Deutschland ist der kranke Mann Europas. So lautet die Diagnose eines der führenden Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland, Hans-Werner Sinn, über die ökonomische Lage der Republik. Die Symptome sind bekannt: kein Wachstum, hohe Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit, finanziell desolate Sozialversicherungen und Kommunen. Die Liste ist unvollständig. Umso wichtiger sind Lösungsvorschläge. Hans-Werner Sinn sieht sich als ein Arzt, der dem Patienten Deutschland mit Therapien aus der „ökonomischen Schulmedizin“ wieder auf die Beine helfen möchte.

Er scheint in der Medizin des 19. Jahrhunderts fündig geworden zu sein. Sein Therapievorschlag greift auf einen Ansatz zurück, den die Wirtschaftswissenschaft das Saysche Theorem nennt. Um den Patienten nicht zu verschrecken, hat Sinn das Alter der Therapie lieber verschwiegen. Dabei ist es noch kein Grund für ihre Ablehnung. Wadenwickel oder Bypassoperationen können eine angemessene Therapie sein, je nach Diagnose.

Was ist das Saysche Theorem? Nach Ansicht des vor 171 Jahren verstorbenen Jean Baptiste Say gibt es in funktionierenden Marktwirtschaften keine Nachfrage- oder Angebotsüberhänge. Die Erzeugung von Gütern schafft die Nachfrage, die dem Angebot entspricht. Voraussetzung sind Konkurrenz und flexible Preise. Entsprechend fällt Sinns Therapievorschlag für den Arbeitsmarkt aus. Zwischen Menschen und Äpfeln gebe es, ökonomisch gesehen, keinen Unterschied, Güter- und Arbeitsmärkte seien also gleich zu behandeln. Das Stichwort lautet Wettbewerbsfähigkeit. Wenn die Arbeitnehmer bereit wären, ihre Arbeitskraft zum jeweiligen Marktpreis zu verkaufen, würden sie immer einen Arbeitsplatz finden. Allerdings müssten zwei Bedingungen erfüllt sein: 1. Flexibilität der Löhne nach unten und 2. keine Mindestlöhne. Leider werde die Anwendung des Sayschen Theorems von zwei Seiten verhindert: von den Gewerkschaften und vom Sozialstaat. Von den Gewerkschaften, weil ihre Mitglieder nicht von der segensreichen Wirkung des Gleichgewichtslohns überzeugt sind. Vom Sozialstaat, weil er über die Garantie eines arbeitslosen Existenzminimums eine Art Mindestlohn festsetzt.

Auf dieser theoretischen Basis fußen die Überlegungen Hans-Werner Sinns. Aus der Schlichtheit des Therapievorschlages lassen sich Rückschlüsse auf die Diagnose ziehen. Es müsste sich – medizinisch gesprochen – eher um eine fiebrige Erkältung als um eine arteriosklerotische Gefäßverengung handeln, wenn die Wadenwickel Erfolg haben sollen. Das ist das Problem in der Debatte: Ob Regierung, Opposition oder Teile der Wissenschaft – am Ende haben sie für jedes ökonomische Problem den gleichen Therapievorschlag aus dem 19. Jahrhundert. Wen wundert dann die Skepsis des Patienten gegenüber den Vorschlägen aus der „ökonomischen Schulmedizin“?