H itlers jüdische Soldaten – bereits der Titel der nun auf Deutsch vorliegenden Doktorarbeit Bryan Mark Riggs ist ein veritables Ärgernis, denn es geht nicht um Juden, sondern um – so der NS-Terminus – "jüdische Mischlinge". Diese gehörten jedoch weder einer jüdischen Gemeinde an, noch begriffen sie sich selbst als Juden. Entgegen den Behauptungen des Autors stuften auch die NS-Behörden sie nicht als Juden ein, differenzierte die NS-Rassengesetzgebung doch ab Herbst 1935 sehr sorgfältig zwischen "Volljuden", "Halbjuden", den "Mischlingen ersten Grades", und "Vierteljuden", den "Mischlingen zweiten Grades".

Rechenkunststücke mit fantasierter Kinderzahl

"Mischlinge ersten Grades" wurden unter Sonderrecht gestellt, die "zweiten Grades" sollten in der deutschen Bevölkerung aufgehen. Die Volkszählung im Mai 1939 hatte für das "Altreich" circa 72000 "Mischlinge ersten Grades" und circa 42000 "zweiten Grades" ergeben – Zahlen, die bei Berücksichtigung einer gewissen Dunkelziffer realistisch sind. Maximal 33000 "Mischlinge" und mit solchen Verheiratete waren im wehrfähigen Alter, doch nur ein Teil von ihnen wurde eingezogen. Rigg hingegen schätzt die Zahl der "jüdischen Soldaten" auf 150000 und hat damit ein weltweites Medienecho hervorgerufen. Das Rechenkunststück basiert auf einer fantasierten "Nettofortpflanzungsrate" von zwei bis drei Kindern pro Mischehe, aus deren Ergebnis dann die 150000 Wehrmachtsangehörigen gezaubert werden. Rigg ignoriert, was in der von ihm zitierten Literatur nachzulesen ist: Circa 42 Prozent der Mischehen waren kinderlos, circa 26 Prozent hatten ein Kind, 17 Prozent zwei und nur 15 Prozent drei oder mehr Kinder.

"Mischlinge" – und das ist keine neue Erkenntnis – wurden zunächst zur Wehrmacht eingezogen. Auf Drängen vor allem der NSDAP-Partei-Kanzlei verfügte Hitler 1940 und 1941 die Entlassung der "Mischlinge ersten Grades" (und der mit solchen Verheirateten). 8330 Männer waren betroffen, wenngleich Rigg diese Zahl bezweifelt. "Mischlinge zweiten Grades" verblieben mit Beförderungseinschränkungen bei der Truppe. Nachdem Hitler bereits zuvor Offiziere für "deutschblütig" erklärt hatte, ermöglichte er Ausnahmeregelungen für "Mischlinge ersten Grades", die sich ausgezeichnet hatten. Persönlich prüfte und unterzeichnete er die Schriftstücke und stellte für die Zeit nach dem Krieg die Gleichstellung mit "Deutschblütigen" in Aussicht. Die anderen sollten entlassen werden, doch die Wehrmacht, so konstatiert Rigg zu Recht, habe kein brauchbares Instrumentarium zur Identifikation der so genannten "Mischlinge" gehabt.

Etliche Vorgesetzte zeigten zudem mehr Interesse an einsatzbereiten Soldaten als an der Umsetzung rassenpolitischer Ziele. Das erklärt, warum ein Teil der eingezogenen "Mischlinge ersten Grades" spät oder gar nicht "enttarnt" oder aus dem Dienst entfernt wurden, bis sie nach dem Attentat auf Hitler 1944 dann doch gehen mussten. Wie die nach 1940 als "nicht zur Verwendung" gemusterten "Mischlinge" mussten sie nun Zwangsarbeit in den Lagern der Organisation Todt leisten.

Wenngleich Rigg den bekannten Fakten neue Details hinzufügt, bleiben die NS-internen Auseinandersetzungen um das Schicksal der "Mischlinge" unklar. Sie werden nicht im Interessengeflecht der rivalisierenden NS-Institutionen interpretiert, sondern personalisiert. Der Leiter der NSDAP-Partei-Kanzlei, Martin Bormann, wird zum Feind der "Mischlinge" erklärt, der Staatssekretär im Innenministerium, Bernhard Lösener, zu ihrem einzigen Unterstützer.

Der ehemalige "Rassereferent" hatte seine Vorlagen und Denkschriften zur Einstufung der "Mischlinge"in der NS-Zeit in einem Bericht, den die Vierteljahshefte für Zeitgeschichte 1961 veröffentlichten, als Bemühungen um die Rettung dieser Gruppe ausgegeben. Diesen Rechtfertigungsversuch hat Cornelia Essner in ihrem Buch Die Nürnberger Gesetze oder die Verwaltung des Rassenwahns 1933–1945 (2002) zurückgewiesen, was Rigg entgangen zu sein scheint. Breiten Raum widmet er Überlegungen zur Motivation Hitlers, Ausnahmegenehmigungen zu erteilen. Obwohl es der NS-Führung eher darum ging, Proteste des nichtjüdischen Umfelds der "Mischlinge" zu verhindern, welche die Ruhe an der "Heimatfront" hätten gefährden können, spekuliert Rigg über eine angebliche jüdische Herkunft des "Führers" und dessen Angst vor "Enttarnung".

Die Wehrmacht, von der männliche "Mischlinge" Gleichberechtigung und Schutz erhofften – so sein Fazit –, habe als Institution versagt und ihre "nichtarischen" Kameraden im Stich gelassen. Offiziere, die sich für einzelne "Mischlinge" einsetzten, hätten dennoch Befehle zum Judenmord unterschrieben. Auch dies ist nicht neu.