch für eine prominente Islamistin (soweit an einer prominenten Islamistin etwas typisch sein kann): Wer von der Marokkanerin Nadia Yassine spricht, der ersten Frau, die Ausicht auf die Führungsposition einer islamistischen Organisation hat, der muss von ihrem Vater sprechen, Abdessalam Yassine, dem greisen Gründervater dieser Bewegung mit Namen „Gerechtigkeit und Wohlfahrt“. Das marokkanische Regime hatte ihn in den siebziger Jahren in die Psychiatrie gesteckt und noch 1990 mit Hausarrest belegt, da er König HassanII. in einem offenen Brief respektlos mit den Worten „Lieber Neffe des Propheten“ angesprochen hatte. Erst im Mai 2000 hob der neue König, MohammedVI., den Hausarrest wieder auf.

Viele trauen es seiner Tochter Nadia zu, die Nachfolge ihres Vaters anzutreten. Eine Frau an der Spitze einer islamistischen Organisation? Das wäre für die ganze arabische Welt eine Sensation.

Für Nadia Yassine wäre es vor allem eine sehr heikle Aufgabe. Gerade jetzt: Die 12 islamistischen Selbstmordattentate in Casablanca im vergangenen Mai haben die Islamisten in Marokko in Bedrängnis gebracht. Der Schock über die 45 Toten erschütterte die Gesellschaft. Fast eine halbe Million Menschen gingen kurz nach den Anschlägen auf die Straße. Ein Parlamentsabgeordneter der gemäßigt islamistischen Partei Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), die im Rufe steht, der parlamentarische Arm der Yassine-Bewegung zu sein, wurde in seinem Wahlkreis mit Tomaten beworfen. Männer rasierten sich den Bart ab, um nicht als Fundis zu gelten. Die Jagd auf Islamisten war eröffnet.

Auch die PJD musste reagieren: Zwar ist sie seit den Parlamentswahlen 2002 die stärkste Oppositionskraft im Parlament, im Prinzip eine glänzende Ausgangsposition. Doch dann kamen die Anschläge. Auf Drängen des Innenministeriums stellte die Partei bei den Kommunalwahlen im vergangenen September nur in einem Fünftel der Wahlbezirke Kandidaten auf. Jetzt sind nur noch 2,5 Prozent der Gemeindevertreter Mitglieder der PJD. „Nur nicht auffallen!“ lautet die Parole der gemäßigten Islamisten, um dem Generalverdacht zu entkommen. Dennoch blieben sie in Großstädten wie Casablanca oder Tetouan eine der wichtigsten politischen Kräfte.

Auch Nadia Yassine gibt sich harmlos: „Seit 30 Jahren mahnen wir zur Gewaltfreiheit“, sagt sie. „Trotz Verfolgung und Repression haben wir nie zum gewalttätigen Umsturz der Monarchie aufgerufen. Wir sind für niemanden politischer Ansprechpartner.“

Aber was wollen diese Islamisten dann?

„Wir sind eine mystische Bruderschaft“, lautet die stolze Entgegnung, ehe Frau Nassine fein säuberlich ihre Arbeit aufschlüsselt. „Zu 80 Prozent“ seien die Aktivitäten ihrer Bewegung „rein spiritueller Natur“; lediglich die übrigen 20 Prozent hätten „politisch-sozialen Charakter“. Ihre Bewegung betreibe eine Alphabetisierungskampagne und konzentriere sich im Übrigen besonders „auf die mystische Tradition, die mein Vater begründet hat“. Von politisch-sozialem Charakter ist zweifellos die beharrliche Kritik der Bewegung „Gerechtigkeit und Wohlfahrt“ am sozialen Ungleichgewicht im Lande. Marokko, sagt Nadia Yassine, ist „keine Monarchie, sondern eine Kleptokratie.“ Nur eine Umverteilung des Reichtums könne das Land voranbringen.